Todten lebe ich , keine , keine Seele mein ! - « Die letzten Worte waren von einem Strom unbezwinglich hervorbrechender Thränen verwischt . Alonzo schob das Blatt weg , den Kopf in die gefaltenen Hände gelehnt , weinte er heiß und bitterlich . Das Geräusch eines Eintretenden schreckte ihn auf . Beschämt riß er sich empor . Seine Weichheit schien ihm ganz kindisch , er faßte sich zusammen , und die eine Hand vor den Augen empfing er mit der Andern mehrere Briefe , unter denen die Schriftzüge seiner Mutter ihm das Blut beklemmend zum Herzen trieben . Er brach das Siegel mit kaum erzwungener Fassung und las , ohne recht zu wissen , was ? folgendes : » Mit Erstaunen und einem Befremden , von dem ich nicht weiß , ist ' s des Schreckens oder Zorns Erstarren , erfahre ich , dein Geschäft , Alonzo , sei beendigt , und du gleichwohl noch in Paris . Ich will nicht denken , was ich mich zu hören schämte , und ehe verschließe sich diese Lippe auf ewig , als daß sie Unwürdiges von meinem Blute sage . Gleichviel auch welche Ursach ! - keine als Unvermögen des Leibes ist gültig , und auch denn noch , wenn die gelähmten Glieder ihren Dienst versagen , die schwindende Kraft nicht weiter kann , treibe die Angst der Verdammniß , den morschen Leichnam über die verfluchte Erde hin nach geweiheter Stätte ! Nur das Eine Alonzo höre . Den geschäftslosen Mann , der aus Neigung oder Trägheit in Paris verweilt , muß ich verachten , denn da der Einzelne nicht dem ganzen Volke stehen kann , duckt er dehmüthig unter und läßt die Woge des Uebermuths feige über sich zusammenschlagen . Lächeln muß er , wenn ihm das Blut tropfend aus den Augen sprühet , Spaß verstehen , unbeachtet die Pfeile schwirren hören , und wenn ' s hoch kommt , sie versenden helfen . Anders ist es , wenn ein gegebenes Ziel zu strenger Arbeit ruft , er sieht nicht rechts , nicht links , ihn schützt das Panier der Pflicht . Doch des Müßiggängers fahrig Auge , was kann es anders wollen , als sich im Schmutz der Sünde baden ? Alonzo hast du denn jenseit der Pyrenäen noch ein Vaterland ? Darfst du dein eigen sein , ein Dasein , Sitte und Gesetz , Gott und einen Heiland haben ? O daß ich dich das fragen muß ? Ist denn dein Stab so ganz und gar gebrochen , kreist denn keine Ader meines Blutes in deinem Herzen mehr ? Ich will ' s nicht denken , doch muß ich zittern , weinen - und wenn ' s sein muß , dich geliebtes Kind verfluchen ! « O Mutter , Mutter , rief Alonzo händeringend , verblendet denn die Leidenschaft und macht sie zugleich so scharf und hellesehend ! Gute Mutter ! wir werden von einer Flamme getrieben , nenne sie Zorn oder Liebe ! Eine lange Zeit saß er ganz tiefsinnig da , die entsetzlichen Worte dreheten sich ihm wie eine kreisende Scheibe im Gehirn umher . Er hatte gar keine Gedanken , ihm war , als werde er wahnsinnig , und so ging er dann wie im Traume , ohne Wille und ohne Widerstand zur gewohnten Stunde in die Messe . Er wußte kaum noch was er hier wollte . Die Augen lagen gesenkt am Boden , die Arme schlaff und matt in einander geschlungen , er betete mechanisch , und ließ betäubt die Worte an sich vorüberklingen , als das Wispern einer weichen Stimme neben ihm , plötzlich tausend Funken zugleich in seiner Seele anschlugen . Blansche kniete mit dem Rücken nach ihm gewandt , das Gesicht auf die Stufen eines kleinen Altars gesenkt , über welchem Maria abgebildet war , wie sie das schlafende Jesuskind mit Liebe und Zuversicht betrachtet , ohne die wunderbare duftige Gestalten zu sehen , die im Traum an des Kindes Bettchen vorübergehen und ihm die Zukunft offenbaren , der Engel mit den Marterwerkzeugen schwebt leicht vorüber , zuletzt überstrahlt des Heilands Verklärung die weißlichen Wolkenspiele . Blansche hob den Kopf in die Höhe , sie sahe das Bild fest an , ihr Blick schien zu sagen , heilige Mutter , von dir geht das trübe Erdenleben aus , aber du gabst uns den Erlöser ! Alonzo sahe und ahndete von dem allem nichts , er fühlte nur Blansches Nähe . Seiner kaum noch mächtig , unter ungestümen Klopfen der kochenden Brust , warf er sich neben sie nieder und mit einem Tone und Blick , vor dem das zarte Mädchen zusammenschauerte , flüsterte er , jetzt Blansche , jetzt können Sie mir länger nicht entgehn . Hier im Angesicht aller Heiligen wagen Sie es zu sagen , daß Sie mich verstoßen , daß Sie Ihr eignes Wort zurücknehmen , daß Sie mich hassen ! Sie sahe ihn wehmüthig an . Thränen strömten aus ihren schönen Augen . O Gott , sagte sie leise , so haben Sie mich denn nie verstanden ; und kein Vertrauen , keine Ahndung meiner Liebe ist in Ihrer Seele ! Sie lieben mich noch , Blansche ? rief Alonzo ganz außer sich , o sagen Sie nichts , kein einziges Wort weiter , auf Ihrer Zunge schwebt etwas , das ich nicht wissen will , nicht wissen darf , wenn Sie mich lieben - ja unterbrach ihn Blansche ernst , ich liebe Sie , fest und uneigennützig , wie Sie nicht lieben können . Jetzt Alonzo , fuhr sie aufstehend fort , wissen Sie , was Ihnen für diese Welt zu wissen frommt , kann es Ihnen gnügen , so sind wir beide nicht zu beklagen - wenn nicht - ich kann nur aus der Ferne mit Ihnen weinen . Unsre Wege scheiden sich von hier , und ich fodre es im Namen der Kirche , deren Boden kein vermessener Schritt entweihen soll , folgen Sie mir nicht , Alonzo , bei Gott und seinem