eigentlich ? « fragte Gudstikker . » Agathon . Agathon Geyer . « » A - ga - thon - ? « » Ja . « » Seltsam . Wie kommen Sie zu dem Namen . Agathon ... So hieß mein Vater . « Wieder eine Pause . Dann wurde Gudstikkers Stimme gütig . » Sie gefallen mir , « sagte er . » Ich weiß kaum warum , aber vielleicht steckt etwas in Ihnen , was mir imponiert . Bei euch Juden gibt es manchmal Individuen von wunderlicher Kraft . Besonders in Ihrem Alter . Daran mag es liegen . Wenn sie so jung sind , ist ihre Seele von unbeschmutztem Feuer erfüllt . Sie sind starke Träumer , möchten die Welt aus den Angeln heben und wissen doch nichts von der Welt . Wenn sie es nur wüßten ! Gehen Sie hin , Agathon , wecken Sie Ihr Volk auf . Sagen Sie , wach auf mein Volk , wie der Prophet in der Wüste . Na gleichviel , was scheren mich denn die Propheten . Glauben Sie , daß es heut Nacht regnen wird ? « » Ich weiß nicht . Vielleicht . Vielleicht schneit es . Vielleicht auch nicht . « » Ah , Sie sind boshaft . Na gleichviel . Ich muß Ihnen sagen , es ist nicht Neugierde , wenn ich Sie vorhin fragte , was Sürich Sperling mit Ihnen gemacht hat . Auch nicht Teilnahme . Nun , werden Sie nur nicht wieder ungeduldig . Stellen Sie sich die ganze Situation vor . Später kommt Sürich in mein Zimmer , bleich , erregt , und redet von gleichgültigen Sachen . Er spricht von der Ziegelei , die der Vater meiner Braut jetzt gekauft , und plötzlich legt er sich auf mein Bett und verstummt . « » Verstummt ? « fragte Agathon mechanisch . » Verstummt . Nach fünf Minuten stand er auf , ging vors Haus und dort saß er dann wieder zwei geschlagene Stunden , ohne sich zu rühren . Um neun Uhr ging der Schmied heim und rief ihn an . Wer aber nicht antwortete , war Sürich . Und wer um zehn Uhr in sein Zimmer stolperte , ohne sich um die Wirtschaft zu kümmern , war Sürich . Nun , am Morgen war er tot . Es wäre immerhin interessant , die Ursache zu erfahren . Vielleicht hat er selbst - nun , nun , was gibt ' s ? « Agathon hatte mit den Händen Gudstikkers Arm umklammert und schwankte , als ob er zu Boden sinken wolle . Gudstikker schüttelte den Kopf und warf den Zigarettenstumpf weit über die Gasse . Agathon blickte ihn gespannt an beim matten Schein des Straßenlichts , als ob er sein Gesicht nie wieder vergessen wollte und ging dann weg , ohne ein Wort zu sagen , dem Löwengardschen Palast an der nächsten Ecke zu . Scheu betrat er das breite , lichtgebadete , mit Teppichen belegte Vestibül . Der Plafond und die Wände waren von Künstlerhand mit Darstellungen aus der antiken Mythologie geschmückt . Vor ihm stand wie eine lebende Gestalt Kassandra , den Arm gegen das brennende Troja erhoben . Sie war fast nackt , die Brüste waren geschwellt von Haß . Stets mußte Agathon die Augen vor dem Bild niederschlagen . Die dem Juden angeborene Scham vor dem Nackten ging bei ihm bis zu physischem Schmerz . Auch wurden seine Sinne erregt , wenn er in der Nacht sich des Bildes erinnerte . Stefan Gudstikker wandte sich gegen den Lilienplatz , lauschte mit gesenktem Kopf auf das Stimmengewirr aus den Gasthäusern , das mit dem Wimmern der Geigen und dem Fistelgesang der Harfendamen vermischt war . Schweigend zogen Musikanten an ihm vorbei und der Älteste zählte die Tageseinnahme . Gudstikker sah das alles mit den Augen des Beobachters , der sich freut , daß ihm nichts von den kleinsten Dingen des Lebens entgeht und den die Gewohnheit des Scharfsehens dazu verführt hat , den vielgestaltigen Bau der Welt mit Sprüchen der Weisheit zu beleuchten . Der kalte Glanz des Mondes brach hervor . Gudstikker ging am Rand der Anlage auf und ab und spähte gegen die Straßenflüchte . Die Turmuhren schlugen acht , kreischend fielen die Rolläden herab , die kleinen Ladnerinnen eilten von dannen , und die Kontoristen drehten die gesunkenen Schnurrbartspitzen wieder empor . Endlich kam Käthe Estrich . Mit schwachem Lächeln hing sie sich an den Arm ihres Verlobten . » Ich mußte mich fortstehlen , « sagte sie , » der Vater hat geschimpft über dich . Er nannte dich Müßiggänger . Sie plagen mich mit dir und quälen mich . Bist du bös ? Nicht bös sein ! Ich hab ' ja nur dich , nur dich allein . « » Ich bin nicht bös , aber du darfst nicht so dumm reden . Wie geht ' s dir ? « » Schlecht . « » Warst du beim Arzt ? « » Nein . « » Nein ! - Wenn dein Herr Vater sich besser um dich gekümmert hätte , das wäre eine größere Heldentat , als meine Lebensführung zu kritisieren . « » Ach , Stefan , ich möchte sterben , - mit dir . « » Sterben ! ja , wenn sonst nichts wäre , als sterben . Das bleibt einem jeden . Es ist das Sicherste und soll das letzte sein . « » Du bist so kalt ! « flüsterte Käthe und schauerte zusammen , als ob diese Kälte sie frösteln mache . » Ich muß wieder heim , « fuhr sie mit derselben leisen Stimme fort ; » ich wollte dich nur sehen . « Gudstikker mußte sie fast tragen . Als sie am Ziel waren , küßte er sie flüchtig auf die Wange und ging . Unter dem Portal des jüdischen Waisenhauses , wo er vorbeikam , stand ein Knabe und blickte mit ängstlichen Augen in das erleuchtete Treppenhaus . » Wie heißt du ? «