inmitten dieses heiligen Krieges einen Urlaub zu begehren , und da ihm zuerst nur die Nachricht von dem Tode seines Vaters zugekommen war , beruhigte er sich mit der Ueberlegung , daß der Caplan und der Justitiarius doch am Orte wären und daß er sich ihres Eifers wie ihrer Einsicht versichert halten dürfe . Er schrieb Vittorien , schrieb sofort auch seiner Braut und machte dieser den Vorschlag , sich mit ihrer Mutter und Schwester baldmöglichst nach Schloß Richten zu begeben , um der vereinsamten Vittoria eine Gesellschaft zu sein . Er erwähnte dabei , daß es ihm wohlthun würde , die Gegenstände seiner Liebe in dieser unruhigen Zeit an einem und demselben Orte unter dem Schutze seines Hauses vereinigt zu wissen , und weil er entschlossen war , sich jetzt ernsthafter als bisher mit den Vermögens-Angelegenheiten seiner Familie zu beschäftigen , bemerkte er gegen die Gräfin , daß es , nach den Opfern , welche der Krieg auch ihr auferlegt habe , ihr vielleicht gerathen scheinen dürfte , ihre Häuslichkeit in der Hauptstadt aufzulösen und seine Gastfreundschaft anzunehmen , bis Hildegard selbst sie ihr in Richten anzubieten haben werde . Bald darauf rückte sein Regiment vorwärts , es wechselte die Standquartiere oft , und erst am Tage vor der Leipziger Schlacht kam der zweite Brief aus Richten , welcher ihm mit dem Testamente seines Vaters zugleich die Kunde von dem Ableben des Caplans überbrachte , durch die Feldpost dem jungen Freiherrn in die Hände . Der Dienst hatte ihn bis gegen den Abend hin in Anspruch genommen . Müde und erschöpft stieg er vor dem einsamen Bauernhofe , in welchem er im Quartiere lag , vom Pferde und trat in die niedrige Stube , welche er mit fünf anderen Offizieren theilte . Draußen war es herbstlich und feucht , aber trotz der geöffneten Fenster lag eine schwüle , heiße Luft über dem niederen Raume . Zwei seiner Kameraden hatten sich , die Tornister unter den Köpfen , auf den Estrich des Bodens niedergeworfen und waren , wie ihr tiefes , schnarchendes Athemholen verrieth , obschon es noch ganz hell war , vor Ermüdung eingeschlafen . Der Capitän , ein verheiratheter Mann , schrieb an der Ecke des Tisches , an welchem die Andern mit jugendlicher Eßlust ihr geringes Abendbrod verzehrten . Sie achteten kaum auf das Eintreten ihres Kameraden , nur der Hauptmann wendete sich flüchtig nach ihm um und sagte : Herr von Arten , es sind auch für Sie ein Brief und ein Packet angekommen ; sie liegen dort auf dem Simse . - Dann fuhr er still zu schreiben fort . Es war kein Platz mehr an dem Tische und auch kein Platz zum Sitzen in der Stube . Renatus nahm seine Briefschaften und ging damit hinaus . Draußen vor dem Hause war ein Stückchen Erde eingehegt . Er und seine Kameraden hatten das Gärtchen in diesen Tagen vor der Zerstörung bewahrt . Es stand ein Kirschbaum darin , und aus dem noch grünen Grase wuchsen einige Stockrosen hervor , die noch in Blüthe standen . Die untergehende Sonne beschien sie matt . Er warf sich auf eine kleine Bank unter dem Baume nieder , steckte den Brief , auf dem er Hildegard ' s Handschrift erkannte , in die Brust und öffnete zunächst das von Richten kommende Packet ; aber er suchte darin vergebens nach einem Worte seines greisen Lehrers oder nach einem Briefe Vittoria ' s. Nur der Justitiarius hatte geschrieben . Das fiel Renatus auf , denn noch nie war eine Sendung von Richten ohne ein begleitendes Blatt des Caplans an ihn gekommen , seit er im Felde stand , und er nahm daher das Schreiben des Justitiarius mit Besorgniß in die Hand . Indeß die Nachricht , welche ihm durch dasselbe wurde , hatte er doch nicht vermuthet . In der gemessenen Weise eines Geschäftsmannes meldete der Beamte , daß der hochwürdige Herr Caplan ihm gleich nach dem Tode des verstorbenen Herrn Barons sehr angegriffen und verändert erschienen sei . Trotzdem habe derselbe es sich nicht nehmen lassen , seine Amtspflichten zu erfüllen und der von dem Verluste ihres Gemahls äußerst erschütterten Frau Baronin zur Seite zu stehen . Er habe dabei offenbar seine Kräfte erschöpft , und wenn man sich auch hätte denken mögen , daß er seinen Herrn und Freund nicht lange überleben würde , da sie so eng in einander verwachsen gewesen wären und das Alter das Zerreißen solcher alten Lebensbande nicht wohl vertrage , so habe doch das plötzliche Hinscheiden des verehrten Greises sie Alle schwer betroffen und werde auch den Freiherrn sicherlich sehr überraschen . Er berichtete demselben danach , daß er den unbedeutenden Nachlaß des Caplans versiegelt , daß er die Meldung von seinem Ableben bei den betreffenden Behörden gemacht habe , und fragte an , wie der Freiherr es nun hinsichtlich der Verwaltung des Richtener Pfarramtes zu halten gewillt sei . Renatus hielt das Schreiben eine Weile still in seinen Händen . Es war nichts Ungewöhnliches , was er erlebte , es lag im Laufe der Natur , daß der betagte Mann gestorben war ; aber er hatte ihn so lieb gehabt . Wie der Schutzgeist von Richten , ja , wie sein eigener Schutzgeist war der Caplan ihm stets erschienen . Jetzt erst kam seine Heimath ihm verlassen und verwaist vor , und sein Gemüth besaß in diesem Augenblicke noch nicht die Kraft , sich Schloß und Herrschaft unter einer ganz veränderten Umgebung als sein Eigenthum zu denken und sie doch zu lieben . Ohne den Caplan war ihm Richten nicht mehr die alte , theure Heimath . Indeß es war kein Tag , an welchem man sich seinen Empfindungen lange überlassen durfte . Jedermann wußte es , daß am nächsten Morgen eine große Schlacht bevorstand , und wer noch etwas für dieses Leben zu beschicken hatte , that dazu , es nicht hinauszuschieben . Renatus hatte sich auf die Vorsorge des Caplans mehr als auf sich selbst verlassen . Jetzt war er dieser