Sie von mir eine leichtfertige Seele sein , ich tauge gar zu nichts Anderem , als euch arme , weiche Gemüther zu rächen . Wir wollen die neuen Walzer einüben . Liebes Fräulein , meine Augen sind trübe , ich habe die halbe Nacht hindurch geschrieben , seufzte Vrenely . An Ihn ? fragte unbesonnen Leontine . Vrenely erglühte wie eine Rose . An wen ? hauchte sie bebend hervor . An wen könnte ich wol zu schreiben haben ! Ich habe aus dem Englischen übersetzt ; der Professor lernt es auch eben , und da hatte ich Lust bekommen und fing es vor Kurzem an . Aus welchen Fäden die Liebe ihr Glück spinnt ! flüsterte Leontine Annen zu . Aber ihre Lockungen zogen das Mädchen am Ende doch hinüber in den Saal , und ihre Gutmüthigkeit gaukelte ihr so lange vor , bis sie heiterer gestimmt schien . Gotthard brachte einige von Annen gewünschte Bücher und Noten ; er sah sehr ernst , fast trübe aus und erwähnte ebenfalls Otto ' s Abreise . Wir werden ihn alle vermissen , erwiderte Anna . Gotthard antwortete nicht sogleich . Anna war dieses Schweigen gewohnt an ihm , er war einer von den still und besonnen immer nach der einmal innerlich angeschlagenen Richtung fortdenkenden Menschen ; auch jetzt glaubte sie ihn mit irgend einem Vorschlag für der Kinder Unterricht beschäftigt . Basel ist sehr nahe , sagte er nach einer Weile . Sie sah erschreckt auf ; daß Otto im Laufe des Semesters kommen könne , war ihr nicht eingefallen . Jetzt schien ihr seine Heiterkeit erklärlich . Leontine und Vrenely waren unterdessen in den Salon gegangen , Gotthard war zum ersten Mal mit der Gräfin allein . Es regte sich ein Gefühl des Unmuths und der Unzufriedenheit mit Otto in ihrer Brust , als habe er absichtlich sie getäuscht ; sie arbeitete emsig an ihrer Tapisserie , ohne ein anderes Gespräch zu beginnen . Als folge Gotthards Blick wortlos dem Zuge ihrer Gedanken , fuhr er nach einer Pause fort : Und Sie , gnädige Gräfin , Sie finden es nicht natürlich , daß in unserer so streng und viel fordernden Zeit wir Männer einzelne glückliche Stunden fester zu ergreifen und zu halten streben , als die zarteren , vom Außenleben minder hart behandelten Frauen ? Wie lange Jahre hindurch bleiben wir nicht gezwungen , mit einem eilends errafften Genuß des Glücks Verlangen zu beschwichtigen , das die Natur in jede Menschenbrust gelegt . Anna zählte ihre Stiche . Und gewiß , einem solchen Kreise nahen zu dürfen , in ihm vermißt zu werden , ist ein so großes , seltenes Glück , daß ein Nachtritt es nicht zu theuer erkauft . Darum zweifle ich auch nicht , daß wir den Professor recht bald wieder hier begrüßen . Ich habe geglaubt , der Weg sei weiter , sagte Anna etwas verlegen . Gotthard hatte bis dahin mit gesenkten Augen gesprochen , jetzt schlug er sie auf ; sie fühlte sich mit diesem einen Blick bis in ihr tiefstes Seelenleben durchschaut ; rasch entschlossen , heftete sie den ihren fest auf ihn , er hatte ja kein Recht , in das von ihr Verschwiegene sich zu drängen ; aber ihr Auge traf auf ein todtenbleiches Antlitz , dessen zitternde Lippen eine tiefe Gemüthsbewegung verriethen . Nach wenigen Secunden empfahl sich Gotthard , um nach den Knaben zu sehen . Anna blieb nachdenkend auf ihrem Stuhl sitzen . Worüber sann sie denn so seltsam ernst und tief ? Sie fühlte sich gereizt , und doch war ihr , als müsse sie Gotthard eine Art Aufklärung schuldig sein . Ihm ? dem Hofmeister meiner Kinder ? fragte sie sich mit plötzlich erwachendem Stolz . Wie kann dieser Mensch es wagen , mich zu beurtheilen , mich zu richten ? Warum argwohnt er zwischen mir und Otto eine Leidenschaft - ein Verhältniß ? - Aber thut er es denn wirklich ? Verstimmt schritt sie im Zimmer auf und nieder und entwarf allerlei Pläne , Gotthard sich fern zu halten . Weißt du , sagte jetzt Leontine , die unterdessen zurückgekommen , daß die Kleine trotz ihrem Liebesunglück glücklicher ist , als wir beide ? Wie so ? fragte Anna zerstreut . Du , mein Herz ! fuhr Leontine fort , indem sie sich in eine Sophaecke warf , bist an einen vortrefflichen Mann verheirathet , dem du die unendliche Ehre erzeigst , seine Gemahlin zu sein . O still ! still ! Du wirst mir doch nicht von dem Glück sagen , daß wir dich in die reichsgräfliche Krone unsers Hauses gefaßt , als deren besten Edelstein ? Halte mich doch um Gottes willen nicht für miserabel , Anna ! Dein Glück kenne ich innen und außen , wie meine alten Handschuhe . Mein Oheim ist wirklich ein guter Mensch und ein echter Cavalier , er hat sogar eine Menge vorzüglicher Eigenschaften ; unglücklich bleibt es indessen doch , daß gerade Er in eurer Ehe der Mann ist . Leontine , du quälst mich ! Und ich möchte dich doch nur veranlassen , deine Stellung genauer zu überblicken , um sie etwas leichter zu nehmen . Laß mich den einmal scharf bestimmten Weg so fortgehen , bat Anna . Wahrhaftig , du hättest irgend einen meiner Cousins in Pommern , oder , wenn man dort nicht katholisch wäre , nach Westphalen hin heirathen sollen , so einen der vielen blonden Johannes , Karls und Egons von Kronberg . Du wärst ihm eine züchtige , demüthige Hausfrau geblieben - wie ich deren dort eine Menge kenne und liebe - hättest ihm aus langer Weile eine Reihe blühender Kinder geschenkt ; kurz , es wäre bei deinem Charakter immer alles gegangen , nur hättest du nicht vorher dem Zweige der phantastisch kühnen Waldaus aufgepfropft werden müssen ! In meinem Papa steckte noch die ganze französische Revolution - mir ist sie ins Blut übergegangen und siedet darin fort . Mama ' s Eltern waren respectable Philister