Festschürze von grasgrünem Taft . Schon saß ich im Wagen und hatte sie den Fuß auf den Tritt gesetzt , als die Betglocke anschlug . An keinem Morgen , Mittag oder Abend hörte die Muhme die feierlichen drei Schläge , ohne zu einem Vaterunser auf die Knie zu sinken . Nur auf der Straße begnügte sie sich mit der dreimaligen Verbeugung , durch welche wir im Gotteshause dem Namen unseres Herrn und Heilandes Verehrung zollten . An dem heutigen wichtigen Tage aber beugte Muhme Justine auf offenem Markte ihre alten Knie . Der Vater nahm die weiße Zipfelmütze vom Haupte und aus dem Munde die Tonpfeife , der er bis dahin krampfhafte Wolken entlockt hatte ; die Mutter , Dorothee und ich falteten die Hände zu einem stummen Gebet . » Unseren Ausgang segne Gott , unseren Eingang gleichermaßen ! « rief die Muhme laut , indem sie sich von den Knien erhob . Sie kletterte in die Chaise und setzte sich geziementlich auf den Rücksitz , ihrem Fräulein gegenüber . Der Vater schloß den Schlag . Noch ein » Glückauf ! « und dahin rumpelten wir auf dem holperigen Pflaster in eine neue , unberechenbare Welt . Dank der resoluten Reisemarschallin ging die dreitägige Fahrt ohne Hindernis vonstatten . Auf der letzten Station harrte verabredetermaßen das » Spukeding « von Reckenburgs goldener Kutsche mit dem unsterblichen Schimmelzug und der gleicherweise unsterblichen Lakaienschaft . Ihr habt , meine Freunde , mich vor Jahren noch in dem schweren bronzierten Glaskasten dann und wann einen Ausflug machen sehen . Ich tat es , wie ich manches ererbte Unbequeme tat und erhielt - aus Bequemlichkeit . Es war einmal da , es genügte mir . Ich tat es aber auch mit der Absicht , das böse Ding allmählich seines gespenstischen Nimbus zu entkleiden . In diesem alten Gehäuse hatte die Gräfin ihren Einzug in Reckenburg gehalten , in ihm war sie in der ersten Zeit ihrer Herrschaft hinter von außen her verhüllenden Gardinen bei ihren Flurbesichtigungen vermutet worden . In ihm folgte ich , als einzige Leidtragende , ihrem Leichenzuge . Daß die Schimmel und Heiducken von 1750 und 1806 nicht die nämlichen waren , sondern nur von möglichst ähnlichem Kaliber und nur mit dem silberbeschlagenen Geschirr und der silberstrotzenden Livree ihrer sehr sterblichen Vorgänger behängt , brauche ich Euch nicht zu versichern . Und wie mit der Unsterblichkeit der Schimmel und Heiducken , und wie mit der alten schwarzen Reckenburgerin selbst , wird es auch mit allen ihren übrigen Seltsamkeiten eine sehr natürliche Bewandtnis gehabt haben . Der Mensch , welcher sich aus Neigung oder Fügung dem Tagestreiben entzieht , verfällt eben dem Vergessen oder dem Märchensinn seiner Lebensgenossen . Nun ja , sie hat in fast einem halben Jahrhundert ihre unzugängliche , dämmerige Klause nicht verlassen ; aber das geschah , weil das Sonnenlicht ihre Augen blendete , und weil ein schlecht geheilter Knochenbruch ihr jede Bewegung empfindlich machte . Ja sie hat die Nächte ohne Schlummer in ihrem Stuhle aufrecht gesessen ; aber nur , weil asthmatische Beschwerden ihr erst am Morgen ein paar Ruhestunden gönnten . Ja sie hat sich lange Jahre fast ausschließlich von Grützbrei und Eicheltrank genährt ; aber nur , weil der Magen keine kräftigere Kost mehr duldete . Nicht unerklärlicherweise trotz ihrer Diät , sondern erklärlicherweise wegen ihrer Diät hat sie sich das Dasein über das gewöhnliche Menschenmaß hinaus gefristet . Je einfacher wir , freiwillig oder gezwungen , unsere Funktionen beschränken , um so zäher wird ja das Leben . Menschen mit mangelnden Sinnen dauern gemeinhin länger als die mit völligen Sinnen . Geizige , das heißt Menschen mit verknöchertem Herzen , werden fast immer uralt . Und so möge denn auch eingestanden sein , daß die seltsame Gründerin und Erhalterin der Reckenburg mit solch einem verknöcherten Herzen in die Grube gefahren ist . Wie sie aber von einem reichen Eingange zu diesem armseligen Ausgang gelangen konnte , das erkläre Euch ein Blick über ihren Lebenslauf , der sich auch vor meinen Augen erst nach ihrem Tode aus einer vorgefundenen Korrespondenz im Zusammenhange enthüllt hat . Eberhardine von Reckenburg hatte von ihrem Vater nichts als die Trümmer seiner Stammburg in einem sumpfigen , verrufenen Waldwinkel überkommen . Mütterlicherseits aber war sie eine Erbtochter . In der Wiege verwaist , verdreifachte sich ihr Vermögen unter einer gewissenhaften Vormundschaft , da die Kurfürstin , ihre Patin , sie innerhalb ihrer eigenen Hofhaltung erziehen und später als Hoffräulein in ihren Dienst treten ließ . Bei ihrer Mündigkeitserklärung sah sie sich in einem Besitzstand , der ihrerzeit ein fürstlicher genannt ward . Klug und ehrgeizig von Natur , besaß sie den Sinn , diesen Wert nach seinem Abstande von dem großenteils verarmten Höflingsadel zu ermessen . Sie galt für schön , und sie galt sich selbst dafür ; aber sie sah manche ihresgleichen sich und anderen mit noch größerem Rechte dafür gelten , und nach einem Karneval oder zweien , verdrängt , vergessen , von der Bühne verschwinden , sobald nicht eine andere Macht der Schönheit eine dauernde Unterlage gab . Daß von der Tugend als solcher Unterlage zu August des Starken Zeiten keine Rede war , braucht nicht erörtert zu werden , aber auch der Adel gewährte sie nicht , denn die reinste Ahnenprobe führte eine abgeblühte Schöne bestenfalls in ein Fräuleinstift . Nur eine Goldtonne war ein zuverlässiges Piedestal . Zwischen Fest und Spiel , inmitten der gewissenlosen Herrschaft eines Brühl und seiner tollen Nacheiferer , gab es am Hofe von Sachsen ein junges Mädchen , das mit heimlichem Hohn die Schnüre seines Beutels fest in den Händen hielt und mit der nüchternen Berechnung eines Mannes seinen Schatz zu mehren verstand . Mochten die Kartenhäuser um sie her zusammenstürzen , sie stand sicher , sie durfte steigen . Tag für Tag meldete sich ein Bewerber um die Hand der reichsten Partie des Landes . Keiner genügte ihrem hochstrebenden Sinn . Sie war dreißig Jahre alt geworden und wählte noch immer . » Der Rechte wird kommen