. Wenn der unsicher zitternde Buchstabe Dich anstarrt aus diesem Briefe , wie das Bangen eines Geheimnisses , so wundere Dich nicht darüber . Selten ist es uns vergönnt , im Herzen des Fremden eine Lösung für Räthsel zu finden , die mit ertödtendem Nachsinnen eine halbe Welt von der heitern That zurückhalten . Ich habe den Prediger schwören müssen , nur in der Einsamkeit der Nacht Umgang zu pflegen mit seinem Leben , als wäre es eine verschämte Geliebte , die sich nur im Dunkeln dem Freunde hingeben will . Das Versprechen habe ich gelöst . Ob er auch Verschwiegenheit verlangt ? Schwerlich ! Denn die Art seiner Erzählung klingt wie ein Aufruf an alle Welt und kann , verbreitet , Tausenden zur Rettung gereichen . Außerdem scheint es mir , als wolle der fernere Verlauf dieser Mittheilungen sich in die Maschen des Lebensnetzes verwickeln , das der Zufall auch über mich geworfen hat . Nimmst Du Theil an den Leiden eines strebenden Geistes , so lies die folgenden Blätter , fürchtest Du aber den Unmuth , der wie ein finsterer Geist Dich umkreisen wird bei dieser Lectüre , so überschlage sie . Nur für den Bewegten , Freundlosen und vom Weh des Lebens Gequälten können diese Eröffnungen einen Trost enthalten . Hier der Anfang . Bekenntnisse eines durch Zeit , Menschen , Lehre und Streben Irregeleiteten . » Meine Kindheit war ein langer Fluch in Mandelmilch aufgelöst . Ich trank den süßen Saft , ohne zu merken , welches Gift ich genoß . Erst im dreizehnten Jahre zeigten sich fühlbare Spuren der verschlungenen Mixtur . Dieser Fluch war die übertriebene Frömmigkeit meiner Aeltern , wie man damals die Unbewußtheit zu nennen beliebte , die sich in unbedingter Hingabe an Altüberliefertes ausspricht . Dagegen hatte ich selbst nichts einzuwenden gehabt ; denn dasjenige , was durch Gewohnheit überzeugende Kraft gewonnen , läßt sich schwer ausrotten . Der Fehler lag nur in meiner unglücklichen Constitution . Mein frommer Vater hatte , unbeschadet seiner Frömmigkeit , der Liebesgöttin zu tief in die feuchten Augen gesehen , als der Himmel sein gnädiges Gedeihen gab zu einer ungleichen Liebe in rechtmäßiger Ehe . Das Kind der Ehe ward - seltsam genug - als ein Kind der Liebe geboren , und kam auf die Welt mit farbigen Flügeldecken , die nur nothdürftig den Muth des Lebens und die Freude an heiterem ungenirten Genusse dieses Erdenlebens verbargen . Die Liebe ist blind , selbst bei frommen Aeltern . Die meinigen bemerkten zu spät , daß ihre Liebe zu mir sie das Berupfen meiner Schwungfedern hatte vergessen lassen . Man wollte nachholen , was nur in einem einzigen glücklichen oder unglücklichen Augenblicke gelingt ; es war zu spät , die Federn ließen sich nicht mehr ausziehen ! Meine Aeltern gingen fleißig zu Kirche und Abendmahl und schenkten dem heiligen Geiste zwei silberne Leuchter , wahrscheinlich , damit er mich gnädig mit dem sanften Licht seines Taubengesichtes erleuchte . Diese heilige Kur schien aber bei mir schlecht anzuschlagen , wie alles Heilige . Von Stund an wuchs meine Lebenslust , die Gedankenzwiebel fing an zu keimen und ihr narkotisches , neunhäutiges Gewand duftete so stark , daß meine Aeltern Kopf- und Verstandesschmerzen davon bekamen . Ich dachte schon damals Dinge , die vor zweihundert Jahren in der Schmelzgluth eines Scheiterhaufens geläutert worden wären . Diese Wahrnehmung brachte große Besorgniß in unser Haus . Es ward ein Rath versammelt und die Friedenspfeife angezündet . Als ihre heiligen Dampfwolken einen dichten Nimbus im Zimmer bildeten , beschloß man , mich der Kirche zu offeriren . Dieser Beschluß ward mir bekannt gemacht und ich nahm ihn hin , wie jeden andern . Konnte ich doch nebenbei thun und denken , was ich wollte . Das Bewußtsein der Göttlichkeit hoffte ich mit der Zeit ebenfalls in mich hineinzubringen . Dreizehn Jahre alt ward ich in die Schaar der erwachsenen Christen aufgenommen . Die Confirmationshandlung unterhielt mich . Es vereinigte sich dabei viel unnöthiger Flitter und einige Repräsentation . Ich hatte selbst eine Art öffentlicher Charge , konnte mich zeigen , und diese erste Probe von Ostentation schmeichelte meinem ruhmsüchtigen Herzen . Das Heilige , wovon mir zwar endlos vorgeschwatzt worden , dessen Wichtigkeit Lehrer und Aeltern mir salbungsvoll eingeredet hatten , ohne mir doch das Warum ? desselben auch vernunftgemäß darthun zu können , dieses Heilige blieb mir leider völlig unbegreiflich ! Auch lebe ich noch heut der festen Ueberzeugung , daß alle jene andächtigernsten Gesichter selbst nichts davon ahnten . Ihre Gutmütigkeit , ihre Glaubensschwäche oder Stärke , ihre gottserbärmliche Gabe , sich an etwas Gegebenes eher anzuschließen , als aus sich selbst etwas Neues , diesem Gegebenen Entgegengesetztes zu entwickeln , vermochte sie dazu . Unter solchen Verhältnissen nöthigte mich die Confirmation zu einer Art Meineid und die erste Abendmahlsfeier konnte ich - entsetzlich genug - späterhin nur als meine erste Gotteslästerung betrachten . Sicher aber wird der gnädige Gott mir diese Todsünde nicht hoch anrechnen . Wie konnte auch der weltlich gesinnte Knabe mit der schäumenden Sinnenlust Geheimnisse begreifen , die ein in Heiligkeit und beschaulichem Leben abgetödteter Mensch noch dunkel und räthselhaft genug findet ! Mein einziger Genuß bei dieser kirchlichen Feierlichkeit war , daß ich Zeit dabei gewann , mich recht innerlich in meinen eignen Gedanken zu ergehen . Nach der Handlung selbst wollte ich eine lustige Geschichte erzählen ; da nahm mich der Vater bei der Hand und sagte feierlich-ernst : bedenke , was Du heut vorgehabt , mein Sohn ! Ach , du lieber Himmel , ich hatte ja gar nichts vor , und das war eben die Ursache meiner kindlich-frommen Heiterkeit . Indeß schwieg ich und war im Ernst bemüht , mich hineinzuheucheln in den feierlich-trübseligen Ton der Uebrigen . Es vergingen Jahre , ehe mir der heilige Wahnwitz dieser Menschen deutlicher ward . Noch aber weiß ich mich des Tages sehr wohl zu erinnern , weil an ihm die Urkunde meines ferneren Lebensunglückes von mir selbst besiegelt wurde . Ich gelobte nämlich