. « Allmählich erfuhren die Herren von Tschun alles , was er gesehen und gehört , und begannen nun ihrerseits zu kombinieren . Und dazwischen flehte Tschun nochmals : » O helft dem Kaiser , rettet ihn ! « » Was für einen Unsinn redet da der Knabe , « sagte der Ta-jen und setzte würdevoll hinzu : » Was da auch geschehen mag , das sind interne chinesische Angelegenheiten , in die uns keinerlei Einmischung zusteht - aber beobachten müssen wir sie und darüber berichten . « Und da diese Aufgabe der Diplomatie bei der augenblicklichen Lage offenbar in Peking leichter als im entlegenen Tempel zu erfüllen sein würde , so ward beschlossen , gleich am nächsten Tage aus dem Tempel der unendlichen Stille in die Stadt der tausend Düfte zurückzukehren . In Peking erfuhren sie dann allmählich , was sich in Wirklichkeit zugetragen , und wovon Tschun nur einzelne Bilder gesehen . Die ganze Stadt war voll von allerhand unheimlichen Nachrichten . Mandschus , Chinesen , all die Fremden , die aus den Tempeln und vom Seebad Peitaho zurückgeeilt waren , - niemand sprach von etwas anderem , als was geschehen , und was doch niemand ganz genau wußte . Die wildesten , sich widersprechendsten Gerüchte tauchten plötzlich auf , zerfielen ebenso rasch , wurden von neuen ersetzt . Und zum erstenmal tauchte auch vorübergehend unter den Fremden die Besorgnis auf , ob inmitten all dieser Strömungen und rätselreichen Vorgänge die Sicherheit der Ausländer gewahrt bleiben würde . Am besten schien mal wieder der alte weißbärtige Bischof des Petang über alles unterrichtet zu sein . Eigentlich hatte er ja manches sogar vorausgesagt . - Er kam denn auch gleich zum Ta-jen und erzählte ihm : » Unmittelbar nach seiner Rückkehr von seinem letzten Besuch bei der Kaiserin im Sommerpalast und noch ganz erregt von dem Auftritt , den er dort mit ihr gehabt , hatte der Kaiser zweierlei getan . Anstatt Kang yu wei gefangennehmen zu lassen , wie die göttliche Mutter es befohlen , hatte er ihm geschrieben , warum er sich noch nicht auf seinen neugegründeten Posten eines Inspirators der Zeitungen nach Schanghai begeben habe . Und Kang yu wei , die versteckte Warnung dieses Ediktes wohl verstehend , war noch zur selben Stunde aus Peking geflohen . - Nachdem aber der Kaiser also auf alle Fälle für des Freundes Sicherheit gesorgt , ließ er Yüan schi kai zu sich rufen und frug ihn , in der spukhaft dämmernden Audienzhalle und zum letztenmal auf dem Drachenthrone sitzend , ob er , sein Kaiser , in allem auf ihn rechnen könne ? Yüan schi kai hatte geantwortet , der Kaiser könne über ihn verfügen , als ob er sein Hund sei . Darauf hatte ihm der Kaiser befohlen , nach Tientsin zu fahren , Yung Lu dort umgehend hinrichten zu lassen und dann mit dessen Truppen nach Peking zu kommen , um die Kaiserin Tzü Hsi gefangenzunehmen . Yüan schi kai ging scheinbar auf alles ein und reiste umgehend nach Tientsin . Dort aber begab er sich zu Yung Lu , der sein geschworener Blutsbruder war , und enthüllte ihm den ganzen Anschlag . Dies war der Anlaß zu Yung Lus unerwartetem Erscheinen im Sommerpalast gewesen . Er kam in alter Treue Tzü Hsi zu warnen , und sie , die in der Gefahr nie versagte , sondern stets sprungbereit aufschnellte , hatte , rasch entschlossen , Kwang Hsüs Stadtpalast noch in der Nacht von Li lien yings Leuten umstellen und die ihm ergebenen Wächter entfernen lassen . Am Frühmorgen des nächsten Tages war der ahnungslose Kaiser , dem die Reformatoren die Rolle eines Peters des Großen zugedacht , von den triumphierenden Anhängern der Kaiserin gefangengenommen worden . In dem zum Stadtpalast gehörenden Parke , auf einer kleinen Insel , die man Ozeanterrasse nannte , saß er nun eingekerkert . Tzü Hsi aber , von dem nachts in den Sommerpalast berufenen Großen Rat und den Mandschufürsten bestürmt , das Reich zu retten , indem sie die Regentschaft wieder übernähme , hatte , scheinbar widerwillig , ihrem Drängen nachgegeben . Mit dem grimmen Humor , der sie kennzeichnete , hatte sie sofort ein Edikt im Namen des Kaisers erscheinen lassen , worin dieser ihr seine grenzenlose Genugtuung darüber aussprach , daß sie endlich seine oft vorgebrachte Bitte erfülle und ihm die allzuschwere Bürde der Regierung wieder abnähme . « Nachdem die geistliche Macht der weltlichen also von ihrem Wissen gespendet , empfand der Ta-jen das Bedürfnis , nun auch seinerseits dem Bischof etwas Neues mitteilen zu können . So erzählte er ihm , daß er einen jungen Boy habe , und zwar einen einstmaligen Schüler der Petang-Mission , der jene Entscheidungsnacht im Sommerpalast verbracht habe . Darauf begehrte der Bischof Tschun zu sprechen und ließ sich über alles , was er gesehen hatte , genau berichten . Als Tschun dann alle Fragen beantwortet hatte , faßte er sich ein Herz und sagte : » Ach , hochwürdiger Herr Bischof , ich hörte die Eunuchen im Palast erzählen , Kang yu wei habe im geheimen zum Christentum gehalten , und der Kaiser sei auch schon beinah dem lieben Gott gewonnen gewesen . Wenn Ihr ihn jetzt befreitet , würde er sich sicher bekehren , und dann gäbe es nie mehr Christenverfolgungen in China . Es wäre doch gar zu traurig , wenn das alles durch die Kaiserin vereitelt würde . Könnt Ihr denn gar nichts für ihn tun ? « Der Bischof zuckte die Achseln : » Ich fürchte , das ist unmöglich , « sagte er , » so herrlich es gewesen wäre , wenn die Hoffnung , einen christlichen Kaiser Chinas zu erleben , die schon die Jesuitenpatres im siebzehnten Jahrhundert hegten , sich jetzt erfüllt hätte . Aber « , setzte er dann nachdenklich hinzu , » wer weiß , welche himmlische Fügung doch in all dem liegen mag : dieser Kang yu wei soll nämlich sehr unter dem Einfluß der amerikanischen protestantischen Missionare gestanden haben