Aufhebung der Sklaverei - meist als Utopie gegolten haben , daß daher dieses Wort die ganze Kulturgeschichte als eine ununterbrochene Kette beschämter Kleingläubigkeit durchzieht - dessen erinnern sich die neuen Utopie-Rufer nimmer . XII Von Rudolfs Standesgenossen war Graf Kolnos der einzige , bei dem er Verständnis und aufmunternde Sympathie fand . Der alte Herr hatte eine Dichternatur und Dichter sind immer einigermaßen Seher . Ihr Blick holt aus der entrücktesten Vergangenheit romantische Züge hervor oder reicht furchtlos bis in jene Zukunftsfernen , die ihr Schönheitsideal erfüllen werden ; zur opportunistischen Anpassung an den Gegenwarts-Alltag haben Dichter kein Geschick . An dem Tage , nachdem jener Artikel erschienen war , suchte Rudolf seinen Freund Kolnos auf . Die Räume , die der kunstsinnige Edelmann in einem Hause am Kolowratring bewohnte , waren selber ein Poem . Eine Flucht von mehreren Zimmern , hoch und geräumig wie Säle , waren mit gesammelten Kunstschätzen angefüllt . Meistergemälde , Statuetten , antike Möbel , kostbare Stoffe , Teppiche und Felle , Prunkgefäße und Waffen , hunderterlei Dinge aus Porzellan und Edelmetall , aus Elfenbein und Bronze ; Preziosen und Juwelen in Email und funkelnden Steinen ; mittelalterliche Manuskripte mit gemalten Initialen - daneben die noch unaufgeschnittenen Bücherneuheiten von heute . Das alles aber nicht etwa museummäßig in Vitrinen oder in Reih und Glied aufgestellt , sondern in zwangloser Verteilung ; als Zier und Nutzgebrauch in wohnlichem Heime . Graf Kolnos kam seinem Besucher mit ausgestreckter Hand entgegen . » Grüß Gott , Rudolf ... Schön , daß Du wieder einmal zu mir kommst ! « Trotz des großen Altersunterschiedes sagten sich die beiden Männer » Du « . In seiner äußeren Erscheinung gehörte Kolnos demselben Typus an wie Dotzky . Die gleiche hohe schmiegsame Gestalt , das gleiche edelgeschnittene Profil und sogar der gleiche , spanisch gestutzte Bart , mit dem Unterschiede , daß der eine schwarz , der andere schneeweiß war . » Gut , daß ich Dich allein finde , « sagte Rudolf , » ich will Dir wieder einmal mein Herz ausschütten und Dich um Rat fragen . « » Ganz zu Diensten , mein Junge . Komm , setzen wir uns ... Hier in meinem kleinen Arbeitserker - da ist ' s am gemütlichsten ... Also meinen Rat willst Du , um ihn wieder nicht zu befolgen ? ... Oh protestiere nicht , Du wirst Dich doch erinnern , daß ich Dir das Kandidieren um das Reichsratsmandat abgeredet hatte - und wer ging dennoch hin , um das zweifelhafte Privilegium werben , im Chor ja oder nein sagen zu dürfen , so wie man eben vom Parteischlüssel aufgezogen worden ... Dein guter Genius hat Dich davor gerettet - « - « » Verzeih - ich hätte mich nicht als Spieldose aufziehen lassen - mein eigenes Lied hätte ich vorgebracht . Daraus ist vorläufig nichts geworden . Und so habe ich ein anderes Mittel versucht , gehört zu werden - « » Ja , durch die Zeitung - ich habe Deinen Artikel vom vorigen Sonntag gelesen . Was Du sagst , ist ja alles wahr , aber - « » Wenn etwas wahr ist , dann soll ' s gesagt werden - dann gilt kein aber - « » Das gebe ich zu . Mein aber war nicht gegen Dich gerichtet , sondern gegen die Mitwelt : die will keine Wahrheit hören , die sie aus ihrer Bequemlichkeit reißt . « » Die immer schwerer werdenden Rüstungslasten , die ewige Unsicherheit , der allgemeine Dienstzwang , der als Damoklesschwert drohende Weltkrieg - das nennst Du bequem ? « » Bequem ist alles Altgewohnte - denn man ist darin eingerichtet , man hat seine Interessen daran geknüpft ... In unserer auf die Kriegsidee aufgebauten Ordnung ist der Friedensprediger der schlimmste Störenfried . Aber - schon wieder sag ' ich aber - Du hast recht getan , Dein Artikel freute mich . Und je mehr die anderen darüber raisonnierten , desto mehr freute er mich . Wenn Du meinen Rat hören willst : verharre , verharre auf diesem Pfad . Das Verharren ist wohl immer das schwierigste ... doch ich mute Dir diese Kraft zu . « » Danke . Die Standhaftigkeit wird mir allerdings nicht leicht gemacht . Darüber wollte ich Dir klagen . « » Wer oder was entmutigt Dich ... die Zweifler ? « » Die fremden Zweifel nicht - ein eigener . « » Wie - Du glaubst nicht fest an das , was Du sagst ? « » Doch . Meine Überzeugung ist eben so tief wie klar . Ich zweifle nur an der Möglichkeit , die Massen aus ihrer Apathie zu wecken . Diese Massen sehe ich vor mir liegen , wie ein Felsgebirge . In der Hand halte ich eine Lanzette - und damit sollten nun die Felsen von der Stelle gerückt werden ? Und selbst , wenn ich statt einer Lanzette die Lunte zu einer Mine in Händen hätte - an welcher Stelle des Felsens sollte man ihn sprengen ? Ohne Bild : wo soll man anfangen , um Vorurteile wegzuwälzen - sie sind ja alle so eng miteinander verwachsen . Und wo soll man anfangen , um das Unglück der Welt zu verscheuchen ? Dieses Unglück heißt ja nicht nur Krieg - es heißt das Elend , es heißt Geistesnacht , Herzensroheit , Lasterhaftigkeit - diese drei verteilt in allen Klassen - daher auch vom Klassenkampf keine Erlösung zu hoffen ist . Ich meine , daß - « Rudolf wurde unterbrochen . Der Diener meldete neuen Besuch : » Herr Hofrat Doktor Bland . « » Ich lasse bitten . « Kolnos stand auf , um den Eintretenden - ein behäbiger , sehr ernst blickender Fünfziger - mit freundlichem Händedruck zu empfangen . Dann stellte er vor : » Reichsratsabgeordneter Doktor Bland - Graf Dotzky . Die Herren sind ja Kollegen ... das heißt , nicht Kollegen , sondern etwas mehr noch : Gesinnungsgenossen . « Kolnos erläuterte diese Bezeichnung , indem er