den Deklamator zu frühe zu äußern . Beim Shakespeare war sie ihrer Sache gewiß , nicht so bei jenem , obgleich dem in allen Zeitungen Gepriesenen in jeder Pause seines Vortrags von einem großen Theil der Anwesenden lauter Beifall gezollt worden war . » Wie groß erscheint Shakespear , wo man auch immer ihn antrifft ! « fuhr die Gräfin fort ; » wie sogar nicht zu ertödten ! Welch eine Höhe ! und welche Tiefe ! Wie treten seine Gebilde hinaus in die Wirklichkeit ! « » Ich bin nur froh , daß der Deklamator endlich zum Saal hinaus getreten ist , « sprach Ernesto ganz gelassen . Erstaunt sah die Gräfin ihn an , und war doppelt froh , sich an Shakespeare gehalten zu haben , da nun auch der Professor anfing , Klopstocks Ode , Theone , zu rezitiren . Still auf dem Blatt ruhet das Lied , noch erschrocken Von dem Getös ' des Rhapsoden , der es herlas , Unbekannt mit der sanfteren Stimme Laut , und dem volleren Ton . » Die armen Lieder ! « sprach lächelnd Auguste , » sie haben nicht einmal ein Blatt , auf dem sie ruhen könnten , er sagte sie auswendig her , und mir ist daher noch immer , als fühle ich die heimathlosen Geister mich ängstlich umschwirren . « Antonius wollte wenigstens das große Gedächtniß des Deklamators bewundert wissen , konnte aber nicht damit zu Stande kommen , denn Ernesto verdammte gerade dieß aus dem Kopfe-Hersagen , als einen der ärgsten Mißgriffe , welche sich der Deklamator hatte zu Schulden kommen lassen , und der Professor trat ihm treulich bei . » Wodurch wird das Lied zum Liede ? « sprach dieser ; » durch den Rhythmus , den Versbau , die Wahl des Ausdrucks , nicht durch die poetische Idee allein . Mit der strengsten Auswahl wägt der Poet jedes Wort , jede Silbe , überall sucht er den Geist und die Harmonie aufs genauste zu vereinen , und Gott weiß , wie schwer ihm dieses in unsrer an guten Reimen so armen Sprache oft wird . Verzweifeln müßte er , wenn er es anhörte , wie solch ein Deklamator alle seine Mühe vernichtet und die auswendig gelernten Lieder mißhandelt ! » Das ists ja eben , « setzte Ernesto hinzu , » die Herren haben es nur auswendig und nicht inwendig , sonst müßten sie fühlen , was sie zerstören , wenn sie hier ein fremdes Wort einschalten , weil das rechte ihrem untreuen Gedächtniß entschlüpfte , dort einen falschen Akzent anbringen , oder ein kurzes Wort dehnen , weil sie vom vorhergehenden eine Silbe verschluckten , und nun mit dem Versmaaß nicht auskommen . Auch das beste Gedächtniß sichert vor dergleichen nicht . Auf dem Theater verdecken Spiel und theatralische Täuschungsmittel diese Mängel so ziemlich , auch Sängern und Sängerinnen will ich es allenfalls nachsehen , wenn sie unsre Dichter verstümmeln , man versteht sie ohnehin nur selten , und wird es also nicht gewahr ; aber der Deklamator , der uns den vollkommensten Genuß eines poetischen Werkes verspricht , müßte sich nie in den Fall setzen , so fehlen zu können . « » Ich wünschte fast , es gäbe gar keine Deklamatoren in der Welt , « sprach Frau von Willnangen ; » wenigstens fühle ich immer das innigste Mitleid , wenn ich einen jungen Menschen sehe , der von falschverstandner Kunstliebe sich verleiten ließ , diesen Weg zu wählen , um darauf durch die Welt zu kommen . « » Denen jungen Herren , die weder Lust zum Graben noch zum Erlernen gründlicher Kenntnisse haben , scheint dieser Weg aber sehr lustig und bequem , « erwiederte der Professor , » sie denken noch obendrein , etwas Ungemeines für die Kunst zu thun , wenn sie von Stadt zu Stadt gehen und pathetisch hersagen , was andre Leute gedichtet haben , und was jeder seit der Erfindung der Buchdruckerkunst in seinem Kabinet lesen und sich dabei das gerade für ihn Passende auswählen kann . « » Dabei sind sie gewöhnlich in offenbarem Zwiespalt mit sich selbst , « setzte Ernesto hinzu . Deklamiren mit Aktion oder ohne Aktion , das ist die Frage , die sie nie lösen können . Ersteres mitten im Zimmer auf plattem Boden , hat denn doch immer etwas komisches , abgerechnet , daß es auch dem eigentlichen Begriffe des Deklamirens ganz entgegen steht . Und sich beim Deklamiren im übrigen ganz ruhig zu verhalten , ist fast unmöglich , oder wird es erzwungen , so kann niemand sich an dem Anblick freuen . Eigentliches Deklamiren möchte ich ganz auf das Theater oder auf die Bühne der Volksredner verweisen , wenn es deren noch außer den Kanzeln welche gäbe ; zur gesellschaftlichen Unterhaltung aber würde ich bloßes Vorlesen mit Ausdruck und Präzision allen Deklamatorien vorziehen . « Es ward über diesen Gegenstand noch viel hin- und hergestritten , bis Ernesto Gabrielen aufforderte , den Streit zu beenden und der Gesellschaft zu zeigen , was er mit Vorlesen eigentlich meine . Er kannte ihr schönes , sorgfältig von der Mutter gebildetes Talent , und ergriff gern diese , wie jede Gelegenheit , seine junge Freundin nicht sowohl an das Licht zu ziehen , als vielmehr sie von der ängstlichen Befangenheit gänzlich zu befreien , von welcher sie noch zuweilen befallen ward . Auch diesesmal gewährte sie nur mit innerm Zagen seinen Wunsch , überflog schnell mit den Augen ein Blatt , welches Ernesto ihr reichte , während die Lichter gerückt wurden und der Kreis der Anwesenden sich um sie her ordnete . Sie las zuerst etwas zaghaft , dann aber mit immer steigendem Affekt , immer eindringender , immer wahrer in Ton und Ausdruck , ganz sich und alle um sich her vergessend , wie an jenem Abende , als sie in Ottokars Gegenwart sang : la pura fiamma che m ' arde in petto . Kein Hauch regte sich , alle waren an ihren Vortrag