was die Gegenwart erheischte ; deswegen Unterhaltung und Gespräch ihm nie recht glücken wollte ; er fühlte das und wurde schweigsam , außer wenn von bestimmten Fächern die Rede war , die er durchstudiert hatte , davon ihm jederzeit zu Diensten stand , was er bedurfte . Dazu kam , daß er , früher auf der Schule , später auf der Universität , sich an Freunden betrogen und seinen Herzenserguß unglücklich vergeudet hatte ; jede Mitteilung war ihm daher bedenklich ; Bedenken aber hebt jede Mitteilung auf . Zu seinem Vater war er nur gewohnt unisono zu sprechen , und sein volles Herz ergoß sich daher in Monologen , sobald er allein war . Den andern Morgen hatte er sich zusammengenommen und wäre doch beinahe außer Fassung geruckt , als ihm Julie noch freundlicher , heiterer und freier entgegenkam . Sie wußte viel zu fragen , nach seinen Land- und Wasserfahrten , wie er , als Student , mit dem Bündelchen auf ' m Rücken die Schweiz durchstreift und durchstiegen , ja über die Alpen gekommen . Da wollte sie nun von der schönen Insel auf dem großen südlichen See vieles wissen ; rückwärts aber mußte der Rhein , von seinem ersten Ursprung an , erst durch höchst unerfreuliche Gegenden begleitet werden , und so hinabwärts durch manche Abwechselung ; wo es denn freilich zuletzt , zwischen Mainz und Koblenz , noch der Mühe wert ist , den Fluß ehrenvoll aus seiner letzten Beschränkung in die weite Welt , ins Meer zu entlassen . Lucidor fühlte sich hiebei sehr erleichtert , erzählte gern und gut , so daß Julie entzückt ausrief : so was müsse man selbander sehen . Worüber denn Lucidor abermals erschrak , weil er darin eine Anspielung auf ihr gemeinsames Wandern durchs Leben zu spüren glaubte . Von seiner Erzählerpflicht jedoch wurde er bald abgelöst ; denn der Fremde , den sie Antoni hießen , verdunkelte gar geschwind alle Bergquellen , Felsufer , eingezwängte , freigelassene Flüsse : nun hier ging ' s unmittelbar nach Genua ; Livorno lag nicht weit , das Interessanteste im Lande nahm man auf den Raub so mit ; Neapel mußte man , ehe man stürbe , gesehen haben , dann aber blieb freilich Konstantinopel noch übrig , das doch auch nicht zu versäumen sei . Die Beschreibung , die Antoni von der weiten Welt machte , riß die Einbildungskraft aller mit sich fort , ob er gleich weniger Feuer darein zu legen hatte . Julie , ganz außer sich , war aber noch keineswegs befriedigt , sie fühlte noch Lust nach Alexandrien , Kairo , besonders aber zu den Pyramiden , von denen sie ziemlich auslangende Kenntnisse durch ihres vermutlichen Schwiegervaters Unterricht gewonnen hatte . Lucidor , des nächsten Abends ( er hatte kaum die Türe angezogen , das Licht noch nicht niedergesetzt ) , rief aus : » Nun besinne dich denn ! es ist Ernst . Du hast viel Ernstes gelernt und durchdacht ; was soll denn Rechtsgelehrsamkeit , wenn du jetzt nicht gleich als Rechtsmann handelst ? Siehe dich als einen Bevollmächtigten an , vergiß dich selbst und tue , was du für einen andern zu tun schuldig wärst . Es verschränkt sich aufs fürchterlichste ! Der Fremde ist offenbar um Lucindes willen da , sie bezeigt ihm die schönsten , edelsten gesellig-häuslichen Aufmerksamkeiten ; die kleine Närrin möchte mit jedem durch die Welt laufen , für nichts und wieder nichts . Überdies noch ist sie ein Schalk , ihr Anteil an Städten und Ländern ist eine Posse , wodurch sie uns zum Schweigen bringt . Warum aber seh ' ich diese Sache so verwirrt und verschränkt an ? Ist der Oberamtmann nicht selbst der verständigste , der einsichtigste , liebevollste Vermittler ? Du willst ihm sagen , wie du fühlst und denkst , und er wird mitdenken , wenn auch nicht mitfühlen . Er vermag alles über den Vater . Und ist nicht eine wie die andere seine Tochter ? Was will denn der Anton Reiser mit Lucinden , die für das Haus geboren ist , um glücklich zu sein und Glück zu schaffen ? hefte sich doch das zapplige Quecksilber an den ewigen Juden , das wird eine allerliebste Partie werden . « Des Morgens ging Lucidor festen Entschlusses hinab , mit dem Vater zu sprechen und ihn deshalb in bekannten freien Stunden unverzüglich anzugehn . Wie groß war sein Schmerz , seine Verlegenheit , als er vernahm : der Oberamtmann , in Geschäften verreist , werde erst übermorgen zurückerwartet . Julie schien heute so recht ganz ihren Reisetag zu haben , sie hielt sich an den Weltwanderer und überließ mit einigen Scherzreden , die sich auf Häuslichkeit bezogen , Lucidor an Lucinden . Hatte der Freund vorher das edle Mädchen aus gewisser Ferne gesehen , nach einem allgemeinen Eindruck , und sie sich schon herzlichst angeeignet , so mußte er in der nächsten Nähe alles doppelt und dreifach entdecken , was ihn erst im allgemeinen anzog . Der gute alte Hausfreund , an der Stelle des abwesenden Vaters , tat sich nun hervor ; auch er hatte gelebt , geliebt und war , nach manchen Quetschungen des Lebens , noch endlich an der Seite des Jugendfreundes aufgefrischt und wohlbehalten . Er belebte das Gespräch und verbreitete sich besonders über Verirrungen in der Wahl eines Gatten , erzählte merkwürdige Beispiele von zeitiger und verspäteter Erklärung . Lucinde erschien in ihrem völligen Glanze , sie gestand , daß im Leben das Zufällige jeder Art , und so auch in Verbindungen , das Allerbeste bewirken könne ; doch sei es schöner , herzerhebender , wenn der Mensch sich sagen dürfe : er sei sein Glück sich selbst , der stillen , ruhigen Überzeugung seines Herzens , einem edlen Vorsatz und raschen Entschlusse schuldig geworden . Lucidorn standen die Tränen in den Augen , als er Beifall gab , worauf die Frauenzimmer sich bald entfernten . Der alte Vorsitzende mochte sich in Wechselgeschichten gern ergehen , und so verbreitete