, wie er früher das wohl selbst kaum für möglich gehalten hätte . Anfangs blickte er am heißen Mittag wohl zuweilen etwas traurig in die schattigen Werkstätten hinein und ließ das Köpfchen hängen , während er wieder an sein Tagwerk ging . Aber immer mehr richtete er sich auf , so daß die Leute bald bemerkten , das Bürschchen sei am guten Tische der Stigerin nicht nur fetter und kräftiger geworden , sondern auch sein Köpflein sei ihm in der immer stark eingeheizten Stube erwarmt , wie allen , die es früher darum ausgelacht habe . Gar so arg , als die Leute meinten , war es nun freilich nicht ; aber wenn ein Mensch , den man einmal als so und so sich vorzustellen gewohnt ist , nur in einem Stücke umschlägt , so ist jedermann zu Übertreibungen geneigt , welche eine vorgefaßte Meinung zu bestätigen geeignet sind . Freilich verbrauchte er seine Kraft nicht mehr in trotzigem Dulden ; bei den wohlhabenderen Bauern , mit denen er als Seele des Stighofes fast täglich verkehrte , seit ihm den Krämer als Ratgeber und Nothelfer zu verdrängen gelang , hatte er etwas ganz anderes zu suchen als belachenswerte Fehler . Zwar stolzer als ehemals war er nicht , wenn er auch etwas sicherer auftrat und neben Dorotheen seine ehemaligen Gefährten beinahe vergaß ; aber ganz der alte schien er auch sich selbst nicht mehr und hielt sich in manchem Stücke für besser . Wie teuflisch hatte er sich am ersten Tage gefreut , wenn er die Besitzer des Stighofes und Dorotheen in ihren Urteilen über etwas auch nur ein wenig auseinandergehen zu sehen meinte ! Da glaubte er gleich einen Platz entdeckt zu haben , wo er sich vielleicht zwischen sie hineinsetzen konnte ; jetzt aber machte es ihn noch viel glücklicher , sie alle als zusammengehörig zu betrachten . Das Mädchen , das er schon früher zu lieben wähnte , weil er es neidisch , eifersüchtig bewachte , stand jetzt zu groß , zu hoch vor seiner Seele , als daß er noch ärgerlich den Eindruck jedes freundlichen Wortes , jedes Geschenkes auf sein Herz hätte berechnen können . War es nicht recht und ganz natürlich , daß Dorothee auch bei anderen , bei allen etwas galt ? Hatte doch er in der Zeit , wo noch die gemeinste Selbstsucht ihn so beherrschte , daß er der Magd keine Freude gönnte , die ihr andere machten , bei Tag und Nacht an sie denken , nur ihretwegen sich oft weit über seine Kräfte anstrengen müssen . Die war eben der Mittelpunkt im Hause , und er schätzte sich jetzt glücklich genug , daß ihm neben ihr zu leben und mit ihr zu arbeiten vergönnt war . Selbst das Haus , die Felder und alles , was sie je betrat , wurde ihm lieber und werter . Immer mehr lebte er sich mit Leib und Seele in den Zauberkreis hinein , aus dem er anfangs nicht ungern auch das liebe Mädchen herausgerissen hätte . Die alte Stigerin mit dem früher rabenschwarzen Haar , auf welchem bereits der Winter lag , und mit der großen Hornbrille auf den grauen Augen , deren ungewöhnlich starke Brauen mit der die niedere , aber breite Stirne bedeckenden Pelzkappe zusammengewachsen zu sein schienen , kam ihm ganz anders vor , wenn er sich vorstellte , wie sie ein armes Mädchen allem Spott und Neide zum Trotz aus der Hütte des Elends , des Unfriedens und der tiefsten Armut rettete , um ihm Mutter zu sein und es so zu einer Dorothee zu erziehen . Oh , er gab ihr von Herzen recht , wenn sie , von der Geschichte redend , mit einem Stolz , der ihm recht in der Seele wohl tat , sich ein Werkzeug des lieben Gottes nannte , der keinen Menschen unschuldig Armut und Not ertragen lasse , bis er dadurch an Leib und Seele verderbt werde . Wohl hundertmal bat er sie , die die gute Dorothee schon damals liebte und schützte , als er noch ein recht ungezogener Junge war , in Gedanken um Verzeihung für die groben Verse , die er auf die nicht besonders schöne und ihm recht in der Seele verhaßte Mutter seines Spielkameraden gemacht hatte , und die Schneeballen , die er in ihren Kamin warf , wenn die Milchsuppe auf dem Herdfeuer stand , und für all die tollen Streiche , durch die er es hatte rächen wollen , daß sie Hansen stets mit einem unheilverkündenden Pfiff heimrief , sobald sie ihn einmal mit ihm spielen sah . Immer mehr lebte Jos sich in die Verhältnisse des lieben Mädchens , sogar in seine Familie hinein , nicht nur Freude und Leid mit ihr teilend , sondern jede Pflicht , alles , was ihr groß und heilig war . Es gab nichts Schöneres für ihn als ihre Erzählungen aus der Vergangenheit , wie unbedeutend sie auch immer sein mochten . Dorothee wurde oft verlegen , daß ihr aufmerksamer Zuhörer später manche Kleinigkeit aus ihrem Leben , die ihr nur einmal im Erzählungsdrange mitsamt allen Nebenumständen einfiel , bei weitem genauer wußte als sie selbst . So wunderbar , als sie meinte , war das freilich nicht , denn oft genug beschäftigte er sich mit jeder Einzelheit , und besonders ihre wichtigen Tage waren bald auch ihm bedeutend geworden , hauptsächlich der zwölfte März , an dem sie in dieses Haus kam , und der zwölfte Hornung , der Abschiedstag ihres Bruders . Früher vermochte er nicht zu begreifen , wie sie nach diesem Tage noch auf dem Stighof bleiben konnte . Jetzt aber dachte er sich nie mehr an Dorotheens , nur noch an Hansjörgs Stelle . Dieser tat dem Wohltäter seiner Schwester gewiß nicht ungern einen so wichtigen Dienst , wenigstens hätte er es sollen , meinte Jos , als er sah , wie treulich Hans noch immer daran dachte und wie überreich er auch dem Mathisle das ersetzte , was allenfalls Hansjörg als