, daß Fräulein von M ... nicht nur die Hauptstadt , sondern sogar seine Staaten innerhalb vier und zwanzig Stunden räumen sollte . Ich würde alles aufgeboten haben , diesen Streich abzuwenden , wäre ich davon unterrichtet gewesen ; allein er fiel so plötzlich , daß er bereits vollendet war , als ich die erste Nachricht davon bekam . Wie sehr ich auch wünschen mochte , daß es für die Erbprinzessin eine wahre Ehe geben möchte , so sah ich doch sehr deutlich ein , daß die Gewalt sie nie herbeiführen werde . Mir war daher sehr übel zu Muthe , als mich der Herzog einige Tage darauf zu sich berufen ließ , und mir erklärte , daß , nachdem von seiner Seite alles geschehen sey , um ein gutes Verhältniß zwischen der Erbprinzessin und seinem Sohne zu begründen , er nun auch von mir erwartete , daß ich das Meinige thun würde , um die Sachen in das gehörige Geleis zu bringen . So mußte freilich der Herzog sprechen , der , weil er im Besitz der Gewalt war , alles nur in dem Lichte der Pflicht betrachten konnte ; allein so konnte derjenige nicht sprechen , der das Wort zum Räthsel hatte und zu beurtheilen verstand , welche Hindernisse in der Erbprinzessin zurückblieben , nachdem alle Hindernisse in dem Erbprinzen aus dem Wege geräumt waren . Ich versicherte - und gewiß mit Wahrheit - daß es nie an mir gelegen habe , den Erbprinzen in dem Besitz seiner liebenswürdigen Gemahlin beglückt zu sehen ; ich fügte aber zugleich hinzu , daß man es der Zeit überlassen müsse , diejenige Vereinigung der Gemüther hervorzubringen , ohne welche eine Ehe nicht denkbar sey . » Das sind Chimären , « erwiederte der Herzog . » Was bedarf es hier der Zeit ? Die Erbprinzessin ist hübsch ; mein Sohn ist nicht häßlich . Daraus folgt , daß sich beide lieben können . Ich bin zufrieden , wenn ich vor meinem Tode einen wackern Enkel habe . « Gegen eine solche Sprache läßt sich nie etwas einwenden , und ohne dem Herzog noch irgend eine Bemerkung zu machen , welche seine Logik kompromittirt hätte , entfernte ich mich mit dem Versprechen , daß ich für die Erfüllung seiner Wünsche alles thun würde , was in meinen Kräften stände . Die Erbprinzessin war gegen die Maaßregel ihres Schwiegervaters so gleichgültig geblieben , als ob sie tausend Meilen von ihr entfernt genommen worden wäre . Das Einzige , was sie dabei zu befürchten schien , war , daß der Prinz , der gewaltsamen Richtung folgend , welche sein Vater ihm gegeben hatte , sich ihr wieder nähern könnte . Sie war weit davon entfernt , ihn zu hassen ; allein sie war eben so weit davon entfernt , ihn zu lieben . So theuer waren ihr seit Jahr und Tag ihre Beschäftigungen geworden , daß sie keinen anderen Wunsch hatte , als sich selbst überlassen , d.h. ganz ungestört zu bleiben . Ich , meiner Seits , stand als die Urheberin dieser Vorliebe für das Schöne da , die sich ihrem ganzen Wesen so tief eingefugt hatte . Nie hatte ich eine andere Absicht gehabt , als ihr einen temporären Ersatz für das zu geben , was sie entbehren mußte . Wenn das , wobei ich immer nur an ein pis aller gedacht hatte , vermöge der Vortrefflichkeit ihrer Anlagen , etwas ganz Anderes geworden war - wer konnte die Schuld tragen , wenn sie nicht von eben diesen Anlagen übernommen wurde ? Wie achtungswerth , ja wie liebenswürdig sogar , die innere Nothwendigkeit seyn mochte , worin die Prinzessin meinen Blicken erschien ; so konnte ich mir doch nicht verhehlen , daß diese Nothwendigkeit eben so eisern sey , als jede andere . Denn wie die Ideale , in welchen sie lebte und webte , wieder aus ihr verdrängen ? So lange sie in ihrem bisherigen Geleise blieb , war für die Wünsche des Herzogs nichts von ihr zu hoffen . Es würde mir nichts gekostet haben , mein eigenes Werk in ihr zu zerstören , weil ich wohl einsah , daß es zerstört werden mußte , wenn die Prinzessin wieder in ihr emporkommen sollte ; allein wie diese Zerstörung einleiten ? Ich verzweifelte , so oft ich hierüber nachdachte ; ich verzweifelte um so mehr , weil ich mich selbst genug kannte , um das Nothwendige in mir in einigen Anschlag zu bringen . Da aber von meiner Seite irgend Etwas geschehen mußte , so glaubte ich nicht besser zum Ziele kommen zu können , als wenn ich mich mit dem Kammerherrn des Erbprinzen zur Wiedervereinigung der beiden fürstlichen Personen verbände . Ich ging von der Voraussetzung aus , daß er , als ein Mann von Verstand , vor allen Anderen mich verstehen müsse , so bald ich ihm über das Wesen der Prinzessin die Aufschlüsse gäbe , die Niemand geahnet hatte . Ehe aber diese Aufschlüsse erfolgten , sondirte ich ihn über die Gesinnungen des Erbprinzen in Beziehung auf dessen Gemahlin . Was ich erfuhr , entsprach meinen Wünschen und übertraf alle meine Erwartungen ; denn der Kammerherr sagte mir geradezu , daß der Erbprinz durch die Maaßregel seines Vaters zwar politisch beleidigt , aber nicht menschlich gekränkt worden sey , da er es schon seit längerer Zeit darauf angelegt habe , sich aus der Klemme zu ziehen , worin er sich bisher befunden . Er fügte hinzu , der Erbprinz würde schon seit mehreren Monaten zu seiner Gemahlin zurückgekehrt seyn , hätte diese ihn nicht eine niederschlagende Gleichgültigkeit blicken lassen , wodurch sein Stolz nothwendig hätte geweckt werden müssen . Ich rückte hierauf mit meinen Aufschlüssen über das Wesen der Erbprinzessin hervor . Der Kammerherr sah mich bei dieser Analyse mit so großen Augen an , als ob von den sieben Wundern der Welt die Rede gewesen wäre . Unstreitig verstand er mich nicht , ob er sich gleich das Ansehn gab , als hätte er dies längst vermuthet