die Stelle einzunehmen , welche ihm später die französische Revolution errang . Jene Motive lagen Goethe damals als Tagesfragen nahe , darum behandelte er sie und läuterte seine Ansicht von ihnen durch das freie , dichterische Gestalten . Man sollte es also auch jetzt nicht tadeln , wenn sich die Fragen , welche unsere Zeit zu lösen hat , ebenfalls in der Dichtkunst spiegeln , wenn wir mit ihrer reinigenden Kraft uns den Ueberzeugungen dienstbar machen , für die wir leben . Mit der Anforderung , daß der Roman sich dem Tage anschließe , dem er gehört , bemerkte Theophil , ziehen sie aber die freie Göttin der Poesie in das Gebiet eines gewöhnlichen Arbeiters herab . Sie soll Ihnen für Ihre Ziele nutzbar werden ; das ist doch aber nicht ihr eigentlicher Beruf . Es gibt nur Epochen , in denen Niemand feiern darf , in denen Götter , wenn sie noch auf Erden wallten , selbst Hand anlegen würden , sagte Alfred . Erlauben Sie mir den Einwand , entgegnete ihm Theophil , daß Diejenigen , welche die reine Lyrik und den historischen Roman mit dichterischer Begabung und glücklichem Erfolg bearbeiteten , gegen Sie sprechen . Und auch das Urtheil des großen Publikums möchte sich nicht für Ihre Meinung entscheiden , wie wir es an den Scott ' schen und an vielen andern Romanen gesehen haben . Die große Masse will nur unterhalten sein , das ist leider richtig . Sie will ein paar müßige Stunden ohne Nachdenken zu Ende bringen und wer ihr dazu verhilft , kann leicht ihr Liebling werden . Das aber soll den Dichter nicht bestechen , sagte Alfred . Ich ehre von Herzen Diejenigen , welche den historischen Roman in würdiger Absicht bearbeiten , ich erkenne jede Eigenthümlichkeit an , die Schönes hervorbringt . Ich meine aber , der Beruf eines Dichters lege ihm in den verschiedenen Zeitaltern und Ländern verschiedene Pflichten auf . In Ländern , in denen das Volk selbstregierend Theil nimmt an allen Zeitinteressen , wo die Unterhaltung darüber von dem Palast bis in die Hütte dringt , wo Jeder die Gegenwart kennt , da darf der Dichter sich in poetischer Betrachtung der Vergangenheit zuwenden , denn die Arbeit des Tages wird gethan . Er darf die Vergangenheit erläutern und verklären , aus der die beglückende Gegenwart geboren ward . Das that Scott , aber sehr ausschließlich und entschieden im Sinne der Partei , der er angehörte ; das thaten manche unserer Dichter mit großem Glück und Erfolg . Doch dünkt es mich augenblicklich in Deutschland eben nicht die Zeit dazu zu sein . Nicht Zeit ? fragte Therese und sagte dann , zu Theophil gewendet , leise : Sie stützen noch immer den Kopf auf die Hand , Sie haben Schmerzen . Wollen Sie , daß ich ein Fenster öffne ? Theophil dankte ihr und Alfred antwortete nach einer Pause , in der irgend ein der Unterhaltung fernliegender Gedanke ihn beschäftigt haben mochte : Nein ! wir haben jetzt nicht Zeit , in poetischen Ergüssen zu feiern ; denn unsere Tage sind Tage des Kampfes und der Arbeit . Warfen doch alle Dichter die Leier fort , zu der sie Liebeslieder sangen , um Schlachtgesänge zu jubeln , als es galt , das Vaterland von den Feinden zu befreien , die seine Grenzen überschwemmten . Die Welt des Gedankens ist unser wahres Vaterland , die Freiheit des Wollens und Handelns ein höheres Gut , als die Scholle , auf welcher wir zufällig den Tag zuerst erblickten . Für diese Heiligthümer streiten wir jetzt ; und Keiner , der mit geistigen Waffen für diese heiligsten geistigen Güter zu ringen Kraft fühlt , darf in müßigen Träumen feiern . Unser deutsches Volk schwelgt gar zu gern in der Poesie der Vergangenheit und in nebligen Hoffnungen einer glücklichen Zukunft , die nicht kommen wird , wenn man sie nicht mit dem Aufwande aller vereinten Kräfte erschafft . Theophil lächelte etwas spöttisch und Alfred , der es bemerkte , fuhr noch lebhafter fort : Der Dichter , der sein Volk liebt , dem die Menschheit heilig ist , soll jetzt mit jedem Worte an die Kammer der Schlafenden pochen . Wie der Ruf eines Herolds soll seine Stimme durch das Vaterland erschallen . So lange nicht Dasjenige , was das Volk bedarf , was die Zeit erheischt , von Vertretern des Volkes berathen wird ; so lange das Volk nicht frei seine Meinung sagen darf , so lange muß der Dichter in Bildern für sein Volk sprechen und in Bildern erklären , was die Nation bedarf und fordert . Aber heißt das nicht , wiederholte Theophil , die Poesie vom Himmel zur Erde ziehen , und den Dichter zum Sklaven der Partei erniedrigen , da er doch über dem Leben stehen und mit unparteiischem Auge auf die Welt blicken soll . Ueber dem Leben steht Niemand ! rief Alfred sehr ernst . Wohl Dem , der auf der Höhe seiner Zeit steht und sie mit gesundem Auge betrachtet . Ich vermag die Gegenwart und die Vergangenheit zu überblicken , ich strebe , die Dunkelheit der Zukunft zu durchdringen ; aber immer nur von meinem menschlichen Standpunkte aus , der innerhalb unserer Zeit , innerhalb des Lebens liegt . Was von dem Punkte , auf dem ich stehe , mir gerade erscheint , das sieht von einer andern Seite schief aus ; so bilden sich für Jeden , der in die Ferne blickt , die verschiedenen Ansichten , die Parteimeinungen . Wer davon frei zu bleiben glaubt , irrt gewiß . Es wäre nur für Denjenigen möglich , der eigensüchtig die Augen schlösse , um Nichts zu empfinden als sich selbst . Ich habe , sagte Therese , bisher eine ähnliche Ansicht wie Theophil über den Beruf des Dichters gehabt . Ich glaubte , es wäre seine Aufgabe , das Leben zu verschönen , die misklingenden Dissonanzen in reine Harmonien aufzulösen und uns die Dornenpfade des Lebens mit Blumen zu schmücken . Möglich ,