beraubte ihn der gegenständlichen Gründe . Er nahm die Lampe und schritt voraus . Anna , die zurückblieb , räusperte sich empört , dies beirrte aber Frau Behold keineswegs , als Antwort zuckte sie nur verächtlich die Achseln . Daumer stand so versonnen an Caspars Lager , daß er die Lampe wegzustellen vergaß . In der Tat mochte es schwerlich etwas Schöneres zu sehen geben als den Engelsfrieden und die rosenhafte Heiterkeit , die auf dem Gesicht des Schläfers leuchteten . Frau Behold schlug unwillkürlich die Hände zusammen , und darin lag Wahrheit und Gefühl . » Bestehen Sie noch darauf , ihn zu wecken ? « fragte Daumer richterlich . » Der Schlaf ist heilig . Die seligen Geister werden fliehen , sobald unsre Hand ihn berührt . « Frau Behold klappte die Lider auf und zu , als wolle sie das bißchen Rührung davonjagen , wie man Fliegen mit einem Wedel vertreibt . » Schön gesagt « , spottete sie , und ihre Stimme surrte wie das Rädchen einer Spindel . » Aber ich bestehe auf meinem Schein . Ich will dem Buben was dafür schenken , und was die seligen Geister betrifft , die kommen wieder , zum Schlafen gibts Nächte genug . « Während Daumer den Schlafenden bei den Schultern emporhob und durch zärtliches Zureden mehr sich selbst als Caspar zu beschwichtigen schien , zeigte sich in dem kleinen Gesicht der Frau Behold eine wunderliche Erregung . Sie blinzelte mit den Augen , ihre Unterlippe wurde schlaff und entblößte eine schmale , feste Zahnreihe wie bei einem Nagetier . » Pauvre diable « , murmelte sie , » armes Herzle « , und erfaßte Caspars Hand . Davon erwachte Caspar völlig , befreite die Hand mit einem Ruck und schüttelte sich . Sein trunken-müder Blick fragte , was man mit ihm vorhabe , Daumer erklärte es , schenkte Wasser in ein Glas und gab es ihm zu trinken , nahm den Sonntagsrock , der schon bereitlag , und hielt ihn zum Anziehen hin . Caspar heftete den verdunkelten Blick auf Frau Behold und sagte trotzig : » Ich will nicht zu der Frau . « » Wie , Caspar ? « rief Daumer erstaunt und verletzt . Zum erstenmal vernahm er dies » ich will nicht « , zum erstenmal stand Caspars Wille gegen ihn auf Caspar war selber erschrocken , sein Blick war schon wieder gefügig , als Daumer mit ernsthaftem Ton fortfuhr : » Ich aber will es . Ich will auch , daß du die Dame um Verzeihung bittest . Es geht nicht an , daß du eine Laune über dich Herr werden läßt . Wenn wir uns der Rücksichten gegen die Menschen entbinden würden , stünden wir alle so hilflos da wie du am ersten Tag . « Mit niedergeschlagenen Augen tat Caspar , was ihm befohlen worden . Frau Behold nahm den ganzen Auftritt nicht schwer . Sie tätschelte Caspars Wange und fand den Professor Daumer ziemlich komisch . Eine halbe Stunde später waren sie in den festlich erleuchteten Zimmern der Rätin . Caspar , von Menschen umdrängt , mußte die gewöhnliche Flut der Fragen über sich ergehen lassen . Frau Behold wich nicht von seiner Seite , sie lachte , beinahe zu allem , was er sagte , und er wurde allmählich verwirrt und unruhig , empfand Angst vor den Worten ; es schien ihm gefährlich , zu sprechen , es war , als ob alle Worte zwiefach vorhanden wären , einmal offenbar , das andre Mal verhüllt , und so wie die Worte hatten auch die Menschen etwas Zwiefaches , und unwillkürlich suchten seine Blicke in ein und derselben Person die zweite , die lauernd hinterherging und verführerisch mit dem Finger winkte . Es war ihm unverständlich , was sie von ihm wollten , ihre Kleidung , ihre Gebärden , ihr Nicken , ihr Lächeln , ihr Beisammensein , alles war ihm unverständlich , und auch er selbst , er selbst fing an , sich unverständlich zu werden . Indessen verlebte Daumer eine böse Stunde . Frau Behold , die stolz darauf war , ihr Haus zum Sammelort vornehmer Fremden zu machen , hatte heute einen Herrn zu Gast , der , wie man sich erzählte , unter falschem Namen reiste , da er in wichtiger diplomatischer Mission nach einer Residenz im Osten des Landes unterwegs sei . Man raunte sich auch zu , daß der hohe Fremde großes Interesse an dem Findling Hauser nehme und daß er vielen einflußreichen Personen gegenüber sich abfällig und tadelnd über die unsinnigen Gerüchte geäußert habe , die Caspars Herkunft zum Gegenstand hatten . Und man muß gestehen , daß die einflußreichen Personen sich dem Gewicht einer solchen Meinung nicht verschlossen , aber das Treiben des vornehmen Herrn gab auch Anlaß zu mancherlei Verdacht , und der Redakteur Pfisterle , Querulant wie immer , behauptete sogar , der diplomatische Herr sei nach seiner Ansicht nichts andres als ein verkappter Spion . Wie dem auch war , von all diesen Neuigkeiten hatte Daumer in seiner Weltverlorenheit nichts erfahren . Der Fremde gesellte sich nach kurzer Weile zu ihm , und sie kamen ins Gespräch , wobei es jener leicht anzustellen wußte , daß sie sich von den übrigen Gästen absonderten . Daumer , eingeschüchtert durch die Manieren , die delikate Zwanglosigkeit des hohen Herrn , dessen Rockbrust voller Orden hing , wußte zuerst kaum etwas zu sagen , antwortete bloß wie ein Schüler mit nein und ja . Allmählich gab er sich freier und erzählte seinem Zuhörer vieles von Caspar , kam auf dessen furchtsames Wesen zu sprechen und schilderte wie zur Erläuterung das Benehmen des Jünglings , als er heute abend , vor einem eingebildeten , ohne Zweifel eingebildeten , Verfolger flüchtend nach Hause gekommen war . Der Fremde hörte aufmerksam zu . » Vielleicht hat er sich aber gar nicht getäuscht , « entgegnete er vorsichtigen Tons , » es mag sich da mancherlei in der Verborgenheit abspielen . Meines Wissens haben