erblühen ; nur ich entbehre Das , was mein Dasein zum Leben machen könnte . Wenn ich Abends hinaufsehe zu dem Firmament und die Milliarden Sterne in seliger Ruhe ihre ewige Bahn durch leuchten , so begreife ich nicht , wie nicht Einer von all den Sternen Mitleid fühlt mit mir , warum nicht Einer herunterkommt , mich zu trösten , oder warum er nicht heller hervorleuchtet , um mir ein Zeichen zu geben , daß er mich versteht , daß er mein Leiden , mein Sehnen , mein Verzagen kennt . Hätte ich meine Mutter noch , der ich Alles klagen durfte , die würde mich nicht so kalt , so streng an meine Pflicht verweisen , als die Tante ; sie würde ihr müdes Kind ausweinen lassen an ihrer Brust , sie würde mit mir weinen , würde mich bedauern . Pflicht ! - Hat denn irgend ein Geschöpf außer dem Menschen eine andre Pflicht , als glücklich zu werden ? Freilich aber ist nur der Mensch in seinem wahnsinnigen Dünkel so selbstvermessen , sich Pflichten zu schaffen , die zu erfüllen ihm fast unmöglich ist . Den 27. April . Nach mehrtägigem Ueberlegen und Zaudern hat Meining sich entschlossen , mit dem Prinzen zu gehen , und ist heute abgereist . Der Prinz hat dringend seine Begleitung gefordert , und er hat sie nicht ablehnen dürfen . Ich habe ihm angeboten , nachzufolgen , damit wir am Ziel der Reise zusammenträfen ; ich wäre dann mit Marianne und ihrem Manne bis Wien gegangen und hätte den übrigen Theil der Reise allein mit meinem Mädchen und dem Diener meines Mannes fortgesetzt . Vielleicht hätte mir die Zerstreuung wohlgethan ; hauptsächlich hoffte ich aber Meining damit eine Freude zu machen , wenn er mich bald wieder um sich hätte , wenn er in G .... seine Häuslichkeit wieder fände , wo der Prinz sechs bis acht Wochen die Cur gebrauchen muß . Meining hat es aber nicht gewünscht , weil er glaubt , ich würde die Luft dort nicht ertragen können . Nun ist er abgereist und hat mit rührender Innigkeit mich mir selbst empfohlen . Ich solle mich schonen , wie ich sein Leben schonen würde , mich pflegen , mich zerstreuen , damit er mich gesund und froh wiederfände , denn ich sei sein höchstes Gut ! - Wie mich das gedemüthigt hat ! Ich weinte vor Scham , und Meining glaubte , daß meine Thränen nur dem Abschiede von ihm galten - ich täusche ihn mit jedem Athemzuge ! Elendes Dasein ! Wenn er mein Vater wäre , wie könnte ich ihn lieben , ihn , der so gut , so gut ist ; wie zufrieden würde er mit dem Gefühl von Verehrung sein , das ich für ihn hege , wie würde er sich der Liebe seiner Tochter für Thalberg , den er so hoch hält , erfreuen . Jetzt aber ! Den 4. Mai . Ich fühle mich freier , besser in Meining ' s Abwesenheit , weil ich mich nicht , wie ein harter Aufseher den widerspenstigen Sklaven , in jedem Augenblick zu bewachen , zu strafen habe , weil ich nicht , wie ein feiger Sklave , Herz und Geist verstellen muß . Auch die vollkommene Stille um mich her thut mir sehr wohl . Ich überschreite die Schwelle unsers Gartens kaum , ich ziehe mich ganz in mich selbst zurück , und es scheint mir , als ob dadurch mehr Klarheit und Friede in mein Gemüth käme . Aber noch einmal , nur noch einmal möchte ich ihn sehen , nur noch ein einziges Mal ihn sprechen ! Und wozu ? frage ich mich dann wieder . Könnte ich unter diesen schönen , säuselnden Bäumen schlafen , immerfort schlafen - bis zu Meining ' s Rückkehr ; tief , tief schlafen und dann erwachen , und die ganze Vergangenheit wäre mir entschwunden , wie das Bewußtsein eines bösen Traumes , wenn man früh die Augen aufschlägt und der liebe , helle Tag fröhlich durch die Fenster grüßt . Den 5. Mai . Die Tante kommt noch immer nicht , obgleich ich sie nochmals darum bat . Erst im Juni darf ich sie erwarten . Den 8. Mai . Schon seit Tagen kommt wieder kein Gedanke in mir auf , als der an Robert . Ich kann sein Bild nicht aus meinem Herzen bannen , in dessen Pulsschlägen es seit meiner Kindheit lebt . Leben und ihn lieben ist mir Eins - wie konnte ich jemals wähnen , ich würde aufhören , ihn zu lieben ? Wie hat man versuchen dürfen , mich zu einer Heirath zu überreden ? Ich habe in der Zeit , die meiner Verlobung folgte , selbst geglaubt , ich müsse ihn einst ruhig wieder sehen können , weil er mein Herz , meinen Stolz so tief gekränkt hat , ich würde ihn deshalb nicht mehr lieben . Thörichter Wahn ! Jedes andre Empfinden ist ohnmächtig gegen die Liebe . Sie ist Alles : Demuth , Hingebung , Selbstverläugnung , Geist , Wahrheit und Stolz ; aber nur Stolz auf den Besitz des Geliebten , Stolz auf das Glück , von ihm gewählt zu sein . Das Alles habe ich selbst in mir vernichtet und keine Möglichkeit , es jemals zu ändern . Nun fühle ich die Folgen dieses Schrittes an der innern Zerstörtheit meines Daseins . Mit aller Gluth der Seele zieht es mich zu dem Geliebten , ich möchte ihn nur einmal sehen , nur den Ton seiner Stimme hören - ach und an seinem Herzen alles Elend vergessen und weinen . Den 12. Mai . Er ist wieder hier ; hier , in meiner Nähe . Ich habe seine Stimme im Vorzimmer nach mir fragen hören , ich sah ihn durch den Garten zurückkehren und hinaufblicken nach meinen Fenstern . Das ist Glück ! Das ist Sonne und Frühling ! Er hat mir geschrieben , und ich habe den Brief uneröffnet zurückgesandt ; ich hätte