des Kindes hing bis auf die Hüften herab ; im übrigen aber war alles weiß , das Kleid , die hohen Strümpfe , der Überfallkragen , und nur um die Taille herum , wenn sich von einer solchen sprechen ließ , zog sich eine breite rote Schärpe , die von Helenen selbstverständlich nie » rote Schärpe « , sondern immer nur » pinkcoloured scarf « genannt wurde . Die Kleine , wie sie sich da präsentierte , hätte sofort als symbolische Figur auf den Wäscheschrank ihrer Mutter gestellt werden können , so sehr war sie der Ausdruck von Weißzeug mit einem roten Bändchen drum . Lizzi galt im ganzen Kreise der Bekannten als Musterkind , was das Herz Helenens einerseits mit Dank gegen Gott , andrerseits aber auch mit Dank gegen Hamburg erfüllte , denn zu den Gaben der Natur , die der Himmel hier so sichtlich verliehen , war auch noch eine Mustererziehung hinzugekommen , wie sie eben nur die Hamburger Tradition geben konnte . Diese Mustererziehung hatte gleich mit dem ersten Lebenstage des Kindes begonnen . Helene , » weil es unschön sei « - was übrigens von seiten des damals noch um sieben Jahre jüngeren Krola bestritten wurde - , war nicht zum Selbstnähren zu bewegen gewesen , und da bei den nun folgenden Verhandlungen eine seitens des alten Kommerzienrats in Vorschlag gebrachte Spreewälderamme mit dem Bemerken , » es gehe bekanntlich soviel davon auf das unschuldige Kind über « , abgelehnt worden war , war man zu dem einzig verbleibenden Auskunftsmittel übergegangen . Eine verheiratete , von dem Geistlichen der Thomasgemeinde warm empfohlene Frau hatte das Aufpäppeln mit großer Gewissenhaftigkeit und mit der Uhr in der Hand übernommen , wobei Lizzi so gut gediehen war , daß sich eine Zeitlang sogar kleine Grübchen auf der Schulter gezeigt hatten . Alles normal und beinah über das Normale hinaus . Unser alter Kommerzienrat hatte denn auch der Sache nie so recht getraut , und erst um ein erhebliches später , als sich Lizzi mit einem Trennmesser in den Finger geschnitten hatte ( das Kindermädchen war dafür entlassen worden ) , hatte Treibel beruhigt ausgerufen : » Gott sei Dank , soviel ich sehen kann , es ist wirkliches Blut . « Ordnungsmäßig hatte Lizzis Leben begonnen , und ordnungsmäßig war es fortgesetzt worden . Die Wäsche , die sie trug , führte durch den Monat hin die genau korrespondierende Tageszahl , so daß man ihr , wie der Großvater sagte , das jedesmalige Datum vom Strumpf lesen konnte . » Heut ist der Siebzehnte . « Der Puppenkleiderschrank war an den Riegeln numeriert , und als es geschah ( und dieser schreckliche Tag lag noch nicht lange zurück ) , daß Lizzi , die sonst die Sorglichkeit selbst war , in ihrer mit allerlei Kästen ausstaffierten Puppenküche Grieß in den Kasten getan hatte , der doch ganz deutlich die Aufschrift » Linsen « trug , hatte Helene Veranlassung genommen , ihrem Liebling die Tragweite solchen Fehlgriffs auseinanderzusetzen . » Das ist nichts Gleichgültiges , liebe Lizzi . Wer Großes hüten will , muß auch das Kleine zu hüten verstehen . Bedenke , wenn du ein Brüderchen hättest , und das Brüderchen wäre vielleicht schwach , und du willst es mit Eau de Cologne bespritzen , und du bespritztest es mit Eau de Javelle , ja , meine liebe Lizzi , so kann dein Brüderchen blind werden , oder wenn es ins Blut geht , kann es sterben . Und doch wäre es noch eher zu entschuldigen , denn beides ist weiß und sieht aus wie Wasser ; aber Grieß und Linsen , meine liebe Lizzi , das ist doch ein starkes Stück von Unaufmerksamkeit oder , was noch schlimmer wäre , von Gleichgültigkeit . « So war Lizzi , die übrigens zu weiterer Genugtuung der Mutter einen Herzmund hatte . Freilich , die zwei blanken Vorderzähne waren immer noch nicht sichtbar genug , um Helenen eine recht volle Herzensfreude gewähren zu können , und so wandten sich ihre mütterlichen Sorgen auch in diesem Augenblicke wieder der ihr so wichtigen Zahnfrage zu , weil sie davon ausging , daß es hier dem von der Natur so glücklich gegebenen Material bis dahin nur an der rechten erziehlichen Aufmerksamkeit gefehlt habe . » Du kneifst wieder die Lippen so zusammen , Lizzi ; das darf nicht sein . Es sieht besser aus , wenn der Mund sich halb öffnet , fast so wie zum Sprechen . Fräulein Wulsten , ich möchte Sie doch bitten , auf diese Kleinigkeit , die keine Kleinigkeit ist , mehr achten zu wollen ... Wie steht es denn mit dem Geburtstagsgedicht ? « » Lizzi gibt sich die größte Mühe . « » Nun , dann will ich dir deinen Wunsch auch erfüllen , Lizzi . Lade dir die kleine Felgentreu zu heute nachmittag ein . Aber natürlich erst die Schularbeiten ... Und jetzt kannst du , wenn Fräulein Wulsten es erlaubt « ( diese verbeugte sich ) , » im Garten spazierengehen , überall , wo du willst , nur nicht nach dem Hof zu , wo die Bretter über der Kalkgrube liegen . Otto , du solltest das ändern ; die Bretter sind ohnehin so morsch . « Lizzi war glücklich , eine Stunde frei zu haben , und nachdem sie der Mama die Hand geküßt und noch die Warnung , sich vor der Wassertonne zu hüten , mit auf den Weg gekriegt hatte , brachen das Fräulein und Lizzi auf , und das Elternpaar blickte dem Kinde nach , das sich noch ein paarmal umsah und dankbar der Mutter zunickte . » Eigentlich « , sagte diese , » hätte ich Lizzi gern hierbehalten und eine Seite Englisch mit ihr gelesen ; die Wulsten versteht es nicht und hat eine erbärmliche Aussprache , so low , so vulgar . Aber ich bin gezwungen , es bis morgen zu lassen , denn wir müssen das Gespräch durchaus zu Ende bringen . Ich sage nicht