letzten Abende . Er schlief , sie rieb ihm das Bein . Da sagte sie zu mir - so - leise , wissen Sie : Pichwit , wenn ich einmal nicht hier sitze , dann müssen Sie meinen Platz einnehmen . Sehen Sie , Herr Pastor , da wußte ich alles , alles ; was konnte ich tun ? Ganz leise hatte sie das zu mir gesagt , als ob sie mir ein Geheimnis anvertrauen wollte . Ich war seit einigen Nächten auch nicht mehr draußen im Park . Wozu ? Ich glaube auch , es wäre ihr nicht recht , daß man unten steht und zu dem Turm hinaufsieht . Aber Sie , Herr Pastor , ich glaubte fest , Sie würden etwas tun . « » Was kann ich tun « , antwortete Werner , » wem können wir denn sein Schicksal aus der Hand nehmen . « » Ja , vielleicht ist das so « , gab Pichwit zu . » Aber ich hab ' so fest auf Sie gehofft . Jetzt ist es aus . Ich bleibe natürlich in Dumala , sie hat mir ja einen Auftrag gegeben . Auf Sie , lieber Herr Pichwit , kann ich mich verlassen , sagte sie einmal . O ja ! auf mich kann sie sich verlassen . Ja , nun werd ' ich gehen . Zum Frühstück muß ich da sein . « » Gehen Sie , Herr Pichwit « , sagte Werner . » Ich geb ' Ihnen meinen Pelz , und schweigen Sie . « Als Werner zum Mittagessen kam , war die Nachricht von Karolas Flucht schon zu Lene gedrungen . Die Baronin Huhn war am Pastorat angefahren , nur , um die Neuigkeit mitzuteilen und vielleicht welche zu hören . Lene ereiferte sich sehr über den Fall . Sie war entrüstet . Etwas Ähnliches hätte sie dieser Frau schon zugetraut , aber das war unerhört . Den todkranken Mann zu verlassen , um mit diesem Rast durchzugehen ! Werner schob seinen Teller fort und stand vom Tische auf . » Willst du nicht essen ? « fragte Lene . » Nein , « antwortete er , » nicht mehr essen und nicht mehr hören . « Damit ging er hinaus . Als Lene ihm in das Wohnzimmer nachkam , hatte sie rote Backen und den eigensinnig kampflustigen Ausdruck , der anzeigte , daß sie entschlossen war , heute ihren kleinen Streit zu haben . Sie fuhr ein wenig unwirsch im Zimmer hin und her , blieb dann vor Werner stehen und begann sehr schnell und beredt zu sprechen : » Du nimmst das übel , was ich sagte . Verzeihen ist christlich , das weiß ich auch . Aber deshalb darf man eine solche Frau nicht entschuldigen . Das ist nicht zu entschuldigen . Natürlich bin ich entrüstet . Jede anständige Frau muß in solchen Fällen entrüstet sein . Ich würde mich vor dir und mir selbst schämen , wenn ich nicht entrüstet wäre . Man hat doch auch seine Standesehre , und solch eine Frau bringt den Stand der christlichen Ehefrau in Verruf , und deshalb kann ich sagen , ich verachte diese Frau , und wenn ich auch nur eine kleine Pastorsfrau bin und sie die große Baronin von Dumala ist . « Außer Atem hielt sie inne und sah ihren Mann an , erwartete mutig einen Zornesausbruch , ein donnerndes » Lene ! « Er schwieg aber , und als er sprach , klang es sanft und müde : » Ach , Kind ! Was wissen wir , was verstehen wir von dem , was in anderen vorgeht ! Wie können wir urteilen ! Du und ich , wir leben nah beieinander . Was wissen wir voneinander ? Was können wir füreinander tun ? Wie die Pakete im Güterwagen , so stehen die Menschen nebeneinander . Ein jeder gut verpackt und versiegelt , mit einer Adresse . Was drin ist , weiß keines von dem anderen . Man reist eine Strecke zusammen , das ist alles , was wir wissen . « Lene erschrak . Er sah bleich aus , und ein Zug wirklichen Leidens malte sich auf seinem Gesichte . Er tat ihr leid . Sie ging zu ihm , legte die Hand auf seine Schulter . » Bist du krank , Erwin ? « fragte sie . » Ich ? Nein . Warum ? « » Du hast zu Mittag nichts gegessen . « Sie dachte nach . Jetzt hatte sie es . » Hör ' , Erwin , ob ich dir nicht einen ganz starken , ganz süßen Grog mache ? « Werner lächelte . » Ja , Lene , mach ' mir einen ganz starken , ganz süßen Grog . Das ist wenigstens noch etwas , das einer für den anderen tun kann ! « Werner hatte einigemal in Dumala nachgefragt , jedoch den Bescheid erhalten , der Baron sei leidend und empfange nicht . » Ein böser Anfall « , sagte Doktor Braun . » Na , kein Wunder . Ich hätte selbst davon einen Anfall bekommen können . « Eines Nachmittags schickte Werland in das Pastorat hinüber und ließ den Pastor bitten , doch zu ihm zu kommen . Werner fand den Baron auf seinem gewohnten Platz am Kaminfeuer , wohl frisiert und parfümiert . Er rief dem Pastor sein gewöhnliches » Ach - unser Seelsorger ! « entgegen . Auf dem niedrigen Stühlchen zu seinen Füßen saß Pichwit und rieb ihm sein schmerzendes Bein . » Ja , « sagte Werland , » das macht Pichwit ganz gut . Er hat eine leichte Hand . Dichter haben immer leichte Hände . « Man sprach vom Frost , der nun endlich gekommen war und gleich mit großer Schärfe einsetzte . So lange Eiszapfen am Dach hatte man lange nicht gesehen . Der Baron erzählte von Eiszapfen früherer Jahre . Die Rehe mußten fleißig gefüttert werden . Die Hasen machten verzweifelte Anstrengungen , um an die