Aufstellung genommen hatte . Es durchzuckte mich wie ein elektrischer Schlag . Er sah nicht in unsere Richtung . Seine Miene trug die Spur des in den letzten Wochen durchgemachten Leides : es lag ein tieftrauriger Ausdruck in seinen Zügen . Wie gern hätte ich durch einen stummen , innigen Händedruck mein Mitgefühl ihm ausgedrückt ! Ich ließ meinen Blick hartnäckig auf ihn geheftet , hoffend , daß dies durch eine magnetische Gewalt ihn zwingen würde , auch zu mir aufzuschauen - aber vergebens . » Sie kommen , sie kommen ! « rief Rosa , mich anstoßend . » So sieh doch hin .... Wie schön ! Wie ein Gemälde ! « Es waren die Greise und Greisinnen , angethan in altdeutsche Tracht , welche jetzt hereingeleitet wurden . Die jüngste von den Frauen - so hatten die Zeitungen berichtet - war achtundachtzig , der jüngste von den Männern fünfundachtzig Jahre alt . Runzlig , zahnlos , gebückt ; - ich konnte Rosas » Ach wie schön « wahrlich nicht bestätigt finden . Was ihr gefiel , war jedenfalls die Verkleidung . Diese stimmte eigentlich auch vortrefflich zu der ganzen , von mittelalterlichem Geist durchwehten Ceremonie . Die Anachronismen hier waren wir , in unseren modernen Kleidern und mit unseren modernen Begriffen - wir paßten nicht in dies Gemälde . Nachdem die vierundzwanzig Alten ihre Sitze an der Tafel eingenommen hatten , trat eine Anzahl goldgestickter und ordengeschmückter , zumeist ältlicher Herren in den Saal : - die Geheimen Räte und Kammerherren ; viele bekannte Gesichter - auch Minister » Allerdings « befand sich darunter . Zuletzt folgten die Geistlichen , welche bei der feierlichen Handlung fungieren sollten . Jetzt also war der Einmarsch der Statisten vorüber und die Erwartung des Publikums auf das höchste gespannt . Meine Augen waren jedoch nicht so starr , wie diejenigen der übrigen Zuseher , nach jener Richtung geheftet , wo der Hof erscheinen sollte , sondern kehrten immer zu Tilling zurück . Dieser hatte mich nunmehr gesehen und erkannt . Er grüßte . Wieder legte sich Rosas Hand auf meinen Arm : » Martha - ist Dir unwohl ? Du bist plötzlich blaß und rot geworden - schau ' ! ... jetzt ! jetzt ! ! « In der That : der Kapell- - will sagen der Oberceremonienmeister hob seinen Stab und gab das Zeichen , daß das Kaiserpaar nahe . Dies versprach nun allerdings einen lohnenden Anblick , denn abgesehen davon , daß es das höchste war - war es sicherlich eins der schönsten Paare im Lande . Mit Kaiser und Kaiserin zugleich waren auch mehrere Erzherzoge und Erzherzoginnen hereingekommen und jetzt konnte die Feier beginnen . Truchsessen und Edelknaben trugen die gefüllten Schüsseln herbei , und der Monarch und die Monarchin stellten dieselben vor die sitzenden Alten hin . Das war wieder mehr Gemälde als je . Das Geräte und die Speisen und die Art der Pagen , dieselben zu tragen , erinnerte an verschiedene berühmte Bilder von Festgelagen im Renaissancestil . Kaum aber waren die Gerichte aufgestellt , so wurde die Tafel wieder abgeräumt , eine Arbeit , welche - gleichfalls als Zeichen der Demut - die Erzherzoge verrichteten . Hiernach ward die Tafel hinausgetragen , die eigentliche Effektscene des Stückes ( was die Franzosen » le clou de la pièce « nennen ) - die Fußwaschung - begann . Freilich nur eine Scheinwaschung , wie das Mahl nur ein Scheinmahl gewesen . Auf dem Boden knieend , streifte der Kaiser mit einem Tuch über die Füße der Greise hinweg , nachdem der ihm assistierende Priester aus einer Kanne scheinbar Wasser darüber gegossen , und so rutschte er vom ersten bis zum zwölften Pfründner , während die Kaiserin - die man sonst nur so majestätisch hochaufgerichtet zu sehen bekommt - in derselben demütigen Stellung , in welcher sie ihre gewohnte Anmut übrigens nicht verließ , die gleiche Prozedur an den zwölf Pfründnerinnen vornahm . Die begleitende Musik , oder , wenn man will , den erklärenden Chor , bildete das gleichzeitig vom Hofburgpfarrer vorgelesene Evangelium des Tages . Gern hätte ich auf einige Augenblicke mitempfinden mögen , was in dem Geiste dieser Alten vorging , während sie so dasaßen , in der seltsamen Tracht , von einer glänzenden Menge angegafft , den Landesvater , die Landesmutter - Ihre Majestäten - zu ihren Füßen ... Wahrscheinlich wäre es gar keine klare Empfindung gewesen , die ich da nachgefühlt hätte , wenn mir der gewünschte momentane Bewußtseinstausch gewährt worden wäre , sondern ein verwirrter , geblendeter Halbtraum , ein zugleich frohes und peinliches , verlegenes und feierliches Gefühl , ein vollständiges Stillstehen der Gedanken in den ohnehin unwissenden und altersschwachen armen Köpfen . Das einzige Wirkliche und Faßbare an der Sache mochte den guten Alten nur die Aussicht auf das rotseidene Beutelchen mit den dreißig Silberstücken sein , welches jedem von Allerhöchster Hand umgehängt wird und auf den Korb voll Speisen , welchen man ihnen auf die Heimfahrt mitgibt . Die ganze Ceremonie war schnell zu Ende und gleich darauf leerte sich der Saal . Zuerst zog sich der Hof zurück ; hierauf entfernten sich alle anderen Mitbeteiligten , und zugleich auch das Publikum von Estrade und Galerie . » Schön war ' s , schön war ' s ! « flüsterte Rosa mit einem tiefen Atemzug . Ich antwortete nichts . Eigentlich hatte ich keine Ursache , die Verwirrung und Gedankerarmut der Festgreise zu bemitleiden , war mir doch selber das Verständnis der eben stattgehabten Feier ein ziemlich verschwommenes , und hatte ich nur noch den einen Gedanken im Sinn : » Wird er uns am Ausgang erwarten ? « Doch wir gelangten nicht so schnell zum Ausgang , als ich gewollt hätte . Zuerst hieß es noch , mit fast sämtlichen Estradezuschauern , welche gleichzeitig mit uns ihre Plätze verließen , Hände schütteln und ein paar Phrasen tauschen . Man blieb da im Stiegenhause in einer großen Gruppe stehen und es gab einen förmlichen Morgenraout . » Grüß '