hinter sich . Die Gebäude festester Programme kamen aus den Fugen , und selbst die Senatorin Amster sah sich genötigt , ihre stets vorher auf lange hinaus bestimmte Tagesordnung auszuschalten , zugunsten eines Zwischenzustandes von Pflichten , die alljährlich einmal um diese Zeit auch erfüllt sein wollten . Sie hielt keine ausführliche Entschuldigungsrede darüber . Frau von Hellbingsdorf hatte Verstand . Gut . Demnach mußte sie ohne weiteres einsehen , daß alle Armen , Kranken , Wöchnerinnen , Kinder und moralisch Verbesserungsbedürftige , die der Verein unter seine weitgespannten Flügel zu nehmen pflegte , in der Festzeit enorm viel Mühe , Zeit und Geld kosteten . Sie , die Senatorin , arbeitete ja nur für einen Verein , den von ihr gegründeten , dem sie vorsaß . Mit anderen Vereinen mochte sie nichts zu tun haben , es gab zu viel törichte und rechthaberische Frauen darin , himmelschreienden Dilettantismus im Sozialen . Aber in ihrem Verein sollte vorbildliche Arbeit geleistet werden - auch gerade in der Art der Weihnachtsfeier . Keine Massenbescherung mit Gesang , Ansprache , Verlegenheit und Stiefelgeruch . Nein , individuell ! Jedem das ins Stübchen bringend , was gerade ihm Freude und Nutzen bedeutete . Das war nicht so einfach ... Sophie sah , wie von ihr erwartet wurde , völlig ein , daß Marieluis vom zwanzigsten Dezember ab nicht mehr sitzen konnte . Es war ihr selbst so lieb . Erstens wegen des Bildes . Wenn sie acht Tage nicht daran arbeitete , bekam sie mehr Ferne dazu . Es war doch immer die Gefahr , sich so hineinzumalen , daß die Selbstkritik schlafenging . Die zeitweise Trennung vom werdenden Werk verbürgte das Wiedererwachen der Selbstkritik . Es lag Sophie so viel an dem Bild , wie noch an keinem - es sollte ein Meisterwerk werden . Immer mehr interessierte sie sich für dieses Mädchen . Welch fester und ganz in sich abgeschlossener Charakter . Ein Wesen , das über sich selbst Bescheid wußte und mit sich im reinen war . Bedeutend vielleicht sogar . Kühl ? Nein , das glaubte Sophie nicht . Aber doch wohl eine Verstandsnatur . Wenn die dann einmal von einer Leidenschaft erschüttert werden ! Das kann ernste Kämpfe geben ... Und Sophie bildete sich ein , daß diese Marieluis ein stilles Gefühl des Wartens mit sich herumtrage - eine Art verschwiegener Neugier , die sich manchmal fragte : » Was ist mir noch aufbewahrt ? Hab ' ich schon die unerschütterliche , dauernde Form für mein inneres Sein gefunden ? « Es war also der Malerin lieb , über ihre Arbeit und ihr Modell , fern von beiden , nachdenken zu können . Und die Mutter freute sich auch der gewonnenen Zeit . Raspe kam doch . Und in ihrem geräumigen Zimmer wollte sie den Söhnen einen kleinen Aufbau machen , damit sie ein bißchen brenzligen Tannenduft röchen . Allert hatte auch mehr Muße als sonst in der eigentlichen Weihnachtswoche . Sein Geschäft wurde von den starken Wogen der Weihnachtsansprüche ja nicht bewegt , hatte nichts damit zu tun , vielmehr spürte es eine gewisse Ferienlässigkeit , die zu hohen Festzeiten selbst Industrie , Großhandel und Politik erfaßt . Das war eine Freude , als kleine , beschützte , schwesterliche Mutter zwischen zwei großen Söhnen durch die bunten Straßen zu gehen und ein bißchen in den » Hamburger Dom « hineinzugucken . Eine volksfestliche Veranstaltung , die sich von riesigen Schützenfesten und Vogelwiesen eigentlich nur dadurch unterschied , daß sie mit weihnachtlichen Dekorationen aufgeputzt war . In der Winterkälte führte der » Dom « sein Dasein halb bei künstlicher Beleuchtung im Freien , wo der Tag schon gegen vier Uhr endete , halb in phantastisch ausgestatteten Prunksälen . Das gab ihm etwas Mittelalterliches , Rembrandtsches , aus düsterer Ungewißheit und grellem Trubel seltsam gemischt . Und man konnte sich so leicht in die Zeit zurückdenken , wo Buden aus grauer Zeltleinwand , von Schnee umwirbelt , mit einem baumelnden Oellaternchen kümmerlich erleuchtet , sich um den Dom scharten - versunken längst die Kirche , verändert die Gebräuche , geblieben nur ein Name , und dennoch ein Stimmungsfest des historischen Zaubers . Und wenn sie so in der fremden Stadt , die nicht ihre Heimat war , unter der unbekannten Menge sich vom Strom des Lebens mittragen ließ , kamen ihr weitgespannte Empfindungen . Und am Abend des Festes gab sie ihnen Ausdruck . Nach einem wundervollen Spaziergang am blaugrau verdämmernden und von Millionen Lichtern besternten Hafen kamen sie heim . Auf dem Tisch stand das Teegeschirr neben einem köstlichen Korb voll Orchideen , den Tulla Rositz geschickt hatte , und in der Ecke brannte der Tannenbaum . Es war das Zimmer einer Pension . Zwar besaß Sophie die Kunst , die Gemütlichkeit überall mit hinzunehmen . Aber man spürte ja doch : dies war kein Heim . Gerade auch der Charakter des Provisorischen in der Umwelt steigerte noch die Kraft ihrer Betrachtungen . » Wie ein Blatt vor dem Winde bin ich , « sagte sie zu den Söhnen ; » spurlos verweht der einzelne Mensch aus der Menge . Sie weiß nicht , daß er da ist , sie vermißt ihn nicht und wird nicht geringer , wenn er stirbt . Man müßte verzweifeln über die Tragödie des Sandkornschicksals in der Menschenwüste , dieser Getrenntheit von allem Zukünftigen , wenn es nicht Fäden gäbe , die auch ein bescheidenes Dasein hinüberleiten können in das Kommende und ihm eine Art Unsterblichkeit sichern . Wer ein Stück Erdboden hat - ein eigenes Dach - einen Besitz , den er Söhnen und Enkeln weitergeben kann - die ihn erhalten und pflegen - ja , der lebt weiter . Denkt doch : wie viel Generationen war unser Gut , die eigene Scholle , zugleich die Unsterblichkeit der Vorfahren . - Was sie gebaut , gepflanzt hatten , ließ sie fortleben , und die Steine der Mauern sprachen von ihnen , und die Bäume rauschten ihre Namen . « » Ja , Mutter