man heut nicht reden ! Ist er Russe ? « » Russe ? Wieso nicht ? Meine Kameraden sind Russen , hoffentlich . Laufen Sie schon ? Sitzen Sie ! « » Sind die Russen so schwarz ? « » Er ist ziemlich schwarz . Haben wir in Rußland viele Völker . Wie Sie singen in Ihre Geidelberg : Mein Vaterland muß größer sein . « Josefine lächelte schwesterlich . » Ach , Bernstein , Ihr Deutsch ist ein Elend . Immer sprechen Sie Geidelberg ; ha - hei - Heidelberg ! « Sie hauchte es ihm vor . » Ech , diese deutsche Sprache ! Weißte ich schon lange , aber werde lernen niemals . Etwas Unglaubliches ! Immer werde sprechen Geidelberg . « Josefine blickte in die Broschüre , aber sie las nicht . » War er auch in Heidelberg mit Ihnen ? « Bernstein starrte sie an . » Was ist das ? Erstesmal sind Sie so - so - begeisterungsvoll ! Man muß ihm unbedingt sagen . Er wird sich sehr freuen , « wiederholte er neckend . » Das werden Sie nicht tun . « Josefine richtete ihre ernsthaften Augen gerade auf seinen spottenden Mund . Bernstein jauchzte fast ; er duckte sich und lachte : » Was brauchen Sie von ihm ? Was kümmert Sie ? Das ist interessant ! Soll ich ihm sagen ? « Aber Josefine wurde immer ernster ; ein fast drohender Zug erschien auf ihrem erregten Gesicht . » Wenn ich Sie nicht besser kennte , so würd ich heute glauben , daß Sie mich noch kein bitzeli kennen , « sagte sie streng und traurig und warf das Heft hart auf den Tisch . Bernstein hörte zu lachen auf . Er wurde verlegen , ging wieder an den Ofen und rasselte mit der Tür . Plötzlich sagte er mit ungläubigem , in sich gekehrtem Ton , ganz leise : » Ja , er hat mich auch gefragt . « Ein jähes Erröten lief über Josefines Züge , das sie verwirrte , verjüngte , außer sich brachte . » Wirklich ? « Es klang wie ein zerdrückter Schrei . Bernstein wurde rot und kehrte sich schnell ab . » Scheint es mir , Sie haben ihm das Tür aufgemacht . « Mit gesenktem Kopf , mit dürstend geöffneten Lippen sagte sie : » Was hat er gefragt ? « » Kommt zu mir und fragt : Wer war diese hoche Frau ? War das Sie ? « Josefine preßte das Heft in ihrer Hand fest zusammen . » Ich nehme das mit , « stammelte sie mit zuckenden Mundwinkeln und war hinaus . Müde und abgequält kam Josefine aus der Klinik . Es war Sonntag . Sie kam von denen , wo nie Sonntag ist , und sie hatte selbst keinen Sonntag . Ihre Kleider waren voll vom Geruch des Jodoforms . Ihre Hände hatte sie wie immer mit der Sublimatlösung gewaschen . Ihre Lungen atmeten beklemmt nach dem stundenlangen Aufenthalt in den kranken Dünsten . Vor ihren Augen standen häßliche Bilder . Die Verbrannte , die den Mund nicht schließen konnte , die entsetzliche ... Aber noch härter hatte es sie getroffen , das kleine Webermädchen nicht mehr zu finden . Es hatte so gute Fortschritte gemacht , hatte ein wenig Fleisch auf den Bäckchen . Aber nun war die gute Zeit für das Mädchen zu Ende . Die Eltern konnten nicht , die Gemeinde wollte nicht länger für sie zahlen . Sie war also fortgebracht worden , um » daheim gesund zu werden . « Sie wird nicht gesund werden , sie wird sterben , und vorher wird sie sich ohne Pflege , und vielleicht sogar mit Arbeit beladen , elend abquälen , und sie wird ihre kleinen Geschwister anstecken , dachte Josefine . Und dann wird man die Geschwister hierher bringen , eins nach dem anderen , kleine , gelbe , blutlose Geschöpfe mit übergroßen anklagenden Augen , und wir werden sie eine Weile hier behalten , sie behandeln und pflegen und sie dann zurückschicken zum Sterben . Wie immer nach besonders schmerzlichen Eindrücken war es Josefine unmöglich , sogleich zu ihren Kindern zu gehen . Heut war ihr Verlangen nach viel Luft , nach viel Stille , viel Einsamkeit besonders groß . So ging sie denn , langsam aufsteigend , die Straßen am Zürichberg hinan . Wer einmal aufatmen könnte ! dachte sie unablässig , während sie , gegen den Wind kämpfend , der ihre Kleider an ihrem Körper festklebte , zwischen den heimkehrenden Familien mit lustigen Kindern sich vorwärts arbeitete . Oder ist es der Föhn , der mich heute so schlaff macht ? Sie blickte zerstreut um sich . In harten Linien , indigoblau und schwarz , standen die nahen Berge , die Schneegipfel waren verhüllt . Schnell sich ballendes und zerreißendes Gewölk bedeckte den lichtgrauen Himmel . Die schwarzen Bäume bebten beständig , auch wenn der Sturm schwieg , wie von einer inneren Aufregung geschüttelt . Warm war es , der Boden naß ; auf den gelblichen Matten gärten und dampften die Düngerhaufen . Die Spiegelmeise sang ohne Unterbrechung , atemlos ; die Sperlinge schrien . Es wird wieder Frühling ; über acht Tage brennen die Fastnachtsfeuer , dachte die Einsame mit einem Seufzer , und ihr Leben erschien ihr wie ein schwerer , entsetzensvoller Traum . Einmal aufwachen und frei sein ! Ach ! Und sie atmete tief und mit einer bewußten Heftigkeit die starken , feuchten Lüfte . An der kleinen schmucklosen Flunterer Kirche mit dem schwarzen Dach und den schmalen Fenstern ward sie aufgehalten . Aus zwei Wagen stieg eine ländliche Hochzeitsgesellschaft , dunkle Kleider , sonnverbrannte Gesichter , ohne Jugend , ohne sichtbare Freude . Die Braut in ihrem grünen Wollenkleide , mit dem weißen , künstlichen Kranz im Haar , ging mit festen Tritten , und ohne sich um jemand zu kümmern , geradeaus . Der Bräutigam , rot und ängstlich unter seinem hohen Zylinder , sprach über