kennen lehrte , nie von mir verlangt . Nicht Einen Tag hat er an mir gezweifelt , nicht Eine Stunde habe ich ihm Anlaß gegeben , sich von mir versäumt zu glauben . Ja , als ich es fühlte , was die Liebe sei , als ich glücklich geworden war durch sie , habe ich das Bestreben gehabt , auch ihn noch glücklicher zu machen , da er es gewesen ist , der mich nach Gottes Vorbestimmung dem mir Auserwählten entgegenführen mußte . Und wie ich mich in dankbarer Glückseligkeit der mir zugedachten Liebe überließ , habe ich schweigend die Dornenkrone des Schmerzes mir in die Stirn gedrückt , und keine Thräne , kein Seufzer hat es dem Freiherrn je verrathen , was ich litt . Ich bin ihm eine gute Gattin gewesen , ich fühle mich nicht schuldig gegen ihn . Es war Gottes Wille , der ihm ohne all mein Zuthun mein Geheimniß offenbarte , um mir endlich meine Freiheit zu vergönnen und um vielleicht durch mich dem Freiherrn zu vergelten , was er einst an der Baronin Angelika gesündigt hat . Mein Herz ist völlig mit sich einig , meine Seele ist in vollem Frieden ! Und Sie haben nie gefürchtet , daß die Hand des Höchsten sich über Ihnen mächtig zeigen , daß er Ihr verirrtes , ihm verschlossenes Herz mit schweren Schlägen zu eröffnen wissen werde ? fragte sie der Caplan , um sie zu weiterem Sprechen zu bewegen . Ich würde irre werden an der göttlichen Gerechtigkeit , rief Vittoria , wenn mir mehr auferlegt würde , als ich getragen habe . Nein , fügte sie hinzu und ihre Züge wurden weich und mild , Gott wußte , was mir fehlte . Hatte ich doch der Eltern- und der Geschwisterliebe ganz entbehrt , hatte er selber mich doch in das freudenleere , abgeblühte Leben meines Gatten verpflanzt ! Gott versagt der kleinsten Pflanze nicht den Sonnenstrahl , der sie erblühen und reifen macht , dem geringsten seiner Geschöpfe nicht die Nahrung , ohne die es nicht bestehen kann . Er hat auch mir in seiner Gnade meinen Sonnenstrahl gegönnt . Und wenn er ihn mir auch sehr bald , ach , so gar bald entzogen hat , so weiß ich es jetzt doch , daß ich einmal lebte , und ich kann weiter leben , so lange es mir beschieden ist . Ich habe meinen Sonnenstrahl gehabt . - O , rief sie , indem sie ihre Hände inbrünstig in einander schlug und ihre Augen zuversichtlich zum Himmel emporhob , o , ich würde Gott zu lästern glauben , ich würde irre werden an seiner Gerechtigkeit und seiner Liebe , wenn ich als Schuld erkennen müßte , was mein zugewiesen Theil , mein Recht gewesen ist ! Hüten Sie Sich , Hochwürden , mir diesen Glauben aufzudringen , Sie würden mich zur Gottesläugnung treiben ! Sie versank in ein Schweigen , und mit schmerzlichem Sinnen blickte der Caplan vor sich auf den Boden nieder . Vittoria fühlte sich in ihrem Gewissen frei , er aber fühlte sich gedemüthigt wie nie zuvor , denn er wurde irre an der Macht , welche des einen Menschen reines Wollen auf den anderen auszuüben vermag , er wurde irre an seiner Kraft und Befähigung für sein Amt , und zum ersten Male fragte er sich : welche Bedeutung seine Kirche , welche Bedeutung das Priesteramt in der Zukunft haben würden , haben könnten . Freilich war die katholische Kirche in Richten auferbaut worden , aber man hatte sich in der Erwartung getäuscht , eine Gemeinde für sie heranbilden und in dem protestantischen Lande neue Anhänger für die alte katholische Lehre gewinnen zu können . Das Verlangen nach prüfungsloser Hingabe an eine leitende Hand war in der Menschheit kein allgemeines mehr . Nur in vereinzelten Gemüthern war noch das Bedürfniß rege , sich dem bestimmenden Willen einer Kirche zu unterwerfen , in ihrem Priester die Verkörperung des eigenen Gewissens zu verehren , in ihm einen Mittler zwischen sich und dem Himmel zu besitzen . Die Aufklärung , welche die Schriftsteller des achtzehnten Jahrhunderts vorbereitet hatten , wirkte in immer weiteren Kreisen nach , und die Verbindung , welche das Oberhaupt der katholischen Kirche mit dem aus dem Volke emporgestiegenen französischen Kaiser um der Selbsterhaltung willen eingehen müssen , hatte die päpstliche Krone ihres Anspruchs auf einen überirdischen Ursprung beraubt . Wie der Adel , so mußte auch die Kirche sich jetzt bereits an die Throne lehnen , deren Vertheilerin sie einst gewesen war , denn auch die Kirche , darüber hatte der Caplan sich nie verblenden können , hatte ihre freie , unangefochtene Herrschaft durch die Revolution und die ihr folgenden Jahrzehnde der napoleonischen Tyrannei für immerdar eingebüßt . Man hatte in Frankreich Priester der katholischen Kirche sich von ihren alten Lehren und Gesetzen lossagen , neue Bekenntnisse verkünden , sie verlassen und die Abtrünnigen zu ihren ersten Lehrsätzen und Aemtern wieder zurückkehren sehen , und die Kirche hatte sie als Bereuende wieder in sich aufgenommen . Damit war die Revolution auch innerhalb der Kirche vollzogen worden , damit war das Amt des Priesters vor den Augen der Gläubigen seiner Unfehlbarkeit , seines göttlichen Ursprunges entkleidet worden . Der Priester war von seiner Höhe in die Reihen der irrenden Menschheit hinabgestiegen , er hatte sein Anrecht auf sein Mittleramt zwischen dem Höchsten und dem sündigen Menschen verscherzt . Nur ein persönliches Vertrauen konnte der Seelsorger , der Geistliche von seiner Gemeinde noch begehren , und dieses persönliche Vertrauen - der Caplan schlug voll Zerknirschung an seine Brust , und an seinen greisen Wimpern zitterte die Thräne - dieses persönliche Vertrauen verdiente er nicht mehr ; denn er hatte die Sünde nicht abzuwehren vermocht von denen , die ihm übergeben worden waren , und den Zweifel mächtig werden lassen in den Seelen , die er hätte hüten sollen . Er fühlte sich wie vernichtet , er sah auf sein ganzes langes Leben als auf ein verfehltes zurück , und aus