es , dünkt mich , ganz natürlich zu , daß der Umgang mit deinem Freund , Diogenes , in sehr kurzer Zeit tausend schlummernde Ideen in seiner Seele weckte ; daß die Harmonie der Vorstellungsart desselben mit seiner eigenen das Verlangen sich nie wieder von ihm zu trennen erzeugte , und die durch unmittelbaren Augenschein bewirkte Ueberzeugung , daß es keinen glücklichern Menschen gebe als den Diogenes , und daß er zufriedener mit seinem Loose sey als zehntausend vermeinte Glückliche mit dem ihrigen , seinem Beispiel einen unwiderstehlichen Reiz zur Nachfolge gab . Ich denke du wirst dieß desto begreiflicher finden , Antipater , da du noch nicht vergessen haben kannst , wie wenig ehemals daran fehlte , daß du selbst den Cynischen Mantel und Schnappsack übergeworfen hättest , wenn nicht , glücklicher Weise für dich , der Genius Aristipps den Reizungen der zuthulichen Nymphe Penia , unsrer Schutzgöttin , das Gegengewicht gehalten hätte . Denn nicht alles , was dem einen gut ja sogar das Beste ist , ist es darum auch dem andern ; und ich bin ziemlich gewiß , daß unsre Lebensweise , sobald der Ehrenpunkt , nicht in Widerspruch mit dir selbst zu gerathen , jede andere unmöglich gemacht hätte , dir nicht halb so wohl bekommen wäre als meinem Thebaner - wiewohl es ein launisches Ding um den Menschen ist , daß ich mich nicht dafür verbürgen möchte , daß Krates selbst , wie glücklich er sich gegenwärtig auch in seinem neuen Götterleben fühlt , auf immer vor allen Anwandlungen der Nachreue sicher sey . Ich bin mit deinem Freund Aristipp , wie in vielem andern , auch darin einverstanden , daß jeder Mensch , sobald er Verstand genug hat eine Philosophie , d.i. eine mit sich selbst übereinstimmende Lebensweisheit nach festen Grundsätzen , zu haben , in gewissem Sinn seine eigene hat . Das was den Unterschied macht , ist nicht die Richtung : wir gehen alle auf eben dasselbe Ziel los . Eudämonie ist der Preis , nach welchem wir ringen ; und wie gern der stolze Plato ( der , wenn ' s möglich wäre , gar nichts mit uns andern gemein haben möchte ) sich auch die Miene gäbe , als ob das übersinnliche Anschauen der formlosen Urwesen und die geistige Vereinigung mit dem Auto-Agathon , ohne alle andere Rücksicht das einzige Ziel seiner Bestrebungen sey , so soll er mich doch nicht bereden , daß sie es auch dann noch seyn würden , wenn er sich in diesen - geistigen oder phantastischen ? - Anschauungen nicht glücklicher fühlte als in jedem andern Genuß seiner selbst . Der Unterschied wird also in dem Wege und den Mitteln bestehen . Wir Cyniker z.B. wählen uns , mehr oder weniger freiwillig , den kürzesten Weg , unbekümmert daß er ziemlich rauh und steil ist und hier und da von Disteln und Dornhecken starrt . Aristipp wählte sich einen weitern , aber ungleich ebenern und anmuthigern Weg , nicht ohne Gefahr unversehens auf diesen oder jenen Abweg zu gerathen , der ihm das Wiedereinlenken in die rechte Bahn mehr oder minder schwer machen könnte . Andere haben sich zwischen diesen beiden , oft ziemlich weit aus einander laufenden Wegen , mehrere Mittelstraßen gebahnt . Plato nimmt den seinigen sogar , wie Ikarus , durch die Wolken ; unläugbar der sanfteste und nächste , wenn es nicht der gefährlichste wäre . Noch verschiedener sind die Mittel , wodurch jeder auf seinem Wege sich zu erhalten und zu fördern sucht . Tausend innere und äußere , zufällige und persönliche Umstände , Temperament , Erziehung , geheime Neigungen , Verhältnisse , kurz das Zusammenwirken einer Menge von mehr oder minder offen liegenden oder verborgenen Einflüssen auf Verstand und Willen , ist die Ursache der verschiedenen Gestalten und Farben ( wenn ich so sagen kann ) worin sich eben dieselbe Lebensweisheit ( ich erkenne keine Philosophie die nicht Ausübung ist ) im Leben einzelner Personen darstellt , und worin eben das Eigenthümliche derselben besteht . Denn , wie gesagt , im Hauptzweck , und selbst in solchen Mitteln , welche , als zu jenem unentbehrlich , selbst wieder zu Endzwecken werden , stimmen alle überein . Von dieser Art ist z.B. die Befreiung der Seele von Wahn und Leidenschaft , ohne welche schlechterdings keine Eudämonie denkbar ist . Alle Philosophen , von Thales und Pythagoras an , bekennen sich zu diesem Grundsatz : aber wie weit gehen sie wieder aus einander , sobald es zur Anwendung kommt ! Wir können von den Wahnbegriffen , Phantomen und Vorurtheilen , die unsern Verstand benebeln und irre führen , nur durch die Wahrheit frei werden . Aber was ist Wahrheit ? Der eine behauptet die Ungewißheit aller Erkenntniß ; ein anderer erklärt alle sinnlichen Anschauungen und Gefühle für Täuschung und Betrug und sucht die Wahrheit in einer übersinnlichen Ideenwelt ; ein dritter läßt im Gegentheil keine Erkenntniß für zuverlässig gelten , die uns nicht durch die Sinne zugeführt und durch die Erfahrung bestätiget wird , u.s.w. Eben so ist es mit der Befreiung von der Herrschaft der Triebe und Leidenschaften . Der eine will alle Begierden an die Kette gelegt , und den Leidenschaften alle Nahrung entzogen wissen ; ein anderer läßt nur die reinen Naturtriebe gelten , und verwirft alle durch Verfeinerung und Kunst erzeugten Neigungen ; ein dritter will die natürlichen Triebe und Leidenschaften weder ausgerottet noch gefesselt , sondern bloß gemildert , verschönert , und durch die Musenkünste mit Hülfe der Philosophie in die möglichste Harmonie und Eintracht gesetzt sehen . Alle diese Verschiedenheiten sind in der Ordnung , so lange die Leute keine Secten stiften wollen . Jeder hat für seine eigene Person Recht ; aber sobald sie mit einander hadern , und sich um den ausschließlichen Besitz der Wahrheit , wie Hunde um einen fetten Knochen , herum beißen , dann haben sie alle Unrecht ; - und in diesem einzigen Punkt wenigstens ist Diogenes , der mit niemand um Meinungen hadert , vollkommen gewiß daß