und höchst angenehm zu idiotisieren « , wie Stilpe behauptete . Mit Eifer frequentierte man die sonntägigen Tanzvergnügungen auf den benachbarten Dörfern , die » Kuhschwöfe « , doch stellte es sich bald heraus , daß sich dort nichts fände , was auch nur mit » Phémie Teinturière « verglichen werden konnte , geschweige denn mit Mimi oder der völlig götzendienerisch verehrten Müsette . Dafür verliebte sich Stöffel in die Tochter eines Gerbers , Wippert in die eines Viktualienhändlers und Barmann , der immer was ganz Ausgefallenes haben mußte , in das boshafteste und häßlichste Mädchen der Stadt , die Tochter eines Arztes . Diese Liebschaften fand Stilpe allesammt blamabel , denn , so sagte er , selbst ein blindes Huhn sieht , daß sie irreparabel platonischer Natur sind . Dafür ging er selber ein vollkommen und zielbewußt unplatonisches Verhältnis mit dem Dienstmädchen seiner Wirtsleute ein , einem stämmig liebenswürdigen Wesen , das sich für ihn hätte vierteilen lassen , so verliebt war es in ihn . Er machte ganz heillose Gedichte auf dieses Verhältnis , und es gehörte zu den stürmischsten Augenblicken der Cénaclezusammenkünfte , wenn er diese freien Rhythmen losließ , die an Überschwänglichkeit Alles in den Schatten stellten , was den Schlappdeckeln an erotischer Lyrik bekannt war . Im Übrigen wurden die Cénaclezusammenkünfte mit Theetrinken ( doch war viel Rum dabei ) und den ungeheuerlichsten Gesprächen ausgefüllt . Es durfte von Allem gesprochen werden , nur nicht von der Schule . Hauptsächlich sprach man von zukünftigen dichterischen Plänen . Stöffel , der zugleich Musiker war , wollte Opern dichten und komponieren : Wißt ihr , Opern moderner Art , voll fabelhafter Sinnenfreudigkeit , ungeheuer umfassend , allegorisch , aber lebendig ! Mehr war darüber nicht zu erfahren , und wenn er am Klavier saß , kams immer auf die ungarischen Rhapsodien von Liszt heraus . Wippert hatte vornehmlich satirische Pläne . » Juvenalia « sollte sein erstes Werk heißen mit dem Untertitel : Ein Hechelepos in sieben Zinken . Jede Zinke sollte » einen Hauptstand der gegenwärtigen Ordnung zerstrählen « . Die erste Zinke , in gereimten Hexametern , behandelte die Sippe der Gymnasiallehrer und begann so : Strähle mir , Zinke , den Mann , der schwitzend auf dem Katheder Mit höchsteigener Hand verteilt sein eigenes Leder ! Barmann hatte noch viel vom alten und neuen Sturm und Drang . Obwohl er am wenigsten von der wirklichen Welt wußte ( wie denn Alle , mit Ausnahme Stilpes , ziemlich unwissend in diesem Punkte waren ) , haßte er diese Welt doch mit einem sehr grimmigen Hasse und wollte ihr » in machtvoll wahren , meinethalben krassen Dramen einen Spiegel vorhalten , daß sie sich vor Selbstekel übergeben sollte . « Stilpe aber hatte so viel Pläne , daß niemand recht wußte , was er eigentlich vorhatte . Manchmal fühlten sie ihm höhnisch auf den Zahn : Ob er vielleicht immer blos seine jeweiligen Betthasen besingen wolle ? Er aber antwortete gelassen : Wohl möglich ! Jedenfalls wird immer mein Prinzip sein : Erst leben und dann dichten ! Ich heiße doch nicht Müller von der Werra , sapristi ! Ich bin doch nicht blos zum Skandieren da ! Das Dichten ist blos Wiederkäuen des Genusses . Aber um wiederkäuen zu können , muß man vorgekäut haben . Verlaßt euch drauf : Ich werde enorm vorkäuen ! Die andern fühlten instinktiv , daß er der Einzige unter ihnen war , der sein Programm sicher durchführen würde , und sie hatten deshalb viel Respekt vor ihm , obwohl sie auch nicht ohne Neid waren . So rollte das Jahr bis an die Schwelle der Abiturientenprüfung . Bis auf Stilpe waren die Schlappdeckel so ziemlich sicher , daß sie das Examen bestehen würden . Was aber ihn anging , so hatte Barmann recht gehabt , als er sagte , daß auch er jetzt so gut wie durchgekommen sei , da der Königliche Kommissarius ein so auffälliges Interesse für ihn an den Tag legte . Der alte Geheimrat Ammer hatte schon aus den deutschen Aufsätzen dieses » zwar begabten , aber sonst in mehr als einer Beziehung bedenklichen Schülers « , wie er ihm bezeichnet worden war , gesehen , daß Stilpe in der That ein merkwürdig frühreifer Kopf und überhaupt ein ungewöhnlich angelegter Jüngling sei . Die Probestunde mit den Abiturienten hatte ihm das noch deutlicher gezeigt . Er hatte die Primaner aufgefordert , ihm zu sagen , welche Männergestalten ihnen aus dem Altertum am nächsten stünden . Die Antworten lauteten durchgängig so , daß er sich über die völlige Gleichgültigkeit , die die jungen Herren gegenüber den antiken Männern empfanden , sehr klar wurde . Wie oft war Odysseus genannt worden , sogar Cicero dreimal ! Nur dieser Stilpe hatte die Kurasche gehabt , die beiden Gracchen zu nennen und » mit schöner Offenheit « , wie der Commissarius meinte , zu erklären , sie seien ihm deshalb besonders lieb , weil sie ihn » fast modern anmuteten in ihren sozialpolitischen Forderungen « . Der Geheimrat machte sich sogleich ein Bild von der Entwickelung dieses ungewöhnlichen Jünglings , wie sie sich gestalten würde , wenn man ihn rechtzeitig und früh auf die richtigen Bahnen lenkte . Unzweifelhaft : Ein zukünftiger Publizist ! Jetzt natürlich noch unreif und verworren , eines Tages wahrscheinlich sozialdemokratischer Idealist , aber dann , immer eine geschickte Beeinflussung vorausgesetzt , wahrscheinlich einmal eine glänzende und feste Stütze der staatserhaltenden Institutionen ! Dieser alte Geheimrat war ein sehr kluger Herr und ärgerte sich im Stillen rechtschaffen über die Plumpheit , mit der sich die Lehrerschaften der verschiedenen Gymnasien die Gelegenheit entgehen ließen , Talente für den Staat zu erziehen , die den staatsfeindlichen Gewalten in der Hauptsache deshalb zum Opfer fielen , weil sie sich schon auf der Schulbank zu Revolutionären gestempelt sahen . Sein Bestreben war , wenigstens im letzten Augenblicke gut zu machen , was noch gut zu machen war . Daher auch sein Verhalten Stilpen gegenüber . Er behielt ihn , als