scheinen , ob sie noch zu den Jungen gehören , oder schon zu den Alten sich zählen müssen ; was denn zuweilen auch sein Fall sein mochte . Seine hagre , auffallend kleine Gestalt , hatte etwas Verdrehtes , Windschiefes , durch das man verleitet wurde , ihn für ein wenig verwachsen zu halten , was er doch eigentlich nicht war . Der Fehler lag in dem Mißverhältnisse aller seiner Glieder ; sein Kopf war zu groß , seine Arme zu lang , keines paßte zu dem andern , und auch die Züge seines eigentlich geistreichen Gesichts wollten nicht mit einander harmoniren . Aus dieser übermäßig hohen Stirne , dieser keck in die Welt hinaus strebenden Nase , diesem unermeßlich langen Raume zwischen ihr und dem Munde , aus den dunkeln buschigen Augenbrauen , unter denen ein paar kleine farblose Augen kaum sichtbar hervorblinzelten , hätte ein geschickter Zeichner , mit wenigen Abänderungen , eine der ergötzlichsten Karrikaturen bilden können , ohne dabei die Ähnlichkeit allzu sehr zu verletzen . Eine hohe uhlanenartige Mütze von rothem Sammet , mit großen goldnen Quasten übermäßig verziert , die er selbst innerhalb seiner vier Wände selten ablegte , schwebte , ein wenig gegen das linke Ohr gedrückt , auf der Spitze seines Scheitels ; dazu wandelte er gern auf kothurnartigen Absätzen einher , trug einen enganschließenden , ihm fast bis auf die Füße reichenden , sogenannten polnischen Rock von sehr heller , ins Hechtgraue und Röthliche spielender Farbe , mit so vielen Litzen und Troddeln geschmückt , als sich nur darauf anbringen ließen . Ein leicht um den Hals geschlungenes türkisches Tuch , so hell und buntfarbig als möglich , ein breites zierlich gefaltetes Jabot , nebst den dazu gehörigen Manschetten , vollendeten diese seltsame Toilette , die augenscheinlich darauf abzweckte , der Länge des kleinen Mannes , wenn nicht eine Elle , doch wenigstens einige Zoll zuzusetzen . Die quecksilberartige Lebhaftigkeit seiner Bewegungen , die jeden Augenblick durch ein gewisses , ihm eignes Ungeschick in der Art sie zu regieren gehemmt wurde , sei der letzte Pinselstrich zur Vollendung dieses wunderlichen Porträts . Aber wie so ganz verschieden von seinem eignen Selbst erschien dieser nämliche Heinrich Lange , wie verschwand alles so gänzlich , was an ihm als lächerlich auffallen konnte , wenn er vor seinem trefflichen Flügel saß , wenn der in ihm wohnende Genius auf mächtigen Schwingen der Phantasie sich erhob , und im Reiche der Töne sich kund gab ! Denn dort war seine eigentliche Heimath , dort herrschte er allgewaltig , dort sprach er Ideen , Gedanken , Gefühle aus , für die er im gewöhnlichen Leben keine Worte finden konnte . In Emilia Galotti läßt Lessing den Maler Conti die Möglichkeit eines ohne Arme gebornen Raphaels annehmen ; in diesem Sinne war Heinrich Lange ebenfalls ein geborner großer Poet ; aber bei seinem Entstehen jeder Möglichkeit beraubt , anders als mit Hülfe der Saiten , den Gedanken und Empfindungen seines reichen Gemüthes Leben und Gestaltung zu verleihen . Übrigens war er die harmloseste , zufriedenste Seele von der Welt . Sein Kaiser war , nächst Gott , der Gegenstand seiner innigsten Verehrung , die bis zur Leidenschaft sich steigerte , seit er das Glück gehabt , durch sein Talent ihm bemerkbar zu werden , dadurch einigemal in die nächste Nähe des hohen Beherrschers zu gelangen , und mit ein paar freundlich-lobenden Worten von ihm angeredet zu werden . Von diesem Augenblicke an war Lange dem Kaiser Alexander mit Leib und Seele völlig zu eigen ; jede neue , das Lob desselben vermehrende Anekdote , wie man damals unendlich viele in Petersburg erzählte , wurde gleich dem werthvollsten Geschenk von ihm aufgenommen ; und daß ein Mitglied seiner Familie sogar eine Hauptrolle in einer solchen gespielt hatte , hob ihn auf den Gipfel des Glücks . Seit ihrem Zusammentreffen mit dem Kaiser war Julie ihm noch einmal so lieb geworden , und selbst auf Iwan und Richard fiel ein Strahl der von demselben ausgehenden Verklärung zurück . Ungeachtet des auffallendsten Contrastes in ihrer äußern Erscheinung , hat es doch nie ein besser assortirtes Ehepaar auf der Welt gegeben , als Heinrich Lange und seine kleine Frau . Freilich war sie wenigstens um zehn Jahre jünger als er , doch dieser Unterschied wird in der Ehe allmälig ausgeglichen , weil die Jugendzeit der Frauen zwar weit früher beginnt , als die der Männer , aber auch früher endet . Frau Karoline war das zierlichste , anmuthigste , graziöseste kleine Figürchen , das sich nur erdenken läßt . Von der Natur mit einer ächten Nachtigallstimme ausgestattet , die sie , von einem trefflichen Meister geleitet , auf das glücklichste zu benutzen gelernt hatte , war sie einige Jahre hindurch erst in Deutschland , dann auf dem Theater in Petersburg als erste Sängerin aufgetreten , und hatte überall , wo sie sich nur zeigte , Furore gemacht . Aber sie entsagte sehr früh dem theatralischen Glanze , und ward , zu allgemeinster Verwunderung , die bescheidene Hausfrau der wunderlichsten Figur in der ganzen großen Residenz . Ihr Herz sowohl , als ihr guter Verstand führten sie in die Arme des Mannes , der unter einer nicht eben für ihn einnehmenden Außenseite alle Eigenschaften verbarg , sie zu einer der glücklichsten ihres Geschlechtes zu erheben . Sie hatte die größte Freude an seinem Talente , liebte was er liebte , that was ihm gefiel , und schalt und zankte alle Tage mit ihm . Nie war sie hübscher , als wenn sie zornig sich zeigte , oder vielmehr , wie es meistens der Fall war , sich stellte als ob sie es wäre , um hinterdrein über seine ungeschickten Entschuldigungen ihn recht herzlich auszulachen . Im Grunde war sie die Gutmüthigkeit , die Fröhlichkeit selbst ; witzig , von unverwüstlich guter Laune , voll jener theatralischen Einfälle , Anspielungen , Citationen , die keiner los wird , der jemals , sei es auch nur auf kurze Zeit , die Breter betrat »