sah sich im Münster zu Berchtesgaden hinter einer Säule stehen , das Messer im Ärmel verborgen ; er sah die Stiftsherren beim Rauschen der Orgel zu ihren Chorstühlen kommen , alle , alle - und nur ein einziger kam nicht und blieb verschwunden : Hartneid Aschacher . Er sah einen grauen Wintermorgen und sah , wie ihm die schweigende Hebfrau auf seine ausgestreckten Hände hin ein verdrehtes , widersinnig verschobenes Menschenkind legte , das die Augen nicht auftat , immer das schmerzhafte Mündchen öffnete und doch nicht lallen wollte . Er sah - Da legte er langsam den Arm über seine Augen . Lautlos trat er hinaus in die Nacht . Nun saßen Vater und Tochter auf dem schmalen Bänklein , Schulter an Schulter , immer schweigend . Dann fing Runotter ruhig zu reden an und erzählte von dem Stellmann , den er für Jakob gefunden . Wieder schwiegen die zwei . Und immer leiser wurde das Lied der Frösche , immer weiter schien es fortzurücken , immer ferner in die Nacht hinauszuschwimmen . Es wurde zuletzt wie eine feine Stimme , die zärtlich herausflüsterte aus dem Dunkel : Komm , komm , komm , komm - » Das hör ich gern ! « sagte Jula . Nun erzählte Runotter von der Arbeit im Hof daheim . » Aber arg still ist ' s im Haus . Tät mir recht sein , wenn der erste Reif schon da war und du kämst mit dem Jakob wieder heim ! Beieinand sein ist allweil das best . Aber jetzt muß ich fort , muß noch ein paar Weg machen in der Nacht . « Er war aufgestanden und hatte Jula schon die Hand gereicht . Und nun erst sprach er von dem anderen , von der Narretei dieser Pfändung . Die Hirtin erschrak . Und in der Sorge um ihre Tiere , die sie liebhatte , sprach sie zornige Worte . Der Vater schob die Füße in die Schuhe . » Komm , geh ein lützel weiter vom Käser weg . Der Bub soll mich nit sehen , wenn er aufwacht . Der braucht ' s nit wissen . « Die beiden gingen langsam in die Nacht hinaus , Runotter mit Zaum und Gurt über dem Arm . Als der Vater stehenblieb , sagte Jula in Zorn : » Das ist doch unrecht , Vater ! « » Mehr Unverstand und ein lützel Irrtum , der sich weisen wird . Ich glaub eh , sie lassen ' s gut sein . Aber kommen die Pfändleut ; so mußt dich nit aufregen . Ich schick dir morgen in der Früh den Heiner herauf . Tat selber kommen , wenn ich nit bei der Gnotschaft sein müßt . Und zum Paß dahinten , gegen den Hallturm , leg ich einen Buben als Lugaus . Merkt er die Pfändleut , so muß er heimspringen und unter der Alben drei Juchzer tun , daß du weißt , sie kommen . Da geh mit dem Jakob vom Käser weg , weit weg , bleib in den Stauden hocken und tu dich nit kümmern um die ganze Sach . Der Heiner macht schon alles . « » Vater , das ist hart , daß du mich wegschicken tust von meiner Herd ! « » Bloß wegen dem Buben , weißt ! In drei , vier Tag ist alles wieder gut . Leicht morgen zum Abend schon . Über den Bruchboden bringen die Pfändleut so viel schwere Küh nit hinüber . Da müssen sie durch die Ramsau . Und beim Seppi Ruechsam steht die Gnotschaft mit unserm Recht . Kann sein , ich bring die Küh vor Nacht wieder her . Geht ' s anders , so tu ich Botschaft schicken . Da bleibt der Heiner zum Ochsenhüten , und du mit dem Buben kommst heim . « Jula konnte nicht reden . Runotter tat auf den Fingern einen Pfiff . Ein Pochen wie von zwei schweren Hämmern ließ sich hören , und der Schimmel kam aus der Nacht herausgaloppiert . Der Richtmann fühlte an den Gaul . » So ? Hast du dein warmes Jäckl schon wieder abgebeutelt ? « Er gürtete und zäumte den Schimmel . Da sagte Jula : » Daß die Leut so schlecht sein können ! « » Wie ' s half geht ! « » Muß das allweil so sein ? Und ist das allweil so gewesen ? « » Ein Sträßl zum Besseren gibt ' s überall , und gewesen ist ' s auch nit allweil so . Meines Vaters Vater hat als junger Bursch noch leben dürfen in der , seligen Heinrichszeit . « Beklommen fragte die Hirtin : » Was für eine Zeit ist das gewesen ? « » Bald hundert Jahr ist ' s her , da hat im Land ein guter Fürst regiert , Herr Heinrich von Inzing . Von dem hat meines Vaters Vater als altes Mannderl oft erzählt , und wenn er geredet hat von ihm , sind die Leut herumgesessen , mäuserlstill , und jedem ist ein Glanz in den Augen gewesen . « » Da hätt ich leben mögen ! « sagte Jula leis . » Ja , Kind , selbigsmal , sagen die alten Leut , da wär das Gadener Land wie ein Paradeis gewesen . Und nit der Herrgott hat ' s gemacht . Ein Mensch ! Da glaub ich dran : Ein starker und guter Mensch macht tausend glückselige Leut und greift dem Elend der Welt ins Karrenrad . « Runotter sprang auf den Gaul . » Der Schimmel hat die besseren Augen . Da geht ' s flinker . Gut Nachts Kindl ! Und morgen tust so , wie ich ' s haben will . Gelt ? « Er faßte die Hand , die Jula ihm hinaufbot . » Gestern noch die beste Ruh , und heut so eine Sorg ! Möcht nur wissen , wer die Narretei da aufgerührt hat . Der Marimpfel kann ' s nit gewesen sein