manches Mal ein heißer Gram über ihr erdrücktes Frauenschicksal , dieses eisige Nichts , das ihre Wünsche schwer umschloß , daß sie hart und starr eingekapselt blieben , wie feste , grüne , unerschlossene Knospen , denen kein Sonnenstrahl dazu verhilft , sich zu öffnen und zu blühen . Manchmal tauchten ihr Zusammenhänge auf , die ihr plötzlich die Gründe dieser seltsamen Lage deutlich erscheinen ließen und die merkwürdig mit jenen Ahnungen zusammentrafen , die ihr , unabhängig von ihrem persönlichen Erleben , die tiefsten Motive der Frauenbewegung erhellten . Aber sie fürchtete sich , über ihr persönliches Schicksal zu grübeln . Noch war sie stark genug , diese dunkeläugigen , düster umwallten Fragen fortzudrängen , wenn sie sich , wie Phantome , an sie herandrängten . Noch war sie stark genug , zu sagen : rege dich , rühre die Hände , greife nach dem Nächsten , wenn diese Dämonen dich bedrängen . Und sie schob sie immer wieder von sich , mit starker Hand , in der der Wille noch wirkte . Eine Menge peinlicher Beschwerden erwarteten sie bei den ersten Versuchen ihrer Niederlassung . Mit ihren knappen Mitteln konnte sie nur schwer ein besseres Mietszimmer finden , und in der Berliner » möblierten Wirtin « lernte sie eine Spezies kennen , die sie bald fürchtete . Da wurde jeder Handgriff , jede Kanne heißen Wassers , jede abgespülte Teetasse separat auf Rechnung gesetzt . Dann mußte sie Tag für Tag ausgehen und in den Restaurationen nach billigen Menus suchen , die noch immer für sie viel zu teuer waren . Auch Stanislaus hatte erst nach längerem Aufenthalt in Berlin eine Stube gefunden , deren Wirtin ihm ein genießbares Essen zu einem erschwinglichen Preise bot . Bei dieser Frau konnte Olga nicht mehr unterkommen , auch liebte sie die Gegend nicht , das weite Straßenmeer von Charlottenburg mit seinen langen und breiten Straßenzügen und den riesigen Plätzen , bei deren Überquerung man müde wurde . Viel besser gefiel es ihr in den westlichen Villenvororten , und sie beschloß , so bald als möglich in eines jener landhausartigen Mietshäuser zu ziehen , die mit ihren einfachen Fassaden und der raumgebenden , offenen Bauweise , welche zwischen Haus und Haus Gartenflächen legt , so anziehend wirkten . Freilich war sie , wenn sie da hinauszog , dem Tiergarten entrückt , in dessen Nähe sie vorderhand wohnte . Alle ihre Wege » nach der Stadt « wie sie , nach Wiener Art , immer noch die Hauptstraßen Berlins nannte , nahm sie zu Fuß durch den Tiergarten , und dieser große , wunderbare Park , der da mitten im Herzen der Weltstadt wie eine grüne Zuflucht liegt , entzückte sie , wie niemals eine Wiener Parkanlage . Sie liebte diesen reichen , wechselvollen Baumbestand , diese gebogenen Fußwege , diese zahlreichen Wasserflächen , die die Luft so zart , so durchsichtig und frisch erhielten , ja , sie liebte vor allem diese Luft , dieses Klima von Berlin und besonders die Atmosphäre des Tiergartens . Und daß er so mitten drin in der Stadt lag , schien ihr das Schönste . Denn was hat man von einem Park , dachte sie , zu dem man erst eine lange Reise unternehmen muß . Trotz ihres Alleinseins in ihren ersten Berliner Wochen fühlte sie sich doch nicht einsam . Auch den Bruder , der mit der Fertigstellung seines Buches beschäftigt war , sah sie nur selten . Sie hatten verabredet , daß sie vorderhand voneinander nicht mehr Notiz nehmen wollten , als gute Bekannte , die zufällig in derselben Stadt sind , daß keiner dem anderen durch seine Anwesenheit Verpflichtungen auferlegen sollte . Und er hatte ihr erklärt , daß es mit der Zeit hier in Berlin ein ganz anderes Ding sei , als in Wien . Die Menschen verteidigten hier ihre Zeit viel schärfer . Durch die großen Entfernungen sei die Zeit hier ein kostbares Gut , auf das man sehr gut achten müsse , damit es einem nicht unter den Fingern zerränne . Die Leute , die hier arbeiten wollten , hatte er gesagt , die säßen nicht täglich nachmittags im Kaffeehaus und machten einander nicht wöchentlich ein paarmal Besuche . » Mitten im Gewimmel verkapselt sich jeder , der etwas leisten will , in eine viel dichtere Einsamkeit , als du es von Wien aus gewohnt bist . « - Und in diesen ersten Wochen dachte sie manchmal an den pathetischen Pankratius , wie er mit seinem tiefen Baß weintrunken verkündet hatte : » Der moderne Prophet geht in die Wüste der Weltstadt . « Und so lernte sie es , allein zu sein und auch Mußestunden allein zu genießen . Neugierig durchstreifte sie manchmal die Straßen und immer hatte sie das fröhliche Gefühl : allein , allein , - keine Seele erwartet dich , niemand kritisiert deine Kleidung , findet dich zu wenig modern kostümiert , zu wenig » adrett « , zu bequem . Du hast hier keine überflüssige , zeit- und geldraubende steeple-chase eines konventionellen Geschmackes mitzumachen , kannst hier umherlaufen , wie du bist und als was du bist . Und sie summte so manches Mal , mitten im Getriebe der Straße , ein altes Couplet vor sich hin , daß sie draußen , in Grinzing , von Volkssängern gehört hatte : » Und sollte auch mein Hemd Durch tausend Löcher schimmern , So hat sich doch kein Mensch , - kein Mensch darum zu kümmern . Und sollte ich dereinst Auch in der Hölle wimmern , So hat sich doch kein Mensch , - kein Mensch darum zu kümmern . « - - - Wenn sie ordentlich gebummelt und sich ganz berauscht hatte an diesem Gefühl der Geborgenheit , das ihr die Fremde der Weltstadt gab , dann landete sie gern im » Erfrischungsraum « eines großen Warenhauses , vergönnte sich da Kaffee und Kuchen und setzte sich dann ins Lesezimmer des Hauses . Eine Menge Zeitungen standen da zur Verfügung . Am liebsten saß