Thalheim ? « » Zu dienen , Franz Thalheim , « antwortete Jener mit einer Art von Selbstgefühl . » Siehst Du , « sagte der Andre , » die Mamsell wird Deinen Namen wohl kennen , in der Stadt lesen sie Alles , was Du schreibst . « Franz schüttelte mit dem Kopfe . » Sie sind also wohl Literat ? « fragte Elisabeth . » Literat ! « versetzte Franz . » Das Wort klingt zu vornehm für einen armen Fabrikarbeiter , welcher nur in seinen wenigen Mußestunden hier und da ein offnes Wort geschrieben hat für seine armen geplagten Brüder - und was ein schlichter Arbeiter in seiner Einfalt schreibt , lesen doch die vornehmen Leute nicht - - « In diesem Augenblick hüpfte Pauline , welche soeben Elisabeth bemerkt hatte , durch eine rasch geöffnete Zimmerthüre und warf sich jubelnd an den Hals der Freundin . Sie zog sie mit sich die Treppe hinauf in eines jener mit Glanz und Bunt überladenen Prunkgemächer , welche ihr Vater speciell für sie bestimmt hatte . » Was ist das für ein Mensch , der mich hierher geleitete , und der sich Franz Thalheim nennt ? « fragte Elisabeth nach der ersten herzlichen Begrüßung . » Er sieht ihm so ähnlich ! « fügte sie bei , indem sie sinnend vor sich nieder sah . » Ja , « antwortete Pauline lächelnd , » das hättest Du wohl nicht gedacht ? Er ist nur ein gewöhnlicher Arbeiter in unsrer Fabrik , aber ein jüngerer Bruder unseres Lehrers Thalheim . « » Wär ' s möglich ! « rief Elisabeth . » Ja , dieser Franz hat mir es selbst erzählt , sein Vater ist Schuhmacher gewesen , und da sein ältester Sohn viel Anlagen gehabt , so hat er ihn zum Studiren bestimmt . Darüber ist aber der Vater gestorben , und da unser Lehrer das Studium nicht hat aufgeben wollen , so hat er sich auf der Universität sehr kümmerlich behelfen , und allerhand kleine Erwerbsquellen aufsuchen müssen . Die andern Knaben haben an die Erlernung eines Handwerkes gehen müssen , und so befindet sich denn seit Kurzem dieser Franz in unsrer Fabrik . Er ist nicht roh und ungesittet , wie die andern niedriggestellten Fabrikarbeiter , aber diese scheinen ihn mehr als irgend einen zu lieben , trotzdem , daß er ihnen manchmal mit strafenden Worten die Wahrheit sagt . « » Ich hörte einen Andern davon sprechen , daß er schreibe - wohl für ' s Volk ? « » Ja , er hat einige einfache , aber rührende Geschichten geschrieben , welche die Noth der Fabrikarbeiter , der arbeitenden Classen überhaupt schildern - er hat mir selbst am Tage nach unsrer Christbescheerung ein Exemplar davon geschickt , und eine gefühlvolle Dedication für mich beigefügt . Bei dieser Gelegenheit war es auch , wo ich überhaupt zuerst von ihm hörte , ihn sah und er mir seine Familiengeschichte und die Verwandtschaft mit unserm Lehrer erzählte . « » O , erzähle mir Alles wieder , es interessirt mich Alles , was ich von seinem Bruder höre , laß Nichts aus , erzähle , wie Du ihn zuerst sprachst , und was er sagte , « bat Elisabeth . » Gern , « antwortete Pauline mit einem leichten Erröthen , » denn ich muß Dir gestehen , daß auch mich dieser junge Mann lebhaft interessirt , welcher so verschieden von den andern Arbeitern der Fabrik ist , mit denen ich hier und da gezwungen bin , ein Wort zu wechseln . « » Es war an demselben Tag , « begann sie zu erzählen , » wo wir den Kindern bescheert hatten . Weder mein Bruder , noch mein Vater waren dabei gegenwärtig , denn die ganze Sache war ihnen unangenehm , mein Bruder hatte längst gestrebt , sie zu verhindern , und mein Vater mir nur auf lange Bitten die Erlaubniß dazu gegeben . Wie ich nun so die armen Kinder , die über den hellen Lichterglanz mehr vor Furcht , als vor Freude schrieen , an ihre kleinen Tische geführt hatte , vor denen sie mit halbblöden Blicken still und ohne sich zu regen standen , wie ich sie eben gestellt hatte - wie dann ihre Angehörigen , die sich zur Aufsicht der Kinder , und aus Neugier mit hereingedrängt hatten , den Raum der Stube erfüllten , wie von dieser meist in zerlumpte und unreinliche Sachen gekleideten Menge ein erstickender Dunst in der geheizten Stube entstand , und Viele dieser Leute unter sich unschickliche Späße machten , und in groben Ausdrücken sich unterhielten , wohl hier und da auch halblaut die Gaben tadelten , oder darüber lachten - so ward mir unheimlich zu Muthe , und ich fing an zu weinen . Mein Kammermädchen Friederike , welche ich mitgenommen hatte , mir bei der Bescheerung behilflich zu sein , erschien mir unter diesen Leuten wie das einzige mir gleichstehende Wesen , und als ob es meine beste Freundin sei , sucht ' ich an ihrer Seite Schutz vor dieser beängstigenden Umgebung , und indem mich ein kalter Schauer überrieselte , sagte ich leise ausrufend zu ihr : O , mein Gott , und das sind auch Menschen , wie wir ! « » In diesem Augenblicke war es , « fuhr sie weiter fort , nachdem sie einige Momente lang in sinnendem Schweigen vor sich niedergesehen hatte , » als ich Franz Thalheim zuerst sah . Er stand mir zunächst , und hatte meine unvorsichtigen Worte gehört . Er warf einen unbeschreiblichen Blick voll Schmerz und Vorwurf auf mich , vor dem ich beschämt und zitternd meine Augen senkte - er öffnete den Mund zum Sprechen , und ich fürchtete tadelnde , vielleicht rohe Worte von ihm zu hören - ich fühlte , daß ich sie verdient hatte - aber er sprach mit sanfter , bescheidener Stimme , indem er aber ganz dicht neben mich trat , daß außer Friederiken Niemand weiter hören konnte