seiner an sich selbst verzagenden Seele rangen sich wie ein Nothschrei die Worte hervor : Herr , Herr , gehe nicht mit mir in das Gericht ! - Er wollte sich erheben und das Zimmer verlassen , aber er konnte es nicht . Er mußte sich niedersetzen , und durch die bebenden Hände , die er vor sein Antlitz schlug , flossen seine heißen Thränen nieder . Da war es , als wenn ein Riß geschähe in dem stolzen Herzen der Trauernden . Was seine Worte nicht an ihr vermocht hatten , das wirkte sein Beispiel jetzt an ihr . Sein flehendes Gebet erzitterte in ihrem Innern . Sie wußte selber nicht , wie ihr geschah . Sie meinte sich an diesem Greise versündigt zu haben , sie sagte sich : ich bin es , um die er diese Thränen weint ; mir , mir gilt sein flehender Ausruf : Herr , gehe nicht in das Gericht mit mir ! - Denn wessen hätte er sich anzuklagen gehabt , dessen ganzes Leben Demuth und Reinheit und selbstverläugnende Liebe gewesen war ? - Und von einer gewaltigen Empfindung , die sie sich selber nicht zu deuten wußte , hingerissen , warf sie sich vor dem Greise nieder und wiederholte , während auch ihre Augen überströmten : Herr , gehe nicht in das Gericht mit mir ! Langsam , aber mit einem Blicke himmlischer Verklärung , richtete der Caplan sein Antlitz empor und seine Hände falteten sich aufs Neue zum Gebete . Vergib uns unsere Schuld ! sprach er leise und leise sagte Vittoria ihm die Worte nach ; wie wir vergeben unseren Schuldigern ! tönte es kaum hörbar von seinen Lippen . Wie wir vergeben unseren Schuldigern ! wiederholte die Erschütterte mit erhobener Stimme und barg ihr Antlitz auf des Greises Kniee , dessen Hände segnend niedersanken auf ihr Haupt . So blieb sie eine Weile liegen . Die Sonne schien warm in das Zimmer hinein , ein leiser Lufthauch zog erfrischend vorüber . Es war Alles still um sie her , und still war es auch geworden in ihrer Brust . Da bedünkte sie es , als drücke die segnende Hand des Greises schwer und schwerer auf sie hernieder . Sie hob ihr Haupt zu ihm in die Höhe , die Hände des Caplans sanken bewegungslos herab . Herr Caplan ! rief sie , Herr Caplan ! - und die Stimme versagte der Erschrockenen ihren Dienst . Sie umfaßte ihn mit beiden Armen , er regte sich nicht ; aber sein Antlitz lächelte in himmlischem Frieden , nur die Augenlider waren ihm zugesunken . Er war betend eingeschlummert . Sanft , wie sein Leben gewesen war , hatte der Caplan sein letztes frommes Werk gethan - Vittoria hatte den Segen eines Sterbenden erhalten . Seine tiefe Demuth hatte die Empörung ihres stolzen Herzens überwunden , sein letzter Athemzug hatte dem Dienste seiner Kirche angehört . Neuntes Capitel Die Schlachten an der Katzbach und von Großbeeren waren eben geschlagen worden . Renatus stand mit seinem Regimente unfern dem rechten Elbufer , als er die Nachricht von dem Tode seines Vaters erhielt , und weil er weichherzig war und im Ganzen der Schicksalsschläge ungewohnt , war sein Schmerz im ersten Augenblicke äußerst lebhaft . Er hatte allerdings bei den vorgerückten Jahren seines Vaters , und weil er ihn bei seiner letzten Anwesenheit in Richten sehr verändert gefunden hatte , wohl daran gedacht , daß er ihn möglicher Weise nicht wiedersehen , daß der Abschied , den er von ihm nahm , ein ewiger werden könne . Aber die Plötzlichkeit , die ganze Art , in welcher der Freiherr geendet , hatten für die Phantasie des Sohnes im ersten Augenblicke etwas Ueberwältigendes , etwas ganz besonders Schmerzliches , und Renatus konnte nicht müde werden , sich immer auf das Neue das Bild seines unter freiem Himmel auf dem Kirchhofe sterbenden Vaters vor die Seele zu halten . Indeß gerade die beständige Wiederholung der gleichen Vorstellung stumpfte den Eindruck ab , und es bewährte sich an Renatus die alte Erfahrung , daß diejenigen , welche bei dem Erleben eines traurigen Ereignisses gar keines andern Gedankens fähig und immer nur mit dem einen Gegenstande beschäftigt sind , das Geschehene am leichtesten überwinden und verschmerzen . Es dauerte gar nicht lange , bis Renatus , wenn er an den Tod seines Vaters dachte , sich unwillkürlich aller der Tausende erinnerte , die neben ihm und um ihn her auf blutgetränkter , von Rossen zerstampfter Erde , an ihren Wunden verblutend , ihr Leben ausgehaucht hatten , ohne daß eine liebende Hand ihr brechendes Auge geschlossen hätte , ohne daß ihr letzter Blick auf das Antlitz eines Freundes gefallen wäre . Was ihm in den ersten Stunden oder Tagen so schrecklich erschienen war , die Plötzlichkeit , mit welcher der Tod seinen Vater überrascht hatte , das fing er bald an , als eine Wohlthat der Natur und als ein Glück zu betrachten , und in seinem an den Caplan und an Vittoria gerichteten Antwortschreiben pries er das Loos seines Vaters , dem es vergönnt worden war , in den Armen seines treuesten Freundes , mit dem Hinblicke auf die von ihm geschaffene schöne Kirche , von der Erde Abschied zu nehmen . Renatus hatte von seinem Vater nie jene Zärtlichkeit erfahren , welche das Leben der Kinder eng mit dem der Eltern verknüpft . Einen entscheidenden Einfluß auf die Erziehung seines Sohnes hatte der Freiherr ebenfalls nicht geübt , und in den letzten Jahren war Renatus nur selten und immer nur auf kurze Zeit in Richten gewesen . Es entstand daher in seinem Herzen durch seines Vaters Tod keine wesentliche Lücke , aber seine Verhältnisse erlitten durch denselben eine bedeutende Umgestaltung . Es traten mit Einem Male neue Anforderungen und Verpflichtungen an ihn heran , denen zu begegnen sein bisheriges Leben ihn in keiner Weise vorbereitet hatte , denen er persönlich zu genügen jetzt auch völlig außer Stande war . Er konnte nicht daran denken ,