Auf dem Gipfel stehen die Trümmer einer Burg , des Stammhauses der Grafen Bortynski , der Besitzer von Barnow . Nur die mächtigen Quadern der Ringmauer stehen noch aufrecht und im Schloßhof die Strebepfeiler der Kapelle und der Brunnenrand , sonst liegt alles in Schutt und Staub , und manche unheimliche Sage knüpft sich an die düstere Ruine . Da wandelt , nicht etwa um Mitternacht , sondern im hellen Sonnenschein , ein Weib im Schlosse herum , ein hohes , schlankes Weib , in der Tracht verschollener Tage und wiegt , leise singend , ein Kind , das sie in den Armen trägt . Das Kind aber hat eine rote Blutspur um den Hals und schlägt nimmer die Augen auf , obwohl die Mutter es innigst herzt und küßt . Auch ein lustiges Gespenst ist dort zu sehen , gleichfalls am hellen Mittag , ein junger Leibeigener , der aber seinen Kopf statt auf dem Halse unter dem Arm trägt und die Begegnenden gern um etwas bittet . So hat er einmal den alten , reichen Bauer Fedko Czunteliak aus Altbarnow um eine Pfeife Tabak ersucht - ganz freundschaftlich , wie ein Bruder den anderen . Der alte Fedko war damals sehr betrunken , aber als das Gespenst ihn antrat , da erschrak er so heftig , daß er in zehn Sätzen den Berg hinabsprang und unten nüchtern ankam . Auch kann man oft eine Glocke im Gemäuer hören - bim , bam - es klingt hell und klar , man kann es weithin hören . Aber wer es vernimmt , soll sich schnell die Ohren zustopfen . Denn die Glocke hat einen merkwürdigen Klang ; wer ihm lange zuhört , hat keine Freude mehr auf Erden und sehnt sich nach dem Tode . Einer hat auch gesehen , wer die Glocke läutet : ein junger Mönch mit einem bleichen , müden Gesichte ... Um all diesen Spuk zu bannen , haben die Bauern im Schloßhofe ein großes , rotes Kreuz aufgerichtet mit dem Bilde des Erlösers und einem Täfelchen , auf dem in russinischer Sprache geschrieben steht : » Herr , erbarme dich des Sünders ! « Aber trotz des Kreuzes meiden sie doch ängstlich die Ruine , und die Juden tun eben wegen des Kreuzes dasselbe . Auch Sender zuckte zusammen , als er sich plötzlich am Eingang der Ruine fand , und wandte sich eilig zur Flucht . Dann aber schämte er sich , auch trieb ihn die Neugier , doch mindestens einen Blick in den Burghof zu tun . » Der Pojaz fürchtet sich nicht ! « murmelte er , um sich Mut zu machen , halblaut vor sich hin . Er machte sich auf vieles gefaßt , aber beim besten Willen konnte er zuerst nichts Unheimliches gewahren . Über dem verfallenen Gemäuer war tiefste Einsamkeit , und breit und voll legte sich die Sonne auf die Steine und das Gras , das lustig dazwischen emporschoß . Tausend Mücken schwirrten wie ein Goldregen durch die Frühlingsluft , weiße Falter kreisten langsam um das Gesträuch im Hofe und auf den Pfeilern der Kapelle zwitscherten die Sperlinge . Der Jüngling trat weiter vor , aber als er nun den ganzen Burghof übersehen konnte , unterdrückte er mit Mühe einen Schreckensruf und blieb wie erstarrt stehen : Da saß ja im Winkel hinter der Kapelle das kopflose Gespenst , und neben ihm blitzte ein breites Schwert im Grase ! ... » Gott der Heerscharen , laß zerstieben , was nicht auf die Erde gehört « , murmelte er mühsam . Es war der Stoßseufzer , welcher dem Gläubigen in so sonderbarer Lage vorgeschrieben ist . Aber das Gespenst zerstob nicht , und als er genauer hinblickte , mußte er sich sagen , daß es mindestens nicht gar zu unheimlich gekleidet sei . Das Gespenst trug einen braungrauen Waffenrock mit blauen Aufschlägen , eine k.k. Reithose und gespornte Stiefel . Auch lag neben dem Schwerte ein Tschako , und das ließ beruhigend den dazu gehörigen Kopf ahnen . Und als Sender nun ermutigt schärfer hinblickte , entdeckte er , daß dieser Kopf in der Tat an der rechten Stelle saß , nur war er so tief gesenkt , daß man ihn kaum gewahrte . » Ein Furbes « , murmelte Sender erleichtert , » da ist gewiß auch eine Köchin in der Nähe . « Aber von einem weiblichen Geschöpf war nichts zu gewahren . Der Soldat war allein und saß unbeweglich da , das Haupt tief hinabgeneigt . Neugierig schlich Sender näher und stieß unwillkürlich einen leisen Schrei der Verwunderung aus , der Mann hielt ein Büchlein im Schoße ! » Der Furbes liest ! « Sender konnte sich vor Erstaunen nicht fassen , bei einem Furbes hätte er solche Kunst und Beschäftigung nimmer vermutet ... Der einsame Leser hatte in seiner Versunkenheit den leisen Ruf überhört , er fuhr fort , Blatt um Blatt hastig zu überfliegen . In dem schmalen , kränklichen Gesicht glühten die Wangen , die Augen leuchteten , und nun erhob er die Stimme und las in seltsamem , ergreifenden Ton , fast wie man ein Gebet spricht : » Ja , ja , die deutsche Fahne siegt , Die halbe Aula ist ja dort - Der Windischgrätz , trotz allem Mord , Er hat sie doch nicht untergekriegt , Die braven Wiener Studenten ! Will ' s Gott , so wird nun wieder bald Die teure Fahne aufgerollt Im Aulahofe : Schwarz-Rot-Gold , Und lustig bald das Lied erschallt Von den braven Wiener Studenten ! « Er hatte immer lauter gelesen , immer voller und fester klang die Stimme und die letzten Worte hatte er jubelnd gerufen . Aber nun entsank das Buch seinen Händen , er starrte vor sich hin , dann schlug er jählings die Hände vors Gesicht und begann heftig zu weinen . Sender ward immer erstaunter - von den Worten des Gedichtes hatte er natürlich nichts verstanden . Aber noch mehr als die Rührung des Mannes interessierte ihn