mehr wohlwollend als zärtlich , und ihr Urtheil eher durch friedliche Gesinnungen , als durch klare Einsicht bestimmt zu seyn . Schon in frühern Streiten mit Alexis , erkannte er diese behagliche Ruhe , die sich so gern mit allen befreunden , und die scharfe Ecke aus dem Leben verbannen mögte . Es fehlte ihr keineswegs an Besonnenheit , aber sie drängte das Störende hinweg , und haßte nichts so sehr , als die schwerfälligen Gemüther , welche bei jeder Mangelhaftigkeit stehen bleiben , und für welche die Sonne nur scheint , wenn sich kein Wölkchen am Himmel blicken läßt . Es fiel ihr sehr selten oder nie ein , sich in den innern Zusammenhang der Dinge zu versenken , und die Bedeutung eines Übels aufzusuchen ; sondern sie eilte leicht darüber hinweg , und Wenige standen vielleicht so fest in der Gefahr . Er hatte dies wohl eher im nähern Umgange erkannt , und sich willig dem reitzenden Leichtsinn hingegeben . So ließ er es denn auch jetzt geschehen , daß sie seine Meinung bestritt , während er selbst ungewiß war , ob er nicht vielleicht wirklich zu hohe Anforderungen im Leben mache , und zu wenig auf die verschiedene Natur und das seltsame Gemisch menschlicher Gefühle achte . Erwägen Sie noch , fuhr die Gräfinn fort , daß die Augenblicke so ungleich sind , und daß es Zeiten giebt , in welchen der Erhabenste recht jämmerlich dasteht , so wird im Ganzen Ihre Bewunderung weniger gespannt , und Ihr Tadel milder seyn . Rodrich ergriff diesen Gedanken begierig . Er hatte sich dem Grafen gegenüber beschämt gefühlt , und es vermieden , tiefer in sich selbst zurückzugehen . Die wechselnden Eindrücke dieser Tage hatten ihn zu den leidenschaftlichsten Ausbrüchen hingerissen . Er erkannte sich selbst nicht mehr in der unstäten Sehnsucht , dem Abstoßen und Hinneigen seines Herzens , und flüchtete gern zu der allgemeinen Gebrechlichkeit , um die eigne Schwäche zu entschuldigen . So blickte er beruhigt in Seraphinens Augen , die ganz unbefangen alle Vorgefühle höhern Strebens , das kindliche Anstaunen wie die erhebende Bewunderung einzelner großer Erscheinungen in Anspruch nahm , um das Gleichgewicht Leben im herzustellen . Rosalie , die während dessen ermattet eingeschlafen war , lächelte jetzt im Traume , und sagte halblaut , sieh Ludoviko , wie uns Fernando winkt ; ach er ist wieder ein Kind geworden , und spielt wie ehemals mit bunten Steinchen , die in seinen Händen Blumen werden , um die Braut zu kränzen . Siehst du den Stern in seiner Brust , wie er sich hin und her bewegt , und die Strahlen sein schönes Gesicht verklären ? Sie hatte die Augen geöffnet , als sie die letzten Worte sprach , und beide überfiel ein Schauer , und sie gedachten der Erscheinung im Waldschlosse , wie sie sich langsam aufrichtend , eine Bewegung machte , als flechte sie Blumen durch das Haar . Seraphine reichte ihr eilend stärkende Essenzen , und führte sie an ein geöffnetes Fenster , wo sie kaum die frische Luft anwehete , als sie tief athmete und sich von einem ängstigenden Traume loszumachen schien . Bald verlangte sie aus dem Zimmer , und zu Miranda gebracht zu werden . Die Gräfinn machte sogleich die nöthigen Anstalten , und Rodrich verließ sie in einem Zustand , der ihn aufs neue aus seiner kaum gewonnenen Ruhe aufschreckte . Am folgenden Morgen trat er , mit den Aufträgen des Grafen versehen , seine Reise in aller Frühe an . Als er durch die einsamen Straßen ritt , wo schon längst kein Wagen mehr rollte , und die laute Freude zu stilleren Genüssen flüchtete , blickte er wehmüthig auf die armen Menschen , die das drängende Bedürfniß schon wieder zu dem mühseligen Tagewerk jagte und deren ärmliches Ansehen wunderlich gegen die Pracht der Gebäude abstach . Er fühlte sich leichter , als ihn sein Weg endlich an den Gärten vorüberführte , und die wohlhabenden Besitzer den Reichthum überschauend , seinen Morgengruß im behaglichen Wohlseyn erwiederten . Je weiter er kam und die blühende Ebene sich vor ihm aufthat , je freier ward ihm um ' s Herz , und wie sein Pferd lustig forttrabte , und die Morgenluft ihn so erfrischend anwehete , fühlte er sich zu jedem Geschäfte freudig gestimmt . Er sah recht , wie er thätig in ' s Leben eingreifen und die träge Ruhe von sich verscheuchen müsse . Alles , was ihn in dieser Zeit gedrückt , alle Fieberschauer , die seine kränkliche Heftigkeit entzündet hatten , alles schwand vor dem hellen heitern Leben der Natur . Im freiesten Spiel seiner Kräfte sagte er froh : unter steter Anstrengung , muß der Mensch den Genuß des Augenblicks erringen ! Was sich ihm so ungesucht aufdringt , und während es den Sinnen schmeichelt , die lebendigste Kraft gefangen nimmt , das widersteht dem Uebersättigten , und die innere Lust erkrankt in trüben Bildern . Sich so recht in die wogende Fluth zu tauchen , zu wagen und zu wirken , die verschlossenen Quellen des Lebens zu eröffnen und im Fluge das Glück zu erhaschen , das zog ihn unwiderstehlich in die Welt , das reitzte ihn zum freudigen Kriegerleben . Und jetzt erweiterte sich so ungehofft der beschränkte Kreis seines Wirkens . Die ersten Schritte waren gethan , und er sah in Gedanken die reiche , gehaltvolle Zukunft . Was konnte nicht alles geschehen , wenn der rechte Ernst die Herzen entflammte , die oft bei einer flüchtigen Anregung kräftig schlugen . Jede bessere Aufwallung seiner Cameraden kam ihm jetzt ins Gedächtniß . Er liebte sie alle , seit er hoffen konnte , an ihrer Seite zu fechten und die gleiche Lust und Gefahr mit ihnen zu theilen . Selbst an Stephano konnte er ohne Bangigkeit denken , und es reuete ihn fast , ihn diesen Morgen nicht aufgesucht und durch einen freundlichen Abschied den störenden Eindruck des gestrigen Gesprächs ausgelöscht zu haben . So wohlwollend hatte er noch nie auf die