meine , daß es damit eine eigene Bewandtnis hat ! - Ewig unerforschlich bleibt uns das erste Erwachen zum klaren Bewußtsein ! - Wäre es möglich , daß dies mit einem Ruck geschehen könnte , ich glaube , der Schreck darüber müßte uns töten . - Wer hat nicht schon die Angst der ersten Momente im Erwachen aus tiefem Traum , bewußtlosem Schlaf empfunden , wenn er , sich selbst fühlend , sich auf sich selbst besinnen mußte ? - Doch , um mich nicht zu weit zu verlieren , ich meine , jeder starke psychische Eindruck in jener Entwicklungszeit läßt wohl ein Samenkorn zurück , das eben mit dem Emporsprossen des geistigen Vermögens fortgedeiht , und so lebt aller Schmerz , alle Lust jener Stunden der Morgendämmerung in uns fort , und es sind wirklich die süßen wehmutsvollen Stimmen der Lieben , die wir , als sie uns aus dem Schlafe weckten , nur im Traum zu hören glaubten , und die noch in uns forthallen ! - Ich weiß aber , worauf der Meister anspielt . Auf nichts anders als auf die Geschichte von der verstorbenen Tante , die er mir wegstreiten will , und die ich , um ihn erklecklich zu ärgern , nur gerade dir , Geheimer Rat , erzählen werde , wenn du mir versprichst , mir was weniges empfindelnde Kinderei zugute zu halten . - Was ich dir von der Erbssuppe und dem Lautenisten - « - » O , « unterbrach der Geheime Rat den Kapellmeister , » o still , still , nun merk ' ich wohl , du willst mich foppen , und das ist denn doch wider alle Sitte und Ordnung . « » Keinesweges , « fuhr Kreisler fort , » keinesweges , mein Herz ! Aber von dem Lautenisten muß ich anfangen , denn er bildet den natürlichsten Übergang zur Laute , deren Himmelstöne das Kind in süße Träume wiegten . Die jüngere Schwester meiner Mutter war Virtuosin auf diesem zurzeit in die musikalische Polterkammer verwiesenen Instrument . Gesetzte Männer , die schreiben und rechnen können und wohl noch mehr als das , haben in meiner Gegenwart Tränen vergossen , wenn sie bloß dachten an das Lautenspiel der seligen Mamsell Sophie , mir ist es deshalb gar nicht zu verdenken , wenn ich , ein durstig Kind , meiner selbst nicht mächtig , noch ohne in Wort und Rede aufgekeimtes Bewußtsein , alle Wehmut des wunderbaren Tonzaubers , den die Lautenistin aus ihrem Innersten strömen ließ , in begierigen Zügen einschlürfte . - Jener Lautenist an der Wiege war aber der Lehrer der Verstorbenen , klein von Person , mit hinlänglich krummen Beinen , hieß Monsieur Turtel und trug eine sehr saubere weiße Perücke mit einem breiten Haarbeutel , sowie einen roten Mantel . - Ich sage das nur , um zu beweisen , wie deutlich mir die Gestalten aus jener Zeit aufgehen , und daß weder Meister Abraham noch sonst jemand daran zweifeln darf , wenn ich behaupte , daß ich , ein Kind von noch nicht drei Jahren , mich finde auf dem Schoß eines Mädchens , deren mildblickende Augen mir recht in die Seele leuchteten , daß ich noch die süße Stimme höre , die zu mir sprach , zu mir sang , daß ich es noch recht gut weiß , wie ich der anmutigen Person all meine Liebe , all meine Zärtlichkeit zuwandte . Dies war aber eben Tante Sophie , die in seltsamer Verkürzung Füßchen gerufen wurde . Eines Tages lamentierte ich sehr , weil ich Tante Füßchen nicht gesehen hatte . Die Wärterin brachte mich in ein Zimmer , wo Tante Füßchen im Bette lag , aber ein alter Mann , der neben ihr gesessen , sprang schnell auf und führte , heftig scheltend , die Wärterin , die mich auf dem Arm hatte , hinaus . Bald darauf kleidete man mich an , hüllte man mich ein in dicke Tücher , brachte man mich ganz und gar in ein anderes Haus zu andern Personen , die sämtlich Onkel und Tanten von mir sein wollten und versicherten , daß Tante Füßchen sehr krank sei und ich , wäre ich bei ihr geblieben , ebenso krank geworden sein würde . Nach einigen Wochen brachte man mich zurück nach meinem vorigen Aufenthalt . Ich weinte , ich schrie , ich wollte zu Tante Füßchen . Sowie ich in jenes Zimmer gekommen , trippelte ich hin an das Bette , in dem Tante Füßchen gelegen , und zog die Gardinen auseinander . Das Bette war leer , und eine Person , die nun wieder eine Tante von mir war , sprach , indem ihr die Tränen aus den Augen stürzten : Du findest sie nicht mehr , Johannes , sie ist gestorben und liegt unter der Erde . - Ich weiß wohl , daß ich den Sinn dieser Worte nicht verstehen konnte , aber noch jetzt , jenes Augenblicks gedenkend , erbebe ich in dem namenlosen Gefühl , das mich damals erfaßte . Der Tod selbst preßte mich hinein in seinen Eispanzer , seine Schauer drangen in mein Innerstes , und vor ihnen erstarrte alle Lust der ersten Knabenjahre . - Was ich begann , weiß ich nicht mehr , wüßte es vielleicht niemals , aber erzählt hat man mir oft genug , daß ich langsam die Gardinen fahren ließ , ganz ernst und still einige Augenblicke stehen blieb , dann aber , wie tief in mich gekehrt und darüber nachsinnend , was man mir eben gesagt , mich auf ein kleines Rohrstühlchen setzte , das mir eben zur Hand . Man fügte hinzu , daß diese stille Trauer des sonst zu den lebhaftesten Ausbrüchen geneigten Kindes etwas unbeschreiblich Rührendes gehabt , und daß man selbst einen nachteiligen psychischen Einfluß gefürchtet , da ich mehrere Wochen in demselben Zustande geblieben , nicht weinend , nicht lachend , zu keinem Spiel aufgelegt , kein freundlich Wort erwidernd , nichts um mich her beachtend . « -