der Töne , wie die See zuweilen ruhig wird , wenn der Mond aufgeht , und die zwei glockenreinen Stimmen huben an zu singen : » O sanctissima , o piissima , dulcis virgo Maria ! mater amata , intemerata , ora pro nobis . « Es war die Antwort , welche die Kinder des Glaubens dem Sohn des Wissens gaben . Während er dem Erdgeist in der Menschheit und in der eigenen Brust huldigte , brachten sie ihre Huldigung der sündenlosen Fürbitterin des gefallenen Menschengeschlechtes dar . Es machte einen so lieblichen Eindruck , daß der Graf am Schlusse rief : » Da capo ! singt weiter und singt mehr ! es ist , als ob der Hirtenknabe David vor dem irren König Saul sänge . « Nichts tat Regina lieber ! Von Melodie und Rhythmus getragen , fand der Schwung ihrer Seele ein klingendes Flügelpaar , mit dem sie aufstieg und sich wiegte in den Regionen , wo die ewige Harmonie zu Hause ist . Uriel setzte sich so , daß er sie im Profil sehen konnte - dies zarte und doch so bestimmte Profil , das , ganz charakteristisch für ihr Wesen , etwas von der Schönheit und dem Schmelz der Blume , etwas von der des Edelsteines hatte , Grazie ohne Weichlichkeit , Kraft ohne Härte , Adel ohne Stolz : ein holdseliges Menschenbild . Zuerst sah und horchte er auf sie ; dann flossen Bild und Stimme in einander , wie am Horizont das Morgenrot mit den sanft rauschenden Meereswellen zusammenfließt , und es ging ihm ein Singen und Klingen durch die Seele , das uralte Lied der erwachenden Liebe , das uralte Echo aus dem Paradiese , bevor die Schlange es vergiftete , der uralte Sehnsuchtsseufzer des Menschenherzens nach einem Glück , dessen Urbild ihn nach Oben , dessen Schatten ihn nach Unten zieht . Uriel kannte den Wunsch der Familie . Er wußte , daß er dereinst Herr auf Windeck sein werde . Er fand es ganz in der Ordnung , daß er der Schwiegersohn des Mannes werde , der ihn mit der innigsten Vaterliebe gehegt und gepflegt hatte und dessen Erbe und Nachfolger er war . Sein edles Herz hatte früher immer eine Pflicht der Dankbarkeit darin gefunden . Jetzt , da er Regina nach fünf Jahren wiedersah , jetzt freilich wünschte er , sie möge ihm erlauben , dankbar sein zu dürfen , und er gestand sich ein , daß dazu wenig Hoffnung sei . Um sich etwas zu trösten , dachte er an ihre große Jugend , an ihre Erziehung im Kloster , und hoffte auf unbestimmte himmlische Fügungen , wie man eben hofft , wenn man auf einen Würfelfall die Erfüllung des Glückes gesetzt hat . Nachdem man sich spät getrennt hatte und Regina einsam in ihrem Zimmer war , dachte sie nach über Florentins Reden und Ansichten . Bittere Tränen traten ihr in die Augen . Der Unglückliche ! dachte sie . Es ist der Weg des Seelentodes , den er wandelt : er verachtet Gott , er verschmäht die gekreuzigte Liebe . Ach , und er ist der Pflegesohn meiner Mutter ! Ob er wohl betet ? .... Könnte er sich so weit von der Offenbarung verirrt haben , wenn er betete ? Sie nahm ihren Rosenkranz und stieg die enge Wendeltreppe hinab , die aus ihrem Zimmer in die Kapelle durch eine Seitentür führte , um für Florentin den Rosenkranz zu beten . Als sie leise die Türe öffnete , sah sie vor dem Altare Hyacinth knien . Mit ausgespannten Armen und mit unaussprechlicher Inbrunst lag er da . Der Schimmer des ewigen Lichtes in der Ampel fiel auf seine blonden Locken und goß einen goldenen Glanz um sein Haupt . Überall sonst war es dunkel . Regina trat nicht in die Kapelle ein ; sie fürchtete , diese Gebetsstille zu stören . Sie kniete auf der untersten Stufe der Treppe nieder und empfahl Florentin der Fürbitte der heiligen Gottesmutter ; und als der Rosenkranz zu Ende war und sie einen Blick in die Kapelle zurückwarf , kniete Hyazinth noch immer im stummen Herzensgebet vor dem Altare . Solo Dios basta Der Balltag kam heran . Der Graf sagte , er habe eigens den Tag dazu gewählt , wo Regina ihr achtzehntes Jahr antrete , um mit einem Fest , wie es sich für die Jugend schicke , einen neuen Abschnitt ihres Lebens zu bezeichnen . » Und besorge Dir ein Ballkleid , Regina , « setzte er hinzu , » von Flor oder Krepp , oder wie der Stoff heißt ! recht leicht , recht luftig . Es wird wohl am besten sein , wenn die Tante dafür sorgt . « Damit war Regina ganz einverstanden . Sie ging zu Onkel Levin und sagte kleinlaut : » Ach , lieber Onkel , der erste Ball ! « » Ja , mein Kind , der erste , aber gewiß nicht der letzte , « entgegnete er scherzend . » Ich fürchte mich vor den vielen fremden Menschen . « » Ganz unnütz , Kind ! sei freundlich zuvorkommend gegen alle Frauen und freundlich zurückhaltend gegen alle Männer , so bist Du , wie Du sein sollst , und hast nichts zu fürchten . « » Lieber Onkel , « sagte sie errötend , » ich fürchte die Menschen nicht sowohl , weil ich mich ihnen gegenüber ungeschickt benehmen , sondern weil ich mich in ihrem Tumult und zwischen all ' dem Gerede aus der Gegenwart Gottes verlieren könnte . Man sagt ja , das geschehe sehr leicht und sehr häufig in solchen rauschenden Lustbarkeiten . « » Freilich ist es leichter , in der stillen Kapelle oder im einsamen Zimmer in der Gegenwart Gottes sich zu halten , als auf einem Ball ! Aber ich hoffe , Du willst für Gott nicht bloß das tun , was Dir leicht wird . Also hebe in Gedanken Dein Herz zuweilen von der Nichtigkeit eines Balles zu den Freuden