neben ihr Ilse von Schulenburg , groß und stattlich . Und als nun der Zug heran war , öffnete sich der Kreis , und mit Hülfe von Seilen und Bändern , die zur Hand waren , wurde der Sarg hinabgelassen . Und nun schwieg die Glocke , und die Domina sagte : » Sprich den Spruch , Ilse . « Und Ilse trat bis dicht an das Grab und betete : » Unsre Schuld ist groß , unser Recht ist klein , die Gnade Gottes tut es allein . « Und alle Nonnen wiederholten leise vor sich hin : » Und die Gnade Gottes tut es allein . « Danach warfen die Zunächststehenden eine Handvoll Erde dem Toten nach , und als ihr Kreis sich gelichtet , drängten sich die Kinder von außen her bis an den Rand des Grabes und streuten Blumen über den untenstehenden Sarg : Astern aller Farben und Arten , die sie während der kurzen Zeremonie von den verwilderten Beeten gepflückt hatten . Bald danach war nur noch Grete da und sah auf den Fliederbusch , der bestimmt schien , das Grab zu schützen . Ein Vogel flog auf und über sie hin und setzte sich dann auf eine Hanfstaude und wiegte sich . » Ein Hänfling ! « sagte sie . Und die Bilder vergangener Tage stiegen vor ihr auf ; ihr Schmerz löste sich , und sie warf sich nieder und weinte bitterlich . Als sie sich erhob , sah sie , daß Ilse , die mit den andern gegangen war , zwischen den Rundbögen wieder herauf- und auf sie zukam , allem Anscheine nach , um ihr eine Botschaft zu bringen . Und so war es . » Komm , Grete « , sagte sie , » die Domina will dich sprechen « ; und beide gingen nun , außerhalb des Kreuzganges , zwischen diesem und dem Seeufer hin , und auf das efeuumsponnene Haus mit dem hohen Dach und den rotblühenden Laubstauden zu . Es war schwül , trotzdem schon Oktobertage waren , und die Domina , die nach Art alter Leute die Sonnenwärme liebte , hatte Tisch und Stühle in Front ihres Hauses bringen lassen . Hier saß sie vor dem dichten , dunklen Gerank , durch das von innen her der Widerschein des Kaminfeuers blitzte , und auf das Tischchen neben ihr waren Obst und Lebkuchen gestellt , Ulmer und Basler , und eine zierliche Deckelphiole mit Syrakuser Wein . Grete verneigte sich . » Ich habe dich rufen lassen « , sagte die Domina , » weil ich dir helfen möchte , so gut ich kann . Es soll keiner ungetröstet von unsrer Schwelle gehen . So haben es die Arendseeschen von Anfang an gehalten , und so halten sie ' s noch . Und auch Ilse wird es so halten . Nicht wahr , Ilse ... ? Und nun sage mir , Kind , woher du kommst und wohin du gehst ? Ich frag es um deinetwillen . Sage mir , was du mir sagen kannst und sagen willst . « Und Grete sagte nun alles und sagte zuletzt auch , daß sie zurück zu den Ihren wolle , zu Bruder und Schwester , um an ihrer Schwelle Verzeihung und Versöhnung zu finden . » Das ist ein schwerer Gang . « Grete schwieg und sah vor sich hin . Endlich sagte sie : » Das ist es . Aber ich hab es ihm versprochen . Und ich will es halten . « » Und wann willst du gehen ? « » Gleich . « » Das ist gut . Ein guter Wille kann schwach werden , und wir müssen das Gute tun , solange wir noch Kraft haben und die Lust dazu lebendig in uns ist . Sonst zwingen wir ' s nicht . Und nun gib ihr einen Imbiß , Ilse , und eine Zehrung für den Weg . Und noch eins , Grete : halt an dich , auch wenn es fehlschlägt , und wisse , daß du hier eine Freistatt hast . Und eine Freistatt ist fast so gut wie eine Heimstatt . Und nun knie nieder und höre mein Letztes und mein Bestes : › Der Herr segne dich und behüte dich und gebe dir seinen Frieden . ‹ Ja , seinen Frieden ; den brauchen wir alle , aber du Arme , du brauchst ihn doppelt . Und nun geh und eile dich und laß von dir hören . « Grete küßte der Alten die Hand und ging . Ilse mit ihr . Als diese zurückkam und ihren vorigen Platz an der Efeuwand eingenommen hatte , sagte die Domina : » Wir sehen sie nicht wieder . « » Und hast ihr doch eine Freistatt geboten ! « » Weil wir das Unsre tun sollen ... Und die Wege Gottes sind wunderbar ... Aber ich sah den Tod auf ihrer Stirn . Und hab acht , Ilse , sie lebt keinen dritten Tag mehr ! « 17. Kapitel . Wieder gen Tangermünde Siebzehntes Kapitel Wieder gen Tangermünde Grete war in weitem Umkreise bis an das Gasthaus zurückgegangen , um hier von den Leuten , die ' s gut mit ihr und ihrem Toten gemeint hatten , Abschied zu nehmen . Vor allem von Zenobia . Dann wickelte sie das Kind , das diese bis dahin gewartet hatte , in den Kragen ihres Mantels und schritt aus der Stadt hinaus , auf die große Straße zu , die von Arendsee nach Tangermünde führte . Hielt sie sich zu , das waren der Wirtin letzte Worte gewesen , so mußte sie gegen die vierte Stund an Ort und Stelle sein . Der Weg ging anfänglich über Wiesen . Es war schon alles herbstlich ; der rote Ampfer , der sonst in breiten Streifen an dieser Stelle blühte , stand längst in Samen , und die Vögel sangen nicht mehr ; aber der Himmel wölbte sich blau , und die Sommerfäden zogen , und mitunter