und sie ahnungslos durch sein immer gleich heiteres Wesen , durch seinen gutmütigen Verkehrston entwaffnet . Morgens war er der erste , abends der letzte , und Fanny bewunderte seine Elastizität , die ihm dann abends noch gestattete , die Damen auf allerlei harmlose Art , durch Anekdoten , Neckereien , zum Lachen zu bringen oder gar zu singen . Lanzenau bemerkte zwar einigemale , daß jetzt mehr Musik auf Mittelbach gemacht würde als früher , wo Fanny nur gelegentlich sein in der That nicht gewöhnliches Klavierspiel begehrte ; aber schließlich sah er selbst ein , daß die Menschenstimme , wenn sie so schön , so wohlgebildet und zu Herzen gehend wie die Joachims sei , doch die beste Seelenerquickung bleibe , und begleitete mit Freuden die Vorträge des auch von ihm wohlgelittenen jungen Mannes . Lanzenau war durch seinen neuen Wohnsitz nicht sehr gegen früher um Fannys Gesellschaft betrogen ; seine Ankunft war täglich für ihn eine Freude , ward täglich freudig bewillkommt , und da er Fanny von einer wahrhaft strahlenden , ja , beinahe übermütigen Heiterkeit sah , fühlte er sich innerlichst hoffnungsfreudig und glücklich . Adrienne hatte frischere Farben und eine leise Rundung der Wangen bekommen , zur Heiterkeit schien sie aber ein für allemal keine Anlage zu besitzen , ihre anfängliche Apathie war einer größern Beweglichkeit gewichen , doch hatte diese den Charakter einer nervösen Unrast . Tagelang sah sie den kleinen Joachim , welcher der Abgott seines Onkels und Fannys war , kaum an ; dann kamen Tage , wo sie zu dem Kind eine fieberische Neigung zeigte . Von Arnold war beängstigend lange keine Nachricht mehr gekommen ; aber nur Fanny oder Joachim stürzten auf den Postboten mit der Frage zu , ob er einen Brief aus Afrika habe . Die Lesestunden mit Magnus fanden regelmäßig statt und waren wenigstens für drei der Beteiligten von so großem Reiz , daß es ihnen nicht auffiel , wie teilnahmslos Severina dabei saß . Fanny malte mit einem wahren Feuereifer ; ihr technisches Können war aber keineswegs sicher genug , um ihr immer das Gelingen zu verbürgen . Sie war bereits bei dem dritten Bild Adriennens , und dieses endlich schien der Meinung aller nach zu gelingen . Adrienne saß ihr unbeweglich gegenüber , die Arme auf den Stuhllehnen , die Füße auf dem Schemel vorgestreckt , das Auge ins Blaue gerichtet , den rötlichen Kopf leicht an das Rückenpolster des Sessels gelegt . Magnus saß in einer Linie mit Fanny und las vor ; Novellen von Storm oder Heyse , zuweilen auch Gedichte oder eine jener monumentalen Novellen von Konrad Ferdinand Meyer . Er hatte eine sonore Stimme und einen Vortrag , der ebenso fern von falschem Pathos als von Einförmigkeit war ; auch verstand er die schwierige Kunst , jedem Werk eine vom Inhalt geforderte besondere Färbung zu geben durch ernstern oder leichtern Tonfall seines männlichen Organs . Adrienne hörte weltvergessen zu . Manchmal huschte jäh durch ihr Gedächtnis die Erinnerung an die unseligen Stunden , wo sie allein unlauterer Lektüre fieberheiß oblag ; dann ging ihr Auge scheu über Magnus hin ; ihr war ' s , als müsse er auf ihrer Stirne lesen , und schnelles Erröten flog da wohl über ihre feinen Züge . Das sah Magnus und deutete es sich auf seine Weise ; er richtete seinen Vortrag ausschließlich an sie , und sie fühlte es wohl ; auch war die Auswahl der Lektüre , die man ihm überließ , immer so , daß Erzählung oder Lied von einsamen Frauenherzen und ihrem Erlöser sang . Aber das mochte Zufall sein , denn die Geschichte von der verbotenen Frucht ist die erste von aller Menschenkunde , sie wird die letzte sein , sie ist das urewige Thema der Poesie . Zuweilen erschien es dem jungen Weibe dann traumhaft ; da saß sie unbeweglich , dem Bild als Modell zu dienen , das den Gatten erfreuen sollte , und zugleich klang eines andern Mannes Stimme wie Tropfenfall , der einen Stein höhlt , in ihr Ohr und kündete von Liebe und berauschendem Glück ; dann zitterten ihre Hände , und sie schloß sekundenlang die Augen . Zuweilen ging Joachim an der Terrasse vorbei . Niemand als er selbst sah , daß Severina , die an dem Geländer nähend saß , dann erblaßte und unfähig war , seinen Gruß zu erwidern . Fanny nickte ihm herzlich zu und dachte wohl kurz daran , daß sie sich auf die Zeit freue , wo sie , nach der Ernte , sein hübsches Gesicht nachzubilden versuchen konnte . Joachim sträubte sich zwar , wenn davon die Rede war . Er meinte , ihm fehle die Geduld , so lange zu sitzen ; auch sei es ihm kein Vergnügen , bei Vorlesungen zuzuhören , gegen die er eine unüberwindliche Abneigung habe . Er begreife überhaupt nicht , daß eine so vortreffliche Frau wie Fanny ihre Nebenmenschen mit ihrer Kunst quälen könne . Diese liebenswürdig vorgebrachten Ungezogenheiten wurden von Fanny und Lanzenau herzlich belacht , und Lanzenau meinte , helfen würde es ihm nichts ; in dem Punkt sei Fanny unerbittlich , wie sein im Salon hängendes Porträt beweise . » O , auf dem Porträt ist das Monocle sehr ähnlich , « sagte Joachim , weshalb Fanny ihn mit dem Rosenstrauß , den sie in der Hand hielt , scherzend schlug . Joachim war der erste und einzige Mensch , den der Respekt nicht hinderte , Fanny zu necken ; das erschien ihr so neu als reizend . Von seinen Vorurteilen war er mit jugendlicher Hitze in das Gegenteil , in die begeistertste Verehrung gefallen . Fanny erschien ihm als der Inbegriff aller weiblichen Vollkommenheit , Schönheit , Güte , aller Klugheit , aller Liebenswürdigkeit , und er schaute zu ihr auf wie zu einem höhern Wesen , natürlich auch aus der entsprechenden innern Entfernung ; er fühlte sich auch in seiner Thätigkeit und im Hause sehr glücklich , um so mehr , als sein junges ,