und dann ohne Erlaubnis den Nähschub aufgetan , um tausenderlei Ringwerk , feine , bunte Kinderkettchen auch , lustiges Schnitzwerk und metallnes Knöpfelzeug , und dem Auge insgesamt so recht lüsterne Dinge auszukramen . Alles das gehörte zu Fräulein Resedas ganzem Leben . Und es däuchte ihm , daß er jetzt Fräulein Reseda gut kannte . Und es däuchte ihm auch , als ob er schon einmal im Traume auch vor diesem Nähtisch gesessen , mit den bunten Blinkeflittern gespielt , die Lichtbilder gegen die abendgeröteten Fenster in Vision gesehen , den ganzen , vielgestaltigen , winzigen Nippkram des Glasschrankes angestaunt , den feinen , spitzen , fremden , kühlen Ton der Tempeluhr hätte pinken hören , fast wohl gar in einer andern Welt . Und wie dann Fräulein Reseda , als Einhart noch immer versunken gesessen in allerlei Traumspielereien , gar ihr ein wenig gläsern klingendes Klavier geöffnet und weich anschlagend fromme Töne voll fremden Wohlklangs hineinschlang in die Stille , war Einhart zum ersten Male ganz und gar in einem neuen Wunder . 11 Wie Einhart nun einmal war , Sinn und Leben begann eine andere Richtung zu nehmen , seitdem er den steinkristallenen Zauberbecher und die Tempeluhr in Fräulein Resedas Wohnung angestaunt , und seitdem er wußte , daß das grüne Steinkettlein heimlich unter dem weißen Spitzenkräuschen an Fräulein Resedas Halse verborgen blinkte . Seit der Zeit wußte er eigentlich gar nicht , daß ihn etwas wie eine Akademie noch mit tausend Forderungen drückte , und daß es in der Stadt ein Haus gab , wo die sieben Sachen der Kunst des Jahres aufgestapelt bunt herumhingen . Er führte jetzt ein richtiges Müßiggängerleben . Wenn Grottfuß kam , fand er meistens Einhart noch schlafen . Die kleine Lampe war heruntergebrannt . Malutensilien und Skizzen lagen seit Wochen schon umhergestreut . Gewöhnlich lag auch das Buch , worin Einhart gelesen , auf der Diele , weil er es beim Einschlafen hatte fallen lassen , und seine dünnen Decken hingen aus dem Bett heraus . Einhart schlief in dieser Zeit sehr unruhig , weil er die seltsamsten Träume hatte . Nie im Leben hatte man sich um sein » Seelenheil « bekümmert . Dieses Wort gefiel ihm außermaßen . Gerade so empfand er jetzt die Seele und Art von Fräulein Reseda . Gerade so empfand er es , als wenn er von irgendeinem Zwange ein Lebenlang umsponnen , plötzlich genesen wäre . Er begriff es gar nicht . Er hielt sich nur fest , mit allen Sinnen und Wünschen ganz versunken . Sobald Grottfuß ihn geweckt hatte , begann er zu erzählen . Er hatte gewöhnlich den Abend mit Fräulein Reseda zusammen zugebracht . Oft war sie mit ihm vor der Stadt gewesen , irgendwo im Grünen , irgendwo auf einer weiten Wiese wieder unter hohen Eichen , die mächtig im Abendsonnengold umflossen geragt . Sie hatte einen Strauß Frühlingsblumen in Händen gehabt , und er war neben ihr gegangen , ganz beglückt im Sinnen und Staunen , aber nicht nur so im Allerweltswesen der Dinge , gar nicht - - fest umschlossen von den feinen Gefühlen dieser kleinen , vornehmen Person , die in jedem Worte etwas herzutrug von lange her gesammelt und gesichtet , und die jeder Blume sogar mit ihrem Namen eine kleine , süße Sage umband wie eine weiße , durchbrochene Halskrause . Tatsächlich saß Einhart den ganzen Tag womöglich jetzt drüben bei Fräulein Reseda , die natürlich einen ganz anderen Namen hatte , obwohl der süße Duft immer um sie schwebte , und auch ihre ganze Wohnung immer nach Blumen roch . Grottfuß ging einmal mit Einhart hinüber . Fräulein Reseda hatte es gewünscht , Einharts Freund kennen zu lernen . Aber Grottfuß war sehr ernüchtert . Schon weil er eine junge , blonde Sängerin zufällig kennen gelernt hatte , in die er verliebt war . Er nannte es mit Rücksicht auf dieses junge , blonde , verliebte Ding von Elevin , die an einer Musikschule studierte , und die er nun seinerseits besuchte , so oft er konnte , im Grunde lächerlich , mit dieser alten , buckligen , moralischen Person sich abzugeben . Hauptsächlich aber , weil sich Grottfuß bei Fräulein Reseda ganz aus dem steifen , theoretischen Gleichgewicht gebracht sah . Aber Einhart war um so lieber bei Fräulein Reseda . Sie hatte ihm zum ersten Male allerle , Ideen entschleiert . Sie besaß eine Fülle Bücher . Er las alles nur Erdenkliche . Man kann sagen , Dinge , die er nie gehört , Philosophen und Dichter und Kunstbücher und Kunstlehren aus alter Zeit . Immer so , daß er gar nicht zu sagen wußte , was er alles gelesen , so versunken in die Dinge war er gewesen . Er hatte eine umständliche Art und Weise , zu lesen . Er mußte sich alles genau ansehen , wie wenn hinter jedem Worte ein Gleichnis stünde , und das Wort nur ein Wink wäre , anzusehen , was irgendwo wirklich war . Nicht immer fand er es gleich aus , wo und was ? So sah er die wunderbarsten Sachen und merkte gar nicht das Leben um sich , und kam aus der Lektüre , wie man aus Träumen erwacht , die dann entschwinden und vielleicht einmal von ferne wiederkommen . Und in allem war er jetzt vertraulich mit Fräulein Reseda . Sie kümmerte sich um ihn wie eine Mutter . Auch die Jünglinge lernte er kennen , die Fräulein Reseda aus dem Seminar zu sich lud , sehr eingeschüchterte Jungen , ein wenig zurückgeblieben in ihrem Fortkommen in der Schule , wie ehedem Einhart selber . Aber gar keine Träumer . Die sich bei Fräulein Reseda nur satt aßen . Die sie auch allerlei abhörte . Es war Einhart allmählich ganz aufgegangen , daß das Kettchen an ihrem Halse es wahr gemacht , daß das alte Fräulein wirklich in Menschenliebe wandelte . Die kleine , alte Dame fühlte sich am Tische unter den Burschen wie eine gute Mutter und