die Menschen Notwendigkeit oder Verhängnis nennen . Welch Wesen kann zu uns treten und sagen : Du sollst mir gehorchen ! Solange ich noch ein Glied regen kann , werde ich mich nicht vor Menschen , auch nicht vor Tod und Schicksal demütigen . « So sprach Vittoria . Die Mutter sprang wütend auf , die Tochter hatte sie noch niemals so gesehn und Caporale entsetzte sich . » Ungeratene ! Verblendete ! Aberwitzige ! « schrie sie mit gellenden Tönen , in Haltung und Gebärde aller Grazie völlig entkleidet . » Sieh her , vor einem kleinen Brosamen , vor diesem hier , das deiner Taube bestimmt , vor diesem Hundertteil eines Pfennigs kannst du knien und flehen müssen , zu ihm um Erbarmen schreien , und dem die rohen groben Hände küssen , der es in der Hungersnot mit Verachtung dir hinwirft , wenn ich gestorben bin , deine Freunde tot sind , deine Liebhaber dich verachten ! « Vittoria wandte sich zitternd und leichenblaß von der Mutter ab . Sie verstand deren Wesen nicht mehr ; sosehr sie war erschreckt worden , sosehr sie sich auch vor diesem wilden Ausbruch der Wut und der Verzweiflung entsetzt hatte , so konnte sie sich doch nicht bergen , daß ihr die verehrte Frau zum erstenmal im Leben gering und häßlich erschienen sei . Diese Fremdartigkeit verschlang in diesem Moment alle andern Gefühle , sie kam sich edler und höher vor , und darum sagte sie ganz ruhig , selbst mit einer Art von kalter Verachtung : » Sollte es denn so sehr schwer sein , zu sterben , und das ängstigende Buch zu schließen , ohne alle Blätter desselben durchzulesen ? « » Verzeiht mir , Don Cesare « , sagte die Mutter jetzt zerknirscht und weinend , » ich habe mich wohl unwürdig betragen , und Ihr seid ein Zeuge meiner Schwäche geworden . Immer höre ich von der Törin wieder die Worte : Freiheit ! Sterben ! bei denen sie sich nichts denkt . Es stirbt sich nicht so obenhin ; - und wenn auch - alles das erst durchleben zu müssen , was einem solchen Tode vorangeht ! « » So sprecht mit mir verständlich , ruhig « , sagte Vittoria . » weiß ich doch gar nicht einmal , wovon die Rede ist . « Julia ging noch einigemal im Saale auf und ab , um sich zu sammeln , dann ergriff sie die Hand Don Cesares , wendete sich zur Tochter und sagte : » Vergib auch du mir . « Sie setzte sich dann , und erzählte mit zitternder Stimme , die aber im Fluß der Rede nach und nach erstarkte , von dem Prozeß , der wahrscheinlich , und mit ihm ihr Vermögen , verlorengehn würde , von der nahen Hinrichtung des Bruders , ihrem Verarmen , der Möglichkeit der Gewalttat von seiten Orsinis , und wie endlich der so freundlich scheinende Kardinal , er , fast der angesehenste Mann des Staates und des erlauchten Collegii , jene Vorschläge getan , die auch Caporale schon kenne , weil er sie kalt überlegt diesem ebenfalls mitgeteilt habe . » Und nun du alles weißt « , schloß die Mutter , » so brich nicht in unnütze Wut aus , sondern rate und hilf jetzt , wenn du denn so mächtig bist . « Die Mutter und Caporale zitterten jetzt vor dem Ausbruch der heftigsten Wut , den sie mit Bangen erwarteten ; - doch wie waren sie erstaunt , als Vittoria ganz ruhig blieb , ja sich noch kälter und gelassener zeigte , als zuvor . Endlich sagte sie , fast im höhnischen Ton : » Nun , Mutter , was ist es denn nun weiter ? Ich dachte , welche Wunder Ihr mir zu entdecken hättet . Wir können in kein fremdes Land flüchten , dazu fehlen uns die Reichtümer ; hier in den Provinzen , oder unserm Vaterlande ist keiner so mächtig , oder uns so befreundet , daß er uns schützt und erhält , wir sind der Willkür , der Ungerechtigkeit , der Gewalt und wohl dem Morde preisgegeben . Der einzige Widerstand , der uns noch übrigblieb , ein edler , freiwilliger Tod , wie ihn die großen Römer nicht selten an sich vollstreckten , diesen wollt Ihr nicht billigen , weil Ihr meint , das göttliche Gesetz , unsre Religion , habe den Selbstmord für die unverzeihlichste Sünde erklärt ; - also - warum die Vorschläge unsers besten Freundes , des großen mächtigen Kardinals , nicht annehmen ? Reichtum , Glanz , die Freiheit des Bruders , das Aufblühen unsrer Familie , alles wird uns großmütig angeboten . Kein andrer wird dabei aufgeopfert als nur ich allein . Und wenn ich also nun mit dieser Anordnung zufrieden wäre ? Ja , wäre der Freund , der mir mit diesen Lockungen entgegentritt , ein so großer Mann , wie es der Papst Julius der Zweite war , wäre er ein Lorenzo Magnifico , so wäre es selbst kein Opfer von meiner Seite , denn ein so großer Charakter wurde mich zwingen , ihn zu lieben . Und wie ich von der hergebrachten Ehe denke , weißt du ja längst , Mutter . Diese willkürliche Hingebung an schwache gewöhnliche , ja verächtliche Männer - wie soll ich glauben , daß eine priesterliche Weihe , eine Zeremonie , dieses elende Verhältnis heiligen könne ? Nur für das blöde Auge der Menge , für den zünftigen Priester , für jammervolle alte Gevatterinnen kann zwischen der privilegierten und scheinbar verbotenen Verbindung ein Unterschied stattfinden . Wenn mir alle Männer gering und armselig erscheinen wenn die Ehe selbst mir widerwärtig ist , und du doch behauptest , jedes weibliche Wesen müsse sich ihr fügen ; so begreife ich deine zürnende Empörung über unsern alten würdigen Beschützer nicht . « » Ich erkenne dich nicht mehr für meine Tochter « , sagte die Mutter kalt und verließ das Zimmer . Caporale war so erstaunt ,