Madame Braunbiegler hielt , war nichts Gefährliches passirt , als daß eine Scheibe im Kutschenschlage - wahrscheinlich durch einen zufälligen Ellenbogenstoß - entzwei gegangen war . Auch hatte sich seltsamer Weise ein Fußgänger , nach einer Verständigung mit dem Kutscher , zu ihm auf den Bock gesetzt . Dieser war , schneller als der Kutscher herab gesprungen , und bereits verschwunden , als letzterer sich langsam herunter machte , um , in Ermangelung eines Bedienten , den Wagen zu öffnen . Ehe das geschah , hatte sich aber die Wagenthür gegenüber schon von selbst geöffnet und der Rittmeister war nach einem langen zärtlichen Kuß auf die Hand der Baronin entschlüpft . Die Eitelbach war nie so langsam als heute die Treppe zu einer Gesellschaft hinaufgestiegen . Auch im Vorzimmer hatte sie noch so viel mit ihrer Toilette zu thun . Ein Glück , daß die große Gesellschaft , welche sich noch spät bei der Braunbiegler versammelt , mit andern Dingen beschäftigt war , um auf ihre Verlegenheit Acht geben zu können . Diese Verlegenheit hätte sich eigentlich noch um ein Bedeutendes steigern müssen , als die Wirthin ihr mit dem Bedauern entgegen kam , daß sie ihre Hand an der Fensterscheibe verwundet habe , sie hoffe , es werde doch nicht üble Folgen haben . Die Wirthin hatte nicht Zeit , ihr Erröthen zu bemerken , sie hatte überhaupt in dem Gewirr nicht Zeit für einen einzelnen Gast . Auch Andere , die an ihr vorüber streiften , beklagten die schöne Hand . » Es wird aber gewiß nichts auf sich haben . « Wusste denn Jeder nicht nur die Thatsache , sondern schon das Märchen , was sie sich künstlich zurecht gelegt , um die Wahrheit verbergen zu dürfen ? - Von wem hatten sie ' s erfahren ? - Gott sei Dank , daß sie wenigstens das nicht gehört , von dem nichts wussten , was - es war das erste Geheimniß , was sie unter ihrer pochenden Brust verbarg . Die Brust blutete vielleicht heftiger als die Hand . In solchen Stimmungen kann eine große Gesellschaft , wo Keiner Zeit und Raum hat , auf den Andern Acht zu geben , zur Wohlthat für ein geängstetes Gemüth werden . Ein Hofmann hätte es eine gemischte genannt , sie bestand mehr aus den Optimaten des Reichthums als der Geburt . Der Reichthum hing von den Decken als Kronenleuchter , Armleuchter , Festons , Seiden- und Damastgardinen ; er lastete in den Aufsätzen der Nischen und Ecktische , in den Teppichen auf dem Boden , vor allem auf und an der Wirthin . Zum Schildern ist nicht mehr Zeit . Die Juwelen , Ketten , Ringe , Aufsätze , die Madame Braunbiegler vom Wirbel bis zum Gürtel , von den Schultern bis zu den Fingerspitzen trug , waren in Berlin sprichwörtlich . Reichthum , überall , wohin man sah , nicht ausgebreitet , sondern aufgeschichtet , lastend , prahlerisch , ohne Geschmack . In solchen Kreisen pflegt die Unterhaltung der Lebendigen , der Hauch , der über eine Gesellschaft hinfliegen soll , den Widerschein und Abdruck des Apparates anzunehmen . Der Patriotismus hier war anderer Schattirung als der , welcher den Scheiben des französischen Gesandten gedroht . Das große Ereigniß , welches die Straßen , die höheren Kreise heut Abend in Bewegung versetzt , die diplomatischen in Entsetzen , hatte weniger Wirkung hervorgebracht . Man betrachtete den Krieg als etwas Ausgemachtes , Nothwendiges , die Dehors desselben kümmerten die Anwesenden weniger . Nur die jüngern Leute versuchten in einer Nebenstube am Klavier die sechs neuen eben erschienenen Kriegslieder , komponirt von Helwig , zu singen . Allgemeinsten Beifall erntete aber das Kriegslied der Preußen von Karl Müchler , komponirt von Mappes : » Endlich tönt der Ruf der Lust ! « Aber es war ein anderer , näher liegender Gegenstand , der die praktischen Leute beschäftigte . Gestern war eine Frage entschieden , die schon Wochen lang die Gemüther beschäftigt hatte : ob die Infanteristen Mäntel haben müssten ? Es war eine Frage gewesen , so wichtig , so ernst behandelt und so lebhaft als irgend eine , welche zuweilen als Riesenschlange durch alle Gesellschaften in Berlin , von den Spitzen der Thürme bis in die Winkel der Kellerwohnungen sich gewunden und dort ihre Streiter gefunden hat . Fragen wie die , ob das neue Jahrhundert um Mitternacht zu 1800 oder zu 1801 gefeiert werden müsse , ob Fleck oder Iffland ein größerer Schauspieler , Friedrich oder Napoleon ein größerer Feldherr gewesen ? Es war eine ungeheure Neuerung , das gestand sich Jeder , Vielen schien sie gefährlich , weil den Franzosen nachgebildet . Ja , ein Husar , ohne Mantel gedacht , war kein Husar mehr ; aber was blieb er noch , wenn auch Musketiere , Füsiliere , Grenadiere Mäntel erhielten ! Der Unterschied von Kavallerie und Infanterie schien über den Haufen geworfen , ein so unübersehbarer Eingriff in die bestehende Ordnung , als heute Vielen eine Gemeindeordnung bedünkt , die den Unterschied von Stadt und Land aufhebt . Friedrich hatte mit einer Infanterie ohne Mäntel gesiegt , er musste doch wissen , warum es so besser war . Ein guter Soldat muß nicht frieren , wenn sein König befiehlt , daß er warm ist . Aber die Neuerer hatten eingewandt , daß auch der Infanterist ein Mensch ist , und daß jeder Mensch friert , wenn es kalt ist , daß der Regen den einen durchnässt wie den andern , daß der Krieg seit Friedrich eine andere Façon angenommen , daß Napoleon die Winterkantonirungen nicht mehr respektire , daß er seine Feinde zu Winterfeldzügen nöthigte . Die Mäntelpartei hatte gesiegt . Gestern hatte ein Erlaß der Geheimen Ober-Finanz- , Kriegs- und Domainen-Direktion das Publikum davon avertirt : wie Seine Majestät , der König , schon längst darauf Bedacht genommen , daß der Soldat im Kriege nicht frieren dürfe , und wie es Seiner Majestät Wunsch sei , daß alle seine braven Krieger eine wärmere Winterkleidung erhielten