scheiden . Der Graf macht Anstalt , Ihr Schicksal zu verbessern ; es freut und schmerzt mich . Ich wollte es verschweigen , bis es gewiß wäre ; der Augenblick nötigt mich , dies Geheimnis zu entdecken . Nur insofern kann ich Ihnen , kann ich mir verzeihen , wenn wir den Mut haben , unsre Lage zu ändern , da es von uns nicht abhängt , unsre Gesinnung zu ändern . « Sie hub ihn auf und ergriff seinen Arm , um sich darauf zu stützen , und so kamen sie stillschweigend nach dem Schlosse . Nun aber stand sie in ihrem Schlafzimmer , wo sie sich als Gattin Eduards empfinden und betrachten mußte . Ihr kam bei diesen Widersprüchen ihr tüchtiger und durchs Leben mannigfaltig geübter Charakter zu Hülfe . Immer gewohnt , sich ihrer selbst bewußt zu sein , sich selbst zu gebieten , ward es ihr auch jetzt nicht schwer , durch ernste Betrachtung sich dem erwünschten Gleichgewichte zu nähern ; ja sie mußte über sich selbst lächeln , indem sie des wunderlichen Nachtbesuches gedachte . Doch schnell ergriff sie eine seltsame Ahnung , ein freudig bängliches Erzittern , das in fromme Wünsche und Hoffnungen sich auflöste . Gerührt kniete sie nieder , sie wiederholte den Schwur , den sie Eduarden vor dem Altar getan . Freundschaft , Neigung , Entsagen gingen vor ihr in heitern Bildern vorüber . Sie fühlte sich innerlich wiederhergestellt . Bald ergreift sie eine süße Müdigkeit und ruhig schläft sie ein . Dreizehntes Kapitel Eduard von seiner Seite ist in einer ganz verschiedenen Stimmung . Zu schlafen denkt er so wenig , daß es ihm nicht einmal einfällt , sich auszuziehen . Die Abschrift des Dokuments küßt er tausendmal , den Anfang von Ottiliens kindlich schüchterner Hand ; das Ende wagt er kaum zu küssen , weil er seine eigene Hand zu sehen glaubt . O daß es ein andres Dokument wäre ! sagt er sich im stillen ; und doch ist es ihm auch schon die schönste Versicherung , daß sein höchster Wunsch erfüllt sei . Bleibt es ja doch in seinen Händen ! und wird er es nicht immerfort an sein Herz drücken , obgleich entstellt durch die Unterschrift eines Dritten ? Der abnehmende Mond steigt über den Wald hervor . Die warme Nacht lockt Eduarden ins Freie ; er schweift umher , er ist der unruhigste und der glücklichste aller Sterblichen . Er wandelt durch die Gärten ; sie sind ihm zu enge ; er eilt auf das Feld , und es wird ihm zu weit . Nach dem Schlosse zieht es ihn zurück ; er findet sich unter Ottiliens Fenstern . Dort setzt er sich auf eine Terrassentreppe . Mauern und Riegel , sagt er zu sich selbst , trennen uns jetzt , aber unsre Herzen sind nicht getrennt . Stünde sie vor mir , in meine Arme würde sie fallen , ich in die ihrigen , und was bedarf es weiter als diese Gewißheit ! Alles war still um ihn her , kein Lüftchen regte sich ; so still wars , daß er das wühlende Arbeiten emsiger Tiere unter der Erde vernehmen konnte , denen Tag und Nacht gleich sind . Er hing ganz seinen glücklichen Träumen nach , schlief endlich ein und erwachte nicht eher wieder , als bis die Sonne mit herrlichem Blick heraufstieg und die frühsten Nebel gewältigte . Nun fand er sich den ersten Wachenden in seinen Besitzungen . Die Arbeiter schienen ihm zu lange auszubleiben . Sie kamen ; es schienen ihm ihrer zu wenig und die vorgesetzte Tagesarbeit für seine Wünsche zu gering . Er fragte nach mehreren Arbeitern ; man versprach sie und stellte sie im Laufe des Tages . Aber auch diese sind ihm nicht genug , um seine Vorsätze schleunig ausgeführt zu sehen . Das Schaffen macht ihm keine Freude mehr ; es soll schon alles fertig sein , und für wen ? Die Wege sollen gebahnt sein , damit Ottilie bequem sie gehen , die Sitze schon an Ort und Stelle , damit Ottilie dort ruhen könne . Auch an dem neuen Hause treibt er , was er kann ; es soll an Ottiliens Geburtstage gerichtet werden . In Eduards Gesinnungen wie in seinen Handlungen ist kein Maß mehr . Das Bewußtsein , zu lieben und geliebt zu werden , treibt ihn ins Unendliche . Wie verändert ist ihm die Ansicht von allen Zimmern , von allen Umgebungen ! Er findet sich in seinem eigenen Hause nicht mehr . Ottiliens Gegenwart verschlingt ihm alles ; er ist ganz in ihr versunken , keine andre Betrachtung steigt vor ihm auf , kein Gewissen spricht ihm zu ; alles , was in seiner Natur gebändigt war , bricht los , sein ganzes Wesen strömt gegen Ottilien . Der Hauptmann beobachtet dieses leidenschaftliche Treiben und wünscht den traurigen Folgen zuvorzukommen . Alle diese Anlagen , die jetzt mit einem einseitigen Triebe übermäßig gefördert werden , hatte er auf ein ruhig freundliches Zusammenleben berechnet . Der Verkauf des Vorwerks war durch ihn zustande gebracht , die erste Zahlung geschehen , Charlotte hatte sie der Abrede nach in ihre Kasse genommen . Aber sie muß gleich in der ersten Woche Ernst und Geduld und Ordnung mehr als sonst üben und im Auge haben ; denn nach der übereilten Weise wird das Ausgesetzte nicht lange reichen . Es war viel angefangen und viel zu tun . Wie soll er Charlotten in dieser Lage lassen ! Sie beraten sich und kommen überein , man wolle die planmäßigen Arbeiten lieber selbst beschleunigen , zu dem Ende Gelder aufnehmen und zu deren Abtragung die Zahlungstermine anweisen , die vom Vorwerksverkauf zurückgeblieben waren . Es ließ sich fast ohne Verlust durch Zession der Gerechtsame tun ; man hatte freiere Hand ; man leistete , da alles im Gange , Arbeiter genug vorhanden waren , mehr auf einmal und gelangte gewiß und bald zum Zweck . Eduard stimmte gern bei , weil es mit seinen Absichten übereintraf