, der in die Camera archaeologica gerückt worden war , und die schon erwähnte Frau erschien , um den Kaffeetisch zu servieren . Sie wurde sofort und in einer Weise von allen Anwesenden begrüßt , die über ihre Wichtigkeit innerhalb der Hohen-Vietzer Pfarre keinen Zweifel ließ . Ihrer Geburt und Haltung nach hätte sie freilich noch den Friesrock und das schwarzseidene Kopftuch tragen müssen ; alle Haushälterinnen aber wachsen schließlich über sich hinaus , und die Hohen-Vietzer machte keine Ausnahme . Sie nahm allerhand kleine Huldigungen in Anspruch und erwartete beispielsweise von seiten der Gäste ein auszeichnendes Entgegenkommen , später von seiten ihres Pastors die Aufforderung , an der festlichen Tafel teilzunehmen . Aber hiermit war ihrem Selbstgefühl Genüge getan . Sie lehnte regelmäßig ab und war befriedigt , daß die Aufforderung überhaupt stattgefunden hatte . Sie legte jetzt die Kaffeeserviette , stellte zwei doppelarmige Leuchter , zugleich auch eine Zuckerdose mit kleinen Löwenfüßen in die Mitte des Tisches und flankierte diese stattliche Zentrumsposition mit zwei silbernen Körben , von denen der eine allerhand Krausgebackenes , der andere eine Pyramide von Kaffeekuchen enthielt ; zuletzt kam die Meißner Kanne selbst , auf deren Deckel Gott Amor sich schelmisch auf seinen Bogen lehnte . Der Pastor hatte nie Anstoß daran genommen , vielleicht es nie bemerkt . Renate machte die Wirtin , verteilte den Zucker sogleich in die Tassen ( die großen Blockstücke waren noch nicht Mode ) und handhabte dabei die Zuckerzange mit jener Grazie , die allein aussöhnen kann mit diesem Werkzeuge der Unbequemlichkeit . Die Unterhaltung nach den ersten kecken Plänkeleien lenkte sehr bald wieder ins Regelrechte ein und begann mit dem Wetter . Das hatte im Jahre 1812 noch eine ganz besondere Bedeutung . Man könnte sagen , vom Wetter sprechen war damals patriotisch . Schnee und Kälte waren die großen russischen Bundesgenossen . Der Schnee , der anfangs in kleinen Federchen umhergestäubt war , wirbelte allmählich dichter an den Fenstern vorbei , und aus der Geborgenheit von Pastor Seidentopfs Studierstube doppelt geborgen , nachdem sie auch zum Kaffeezimmer geworden war - sahen jetzt Wirt und Gäste in den Wirbeltanz hinaus . Es entstand eine Pause . » Immer mehr Schnee « , begann Lewin , der den Platz zunächst dem Fenster hatte , » es ist doch , als ob Gott selber sie alle begraben wolle . Die Vernichtung kommt über sie ; sie fällt in leisen Flocken vom Himmel . Und dazwischen höre ich eine Stimme , die uns zuruft : Drängt euch nicht ein , wollt nicht mehr tun , als ich selber tue ; ich vollbringe es allein . Ich weiß es wohl , teuerster Pastor , die Stimme , die ich höre , ist nur die Stimme meines Mitleids . Muß ich mich ihr verschließen ? Ist dieses Mitleid Schwäche ? Muß ich es abtun ? « » Nein , Lewin , dein Herz hat den rechten Zug wie immer . Wenn es etwas gibt , dem zu folgen uns nicht reuen darf , so ist es das Mitleid . Zudem , unsere Feinde sind unsere Verbündete . Und so lehren uns denn diese Tage treu sein , treu auch gegen den Feind , wie diese Jahre uns gelehrt haben , demütig zu sein . Harren wir . Es werden Zeiten kommen , wo uns sein wird , als lege Gott selber sein Schwert in unsere Hände . Aber dieser Tag , der vielleicht nahe ist , ist noch nicht da . Eins aber gilt heute und immerdar : Offen sei unser Tun . Das ist deutsch . « Lewin wollte antworten , aber Peitschenknall und Schellengeläut , das eben die Dorfgasse heraufkam , unterbrach die Unterhaltung , und Seidentopf rief : » Da sind sie . « Es waren drei Herren , von denen zwei , in grauen Mänteln und schwarzen Tuchmützen , den Polsterstuhl des Schlittens innehatten , während der dritte , in Pelzrock und Filzkappe , auf der Pritsche saß . Dieser sprang zuerst von seinem Holzbock herunter , reichte dem herbeigekommenen Pfarrknecht die Leinen und war dann den beiden anderen , viel jüngeren , aber schwerfälligeren Herren behilflich , aus ihren Fußsäcken heraus und glücklich ans Land zu kommen . Alles das verfolgten unsere Freunde , soweit die fallenden Schneeflocken es zuließen , vom Fenster aus mit jenem ungeheuchelten Interesse , das nur der kennt , der die Winterstille der Dörfer an sich selber erfahren hat . » Wer sind nur die beiden Fremden , die Turgany sich aufgeladen hat ? « fragte Lewin ; » in seinem eleganten Nerzpelz paßt unser justizrätlicher Freund schlecht zum Kämmerer dieser Graumäntel . « » Es sind Amtsbrüder von mir « , erwiderte Seidentopf , dem errötenden Lewin die kleine Verlegenheit gönnend , » ein halber und ein ganzer . Der ganze , den du kennen solltest , ist unser Nachbar , der Dolgelinsche Pastor ; der halbe konrektort vorläufig noch , rückt aber nächstens in die Heilige-Geist-Pfarre ein . Konrektor Othegraven , ein besonderer Freund Turganys . « Die neuen Gäste hatten inzwischen aus Pelz und Mänteln sich ausgewickelt , und auf dem Flur erklang die Stimme des Justizrats mit jener Deutlichkeit , die immer auf ein halbes Zuhausesein deutet . Dann öffnete sich die Tür , und alle drei traten ein . Nach vorgängiger Begrüßung rückte man dichter zusammen , schob rechtwinkelig einen zweiten Tisch heran und war sofort im Fahrwasser einer lebhaften Unterhaltung . Turgany , wie er selber mit Stolz zu versichern liebte , duldete keine Pausen . Er hatte sich mit jenem Feldherrnblick , der ihn in solchen Dingen auszeichnete , den besten Platz gewählt und saß nicht bloß unter einem Urnenreal seines Freundes , worauf er schließlich verzichtet haben würde , sondern auch zwischen Renate und Marie , was er durch geschickte Beseitigung von Tante Schorlemmer - ihr zuflüsternd , daß sein Freund Othegraven glücklich sein würde , sich mit ihr über grönländische Mission unterhalten zu können - herbeizuführen gewußt hatte . » Othegraven habe