Herr St. Julien wünscht , und dann ihn selbst darüber sprechen . Der Pfarrer äußerte den Wunsch , den Kranken zu besuchen . Dübois machte ihn aber mit dessen trauriger Stimmung bekannt , die ihn den Wunsch hatte äußern lassen , allein und ungestört zu bleiben . Der Geistliche gab also für dießmal seinen Vorsatz auf und verfügte sich zum Arzt , um zu erfahren , ob dieser nichts von dem Kranken erforscht habe , das Licht geben könne über seine schreckliche Mißhandlung an der einsamen Stelle im Walde , wo man ihn gefunden hatte . Er verlor aber seine Zeit mit dem Arzte , denn dieser wußte ihm nichts mitzutheilen , als Krankengeschichten , die wenig Reiz für den Pfarrer hatten , und Klagen über St. Juliens eigensinnige Schwermuth , die dem Arzte tausend Besorgnisse erregte . Unter solchen unerfreulichen Gesprächen waren die Stunden verflossen , und die Gesellschaft versammelte sich im Speisesaale zur Mittagstafel . Wie es natürlich war in einer so verhängnißvollen Zeit , wendete sich das Gespräch bald auf die Begebenheiten des Tages . Verschiedene Meinungen wurden aufgestellt , manche Befürchtniß und manche Hoffnung ausgesprochen , Alle aber mußten sich darin vereinigen , daß die einzige Hoffnung , die man sich vernünftiger Weise erlauben dürfte , auf den Beistand der Russen gegründet sei . Was wird nun der alte Obrist Thalheim sagen , rief der Pfarrer , wenn er sieht , wie alle seine Behauptungen zu Schanden werden . Wie viel tausendmal hat er versichert , daß die französische Macht an der Preußischen scheitern werde ; daß der Geist des großen Friedrichs noch in der Armee herrsche und sie unüberwindlich mache . Zwar er wird sich jetzt wohl wenig um die Festungen kümmern , die den Franzosen übergeben werden , da ihm übermorgen selbst Alles abgenommen wird , was er etwa noch besitzt . Thalheim ? fragte der Graf nachdenkend , der Name ist mir so bekannt , und ich kann mich doch nicht gleich erinnern , auf welche Weise . Er selbst , erwiederte der Pfarrer , hat es früher oft erzählt , daß er ein Freund Ihres Herren Vaters gewesen sei . Ich erinnere mich , rief der Graf , bei dem Regiment , das in meiner Jugend in dieser Gegend in Garnison stand , diente ein Major Thalheim , der oft und lange ein Gast meines Vaters war , und beide lebten auf einem sehr vertraulichen Fuße mit einander , sollte es derselbe sein ? Gewiß , antwortete der Pfarrer , er hat es nachher bis zum Obristen gebracht und dann seinen Abschied genommen . Und ist er in so bedrängten Umständen ? fragte die Gräfin . Er ist ganz zu Grunde gerichtet , erwiederte der Pfarrer , er soll ehedem ein artiges Vermögen gehabt haben , auch hatte er , da er sehr lange gedient hat , eine Pension , aber erstens hat er sich sehr spät , man kann sagen im hohen Alter , verheirathet , natürlich hat ihn die Frau nicht aus Liebe gewählt , er dagegen soll sie ganz thöricht geliebt haben ; also hat er Alles gethan , was sie wollte , das hat ihm viel gekostet ; dann bestand sein Vermögen in baarem Gelde , das hat er bei verschiedenen Handlungshäusern , die nach einander fielen , verloren ; endlich wurde er Wittwer und besaß beinah nichts , als eine unmündige Tochter ; nun kam er auf den traurigen Gedanken , ein kleines Gut , eigentlich einen Meierhof , zu pachten und verstand nichts von der Wirthschaft , doch ging es so lange , als er zuzusetzen hatte , nun ist er den Pachtzins schuldig geblieben , und das Gut ist ihm abgenommen , und wenn er übermorgen nicht bezahlt , so wird ihm das Wenige , was er an Mobilien besitzt , verkauft . Der Verwalter war gestern bei mir , der entweder das Geld empfangen oder ihm Alles , was er hat , abnehmen soll . Mein Gott , das ist eine entsetzliche Lage , sagte die Gräfin , indem sie den Grafen ansah . Hat denn Niemand Mitleid mit dem alten unglücklichen Manne , sagte Emilie , indem sie die Augen bittend zum Grafen aufhob . Ich glaube schwerlich , daß sich Jemand seiner annehmen wird , bemerkte der Pfarrer , vorschießen kann ihm Niemand , denn bei den jetzigen traurigen Zeiten wird ihm die Pension nicht ausgezahlt , die er früher hatte , wovon soll er also wieder bezahlen , da er sonst gar nichts hat ? Desto schrecklicher muß ja aber der Mangel sein , mit dem er kämpft , erwiederte die Gräfin . Gewiß , antwortete der Pfarrer , aber gewisser Maßen hat er es sich auch selbst zugezogen , daß sich Niemand um ihn kümmert , denn je ärmer er wurde , je stolzer wurde er auch ; je mehr er verlor , je mehr zog er sich von den Menschen zurück und wies jeden Rath ab , wurde durch jede freundschaftliche Bemerkung beleidigt , Wer soll ihm also nun helfen , da er Niemandem vertraut hat ? Es ist wunderbar , sagte der Graf nachdenkend , daß nichts in der Welt so selten angetroffen wird , als Vertrauen , wahres uneingeschränktes Vertrauen , selbst unter den edelsten Menschen , und am Seltensten , fügte er nach einer kleinen Pause hinzu , das Vertrauen , das dem Freunde die Zerrüttung unseres Vermögens zeigen möchte . Jeder Mensch schämt sich der Armuth , und verbirgt kein Gebrechen so ängstlich und sorgfältig als dieß , so lange es irgend in seinen Kräften steht . Die Wangen der Gräfin hatten sich auffallend geröthet , als der Graf über Mangel an Vertrauen selbst zwischen edeln Menschen klagte , und diese Röthe war dem beobachtenden Geistlichen nicht entgangen . Sie richtete einen durchdringenden Blick auf den Grafen , der aber von diesem nicht bemerkt wurde , und sie wurde wieder ruhig , da es sich deutlich erkennen ließ , daß der Graf diese Bemerkung ohne