zur Kirche hinauf . Ich habe da plötzlich eine grosse Sehnsucht empfunden , in diese Kirche einzutreten , wo ich oft so viel schöne Vorsätze gefasst und zum lieben Gott gebetet habe , er möge mir grosse heroische Aufgaben stellen , was dann doch nicht hinderte , dass ich gleich nachher über die kleinen täglichen Pflichten stolperte . Ich wollte so gerne den Altar wiedersehen , mit seinen gewundenen Säulen und den dicken , geschnitzten , zopfigen Engeln , die Erntekränze und die schwarzen Gedächtnistafeln , auf denen die Namen der Gefallenen von 64 , 66 und 70 stehen . Aber die Kirche war geschlossen , wie das von einer protestantischen Kirche recht und vorschriftsmässig ist , denn der Protestantismus erzieht ruhige , pünktliche Menschen ; plötzliche Sehnsuchten und Gefühlsaufwallungen liebt er nicht . Zum lieben Gott soll man wie zum Rechtsanwalt und Doktor gehen , in der ordnungsmässigen Sprechstunde , die im Kreisblättchen angezeigt wird . Die Garziner Kirche hat einen neuen Turm bekommen , und die alten Birken scheinen mir noch gewachsen zu sein ; ihre dünnen , fadenartigen Zweige klopfen ganz leise im Winde gegen die hohen Kirchenfenster , die in der Sonne glänzen . Der kleine Gottesacker , in dessen Mitte die Kirche steht , und der längst nicht mehr benutzt wird , sieht genau wie früher aus , eine Wildnis von altem Efeu und Gräsern , die die grauen , verwitterten Grabsteine überwuchern . Ich suchte nach einer alten Gedenktafel , über die ich schon als junges Mädchen oft nachgesonnen habe , und richtig , sie ist noch da , mit ihrem seltsamen , eingemeisselten Spruch , den Schnee und Regen und flechtenartiges silbriges Moos noch mehr verwischt haben : » Hier ruht der Wüsterdorf Johann . Er war ein müder Wandersmann , Gekettet schwer in Sündenbann , Oh Herrgott , richt mit Mild den Mann , Denn niemals er den Wunsch ersann , Des Lebens Fahrt zu treten an . « Damals kamen mir diese Worte so geheimnisvoll vor , dass ich lange Romane über die Missetaten des Wüsterdorf Johann ersann ; jetzt dünkt mich , sie passen als Grabschrift für jeden unter uns . Ich habe lange da oben zwischen den alten Gräbern gestanden . Schaute den Vögeln zu , wie sie so eifrig Halme und Moos in den Schnäbeln anschleppen , da sie durch Generationen lange Erfahrung gelernt haben , dass sich im Schutz der Kirche gut Nester bauen lässt . Dann ging ich dem Garziner Schloss zu . Da lag es nun vor mir . Ganz unverändert , wie damals vor all den Jahren . Nur noch etwas verlassener ; ungehegt und ungepflegt aussehend . Ich blieb stehen . Tränen traten mir in die Augen . Aus meiner tiefen Einsamkeit heraus möchte ich dem alten Haus , wie einem Menschen , sagen : » Hab mich lieb ! Hab mich lieb ! « Und ich meine , es müsse mir antworten : » Endlich , endlich , bist du heimgekehrt . « Der grosse grüne Rasenplatz mit den vier runden Fliederbüschen , die voll lila Blütendolden sitzen - die alte Sonnenuhr - die Rampe , die zum Schlosse führt - und das Schlofs selbst , ein grosses zweistöckiges Haus , dessen ganz einfach glatte Fassade zu Schinkels Zeiten mit griechischen Ornamenten verziert worden ist , die in der märkischen Umgebung noch immer etwas über sich selbst Erstauntes haben - alles ganz wie damals ! Zu beiden Seiten des Hauses stehen noch die alten Linden , deren Zweige auf den Boden schleifen , und die eine Wand ist noch mit dem uralten Efeu bedeckt , in dem zahllose Spatzen zwitschern . Ja , das war einst Heimat ! Ich stehe und schaue . Vergangenheit und Gegenwart verschwimmen zu einem einzigen , unendlichen Wehmutsgefühl , das die ganze Welt zu erfüllen scheint . » Wollen Sie nicht auch das Schloss besehen ? « fragt mich da plötzlich der junge Mann in Radelkostüm , und ich gewahre die ganze Berliner Familie , die von einem jungen Bauernmädchen geführt wird , das Schlüssel trägt . » Wird es denn gezeigt ? « frage ich . » Na und ob , « antwortete der Sportjüngling . » Für ' n Trinkjeld an das Inspektormädchen können wir uns auch mal so ' n Heim von die notleidenden Ajrarier besehen . « Ich bin so erstaunt , Garzin als eine Sehenswürdigkeit für Touristen wiederzufinden , dass ich folge , ohne nachzudenken . Aber wie ich nun in den alten Räumen stehe , inmitten der fremden Menschen und selbst ganz so fremd bin wie sie , da fühle ich , dass ich nicht hätte kommen sollen . Als würden liebe Tote unsanft berührt , so ist mir bei den schnoddrigen Bemerkungen der Berliner . Ich möchte um keinen Preis erkannt werden und begreife doch gar nicht , wie es denn möglich ist , dass ich so unbeachtet dastehe , dass nicht sogar die leblosen Dinge mir zunicken und zuflüstern : » Sei gegrüsst , sei uns gegrüsst ! « Aus der leeren , weiten Halle treten wir in das Wohnzimmer . Wie unbewohnt , kalt und kahl nach dem Sonnenschein draussen . Ein paar der alten , recht schäbig gewordenen Möbel stehen da und sehen aus , als schämten sie sich , wie arme Kranke , deren Gebrechen von neugierigen Medizinstudenten betrachtet werden . Den abgenutzten , gestreiften Teppich erkenne ich , sogar ein gestopftes Loch , dessen ich mich entsinne , finde ich wieder . » Du Karl , « sagt die dicke Berlinerin zu ihrem Mann und befühlt einen Sesselbezug , » da is et ja nobler bei uns in die Köpenicker Strasse . « Und der dicke Karl antwortet : » Ja , wahrhaftig , in diese feudale Jejend könnte man noch Mitleid mit die Ostelbier bekommen . « Nur der grosse gelbe Saal imponiert der Berlinerin . Sie deutet auf die vielen weissen Gipsköpfe aus der Schinkelschen Epoche : » Du Karl , das sind