Chevalier St. Just die darin enthaltene Wahrheit zu versinnbildlichen . Er hatte aufrichtig gesprochen , als er Alicen erklärte , daß er über die zu ergreifende Partei noch unentschieden sei ; aber die Strafe dieser Unentschiedenheit zeigte sich schon jetzt . Da er es vorläufig noch mit beiden Parteien hielt , es weder mit dem Proletariat noch mit der Aristokratie verderben wollte , so mußte er sich in beiden Lagen für etwaigen Rückzug eine Thüre offen erhalten . Diese Rücksicht legte ihm aber Fesseln an und verhinderte ihn , nach einer der beiden Seiten die ganze Energie zu entwickeln , deren er fähig war , und welche ihn bald über alle Eifersüchteleien von Nebenbuhlern hätte triumphiren lassen - und Eifersüchteleien sind gefährlicher als offne Angriffe von erklärten Feinden . Auf der einen Seite stand Ralph - auf der andern - freilich ohne seine unmittelbare Schuld , - der Prinz A. ihm gegenüber . Der Prinz A. liebte die Gräfin und haßte in Folge dessen den Chevalier , weil dieser - wie es ihm schien - mehr Glück bei der Gräfin hatte als er selbst sich rühmen konnte . Es könnte auffallen , daß Alice gegen Gilbert zu intriguiren schien , indem sie den Prinzen in seinem Verdachte von einem innigeren Verhältniß zwischen dem Chevalier und der Gräfin bestärkte . Allein wir kennen Alicen hinlänglich , um nicht den Grund dieses scheinbaren Verrathes zu durchschauen - sie - die selbst ohne Leidenschaft , oder wenigstens von keiner Leidenschaft jemals übermannt , mit der Leidenschaft Anderer zu spielen gewohnt war , um aus dem daraus gewonnenen Triumpfgefühl sich eine Staffage für ihre eigene materielle Unabhängigkeit und geistige Selbstständigkeit zu gewinnen - mußte - vor allen Dingen dahin zu gelangen suchen , diejenigen , welche die leitenden Fäden der im Spiel begriffenen Intrigue in Händen hielten , ihrem Willen zu unterwerfen , und ohne daß sie es merkten , von sich abhängig zu machen , damit sie selber das Centrum würde , in welchem alle die verschiedenen Fäden wieder zu einem Knoten zusammenliefen . Sie wußte , daß die Gräfin Rücksicht auf den Prinzen nehmen mußte , weil ihre Existenz , ihre jetzige glänzende Existenz , hauptsächlich sein Werk war : deshalb ließ sie jene Andeutung fallen , aus welcher die Gräfin zu ihrem größten Erstaunen ersah , daß ihre Theilnahme für den Chevalier dem scharfen Auge ihrer Freundin keineswegs entgangen war . Die Gräfin begann Alicen zu fürchten und diese Furcht war der erste Ring zu einer Kette , welche sie an dieselbe fesselte und ihrem Willen gehorsam machte . Den Prinzen zog nicht nur das Gefühl der Dankbarkeit für die erhaltene Aufklärung , sondern auch das weit kräftigere des Beistandes , dessen er bedurfte und das allein sie ihm gewähren konnte , zu Alicen hin ; vielleicht kam noch ein drittes Moment hinzu : nämlich die Erinnerung an eine noch nicht gar lange verschwundene Zeit , in welcher er die schöne Frau einst sein eigen genannt hatte . Und Alice verstand die große Kunst , diejenigen , welche sie einst geliebt hatten , sobald diese Liebe verschwunden war , als ihre wärmsten und aufrichtigsten Freunde sich zu erhalten . Sie zeigte allen diesen Verhältnissen und Personen gegenüber dieselbe anmuthige Liebenswürdigkeit , welche es ihr möglich machte , oft Wahrheiten zu sagen , die aus anderm Munde verletzt haben würden , in dem ihren aber nur dazu beitrugen , das Band noch fester zu knüpfen , welches Alle , die sich einmal in ihre Nähe gewagt hatten , an sie fesselte . Was Gilbert betraf , so war er schon durch ihre Mitwissenschaft von seiner Theilnahme an der Verbindung der Achtzehner ein Sklave ihres Willens . Mit ihm brauchte sie am wenigsten Rücksicht zu nehmen . Es gab unter allen denen , die sie kannten , nur zwei Personen , für welche sie ein innigeres Gefühl in sich trug ; und grade diese beiden befanden sich nicht im Salon der Gräfin : es waren Lichninsky und - Ralph , der Fürst und - der Arbeiter . Das Gespräch , in welchem der Prinz A. mit dem Chevalier begriffen war , schien für Beide ein großes Interesse zu haben . Ersterer hatte von der Gräfin gehört , daß der Chevalier am 23. Februar in Paris gewesen ; es war mithin natürlich , daß es ihn interessirte , dies Ereigniß von einem Augenzeugen geschildert zu hören . Aber der Prinz hatte - vielleicht unbewußt - noch einen andern Zweck dabei im Auge . Gilbert war für Alle , mit denen er Umgang hatte , ein räthselhafter Mensch . Niemand konnte sich seines besonderen Vertrauens rühmen , Niemand kannte den Zweck seines Aufenthalts in Berlin und den Grund , weshalb er Paris grade in jener denkwürdigen Zeit verlassen hatte - Ursache genug , um den eifersüchtigen Prinzen mit Mißtrauen gegen ihn zu erfüllen und um den Versuch zu machen , den Absichten dieses fahrenden Ritters - dafür hielt ihn der Prinz - auf die Spur zu kommen . Der brave Chevalier merkte jedoch bald , wohinaus die Fragen des Prinzen zielten , und wich geschickt jeder bestimmten Antwort aus . Dennoch würde es ihm auf die Länge schwer geworden sein , dieses gefährliche Frag- und Antwortspiel fortzusetzen , hätte ihn nicht seine schöne Freundin aus der Noth geholfen . Die Gräfin rief ihn mit einem entschuldigenden Blick auf den Prinzen zu sich , um einen Streit zu schlichten , der zwischen ihr und dem Professor Lips über Classicität der ägyptischen Kunstdenkmäler ausgebrochen war . Gilbert , der längere Zeit im Orient sich aufgehalten , konnte wohl als Autorität in dieser Streitfrage gelten . Während an dem hellerleuchteten Gesellschaftstisch die ästhetische Frage über die hohe Entwickelung der ägyptischen Kunst erörtert wurde , blieb der Prinz nachdenklich in der Fenster-Nische stehen , halb verdeckt durch die faltigen dunkel gelbseidenen Gardinen , die das Lichtmeer des Saales fast zu einem Halbdunkel abschwächten . Da fühlte er plötzlich einen leisen Druck auf seinen Arm . Er sah sich überrascht