Stütze beraubt , die kommende Tagesfrühe konnte über sein Leben entscheiden , und er hinterließ eine Stiefmutter , einen Bruder , eine Braut . Er hatte für das Wohlergehen dieser Lieben noch nicht Sorge getragen , wie er wünschte , und jetzt war es vielleicht zu spät dazu , wenn die Voraussicht seines Vaters nicht in dem Testamente die Vorkehrungen auch auf den Fall getroffen hatte , daß Renatus nicht aus dem Felde wiederkehren sollte . Er öffnete und las das Testament . Es war nicht dazu gemacht , ihn zu beruhigen und zu erheben . Sein Besitz war weit mehr verschuldet , als er es für möglich gehalten hatte . Obschon seine wirthschaftlichen Kenntnisse höchst unbedeutend waren , ahnte er doch , daß sich ihm große , fast unübersteigliche Hindernisse in der Verwaltung und Erhaltung der drei großen , noch zusammengehörenden Güter in den Weg stellen würden , und mehr noch als diese Erkenntniß erschütterte ihn der Theil des Testamentes , welcher Vittoria und ihren Sohn betraf . Es überflog ihn eine heiße Scham , das Herz preßte sich ihm zusammen . Seinem Vater war also das Geheimniß Vittoria ' s nicht verborgen geblieben . Der Greis hatte den Schmerz erduldet , sich verrathen zu wissen . Wie mußte ihn dies niedergeworfen , was mußte er davon gelitten haben ! Die reine , wahrhafte Natur des Sohnes empörte sich gegen Vittoria , er dachte mit widerwilligem Zorn an sie und an Valerio , und Beides , Beides that ihm weh : denn er liebte Vittoria und er liebte auch den Knaben , den er , obschon er um Vittoria ' s Leidenschaft für einen Andern wußte , bis jetzt doch als seinen Bruder angesehen hatte . Bricht denn Alles , Alles unter meiner Hand zusammen ? fragte er sich schmerzlich , und der alte Gedanke , daß er nicht zum Glücke geboren sei , bemächtigte sich seiner wieder mit erneuter Macht . Er hatte bisher immer viel Mitleid mit Vittoria gehabt , ihr Leben an des alternden Gatten Seite war ihm stets als eine große Entsagung für sie erschienen . Jetzt beklagte er nur seinen Vater . Weil er nicht wußte , daß der Freiherr erst ganz kurze Zeit vor seinem Tode den Verrath Vittoria ' s erfahren hatte , bewunderte er dessen stolze Zurückhaltung und die großmüthige Nachsicht , mit der er Vittoria behandelt hatte . Er machte sich selbst einen Vorwurf daraus , daß er der Verrätherin so viel von seiner Liebe , so viel Freundschaft zugewendet ; er hätte seinen Vater wiederhaben mögen , um es ihm abzubitten , daß er nicht genug Zärtlichkeit für ihn gefühlt habe , um ihn auf ' s Neue und mehr und verständnißvoller als bisher zu lieben . Er wußte in einzelnen Augenblicken nicht , was er thun , ja , nicht einmal , woran er zuerst denken solle . Man erwartete von ihm Bestimmungen über seine Angelegenheiten , aber er verstand von ihnen wenig , er hatte keine wirkliche Geschäftskenntniß . Der Freiherr hatte nach dem Abgange von Steinert mehrmals mit seinen Amtsleuten gewechselt ; Renatus wußte aus des Vaters eigenem Munde , daß er auch dem gegenwärtigen Amtmanne nicht vertraue und daß er eben deshalb zum Oefteren an eine Verpachtung der Güter gedacht habe , nur daß er sich nicht entschließen können , damit einen Theil seiner persönlichen , unmittelbaren Einwirkung über sein Eigenthum aufzugeben . Der Justitiarius erwähnte in einer dem Testamente beiliegenden Auseinandersetzung dieser Absicht des Freiherrn , denn der Contract des Amtmanns ging mit dem nächsten Frühjahre zu Ende , und Renatus mußte jetzt entscheiden , ob der Contract , wie es festgesetzt war , dann auf drei neue Jahre verlängert werden sollte oder nicht . Der Justitiarius sprach von einem Pächter , der sich gemeldet habe und dessen Bedingungen , wenn man die Zeitverhältnisse in Erwägung zog , nicht ungünstig genannt werden konnten ; aber es ward die Bedingung daran geknüpft , daß ihm das lebende Inventarium , welches durch den Krieg auf das Aeußerste heruntergebracht worden war , vollständig und ausreichend ersetzt werden und die Pachtung ihm auf zwölf Jahre zugesichert werden solle . Für die Beschaffung des Inventariums mußte man abermals Kapital aufnehmen , das jetzt schwer und nur zu hohen Zinsen zu haben war , und die jetzt während des Krieges gebotenen Pachtpreise auf zwölf Jahre im voraus gelten zu lassen , fand selbst Renatus nicht für möglich . Er mußte also die Dinge gehen lassen , wie sie eben gingen , aber die Sorge um seinen Besitz wälzte sich wie eine Last auf ihn , und dazu fing er an , es schwer zu bereuen , daß er die Gräfin Rhoden zu der Uebersiedelung nach Richten aufgefordert hatte , denn es war ihm jetzt eine äußerst widerwärtige Vorstellung , sich seine Braut in der Nähe Vittoria ' s und in deren täglicher Gesellschaft vorzustellen . Ohne daß er sich bestimmte Gründe dafür anzugeben wußte , hegte er , weil er es eben wünschte , die bestimmte Hoffnung , daß die Gräfin seinen Vorschlag nicht angenommen haben werde , und nachdem er mit einem Seufzer die Testaments-Abschrift und die Berichte seines Beamten wieder in ihren Umschlag geschoben hatte , nahm er zuerst den Brief der Gräfin aus dem zweiten Couverte hervor , weil er sich den Brief seiner Braut auf zuletzt versparen wollte , um den schweren Tag doch mindestens mit einem tröstlichen Eindrucke abzuschließen . Aber seine Hoffnung und Voraussicht hatten ihn dieses Mal getäuscht . Die Gräfin schrieb ihm , daß sie Anfangs Bedenken gegen seine Plane gehegt habe . Sie sei zweifelhaft gewesen , ob es angemessen sei , gleich nach dem Tode des Freiherrn sich in dessen Hause einzurichten . Sie habe , da Renatus ' Verlobung mit ihrer Tochter vor der Welt noch ein Geheimniß sei , die Besorgniß gefühlt , daß man ihr die Absicht zur Last legen werde , eben diese Verlobung herbeiführen zu wollen ; indeß Hildegard sei anderer Ansicht gewesen , und