Sie ihn zeichnen und stören Sie ihn nicht , so lange er kein Unrecht thut . Es verlangt ja jede Kraft nach ihrer Uebung , und eine Kraft wohnt diesem Kinde inne . - Komm , mein Sohn , sprach er , indem er ihn bei der Hand nahm und mit sich fortführte , und die flüchtige Abneigung , die er gegen Valerio empfunden hatte , wich der Liebe , mit welcher der fromme Greis jetzt den längst geahnten göttlichen Funken einer künstlerischen Begabung in dem Kinde unverkennbar wahrnahm . Komm , mein Sohn , wiederholte er , Du sollst andere Bilder nachzumalen haben , komm . Dann zu sich selbst und in sich hineinsprechend , sagte er : Wie wenig auch aufgegangen ist von den Saaten , die ich streute , ich will des Säens und des Jätens doch nicht müde werden , damit ich vor Ihm bestehen kann , der mir so lange Zeit zur Arbeit gönnt . Komm , mein liebes Kind ! Valerio verstand weder die Rührung des Geistlichen , noch den Sinn seiner Worte , aber ihr freundlicher Ton that ihm wohl , und sich an ihn schmiegend , folgte er dem Caplan willig , der ihn aus dem Ahnensaale in das Freie hinausgeleitete , während er selber sich nach dem Arbeitszimmer des Freiherrn verfügte , in welchem er zur Eröffnung des freiherrlichen Testaments erwartet wurde . Der Freiherr hatte nämlich bald nach seiner Verheirathung mit Vittoria durch seinen Justitiarius seinen letzten Willen aufsetzen lassen und das Dokument in dessen Hände niedergelegt . Indeß ein paar Wochen vor seinem Tode hatte er es zurückgefordert , es im Beisein des Justitiarius vernichtet und demselben ein neues , ganz von des Freiherrn eigener Hand geschriebenes Testament zur Aufbewahrung in dem Archive übergeben . Die Aufschrift bestimmte , daß es noch an seinem Begräbnißtage in Gegenwart der Freifrau Vittoria von dem Hauscaplan und dem Justitiarius eröffnet werden und , falls der Freiherr Renatus von Arten-Richten nicht im Schlosse anwesend sei , demselben eine Abschrift des Testaments sofort zugesendet werden sollte . Der Justitiarius war schon vor dem Caplan im Schlosse eingetroffen . Als der Letztere in das Arbeitszimmer des verstorbenen Freiherrn trat , fand er jenen bereits dort warten , und auf eine Benachrichtigung gesellte die verwittwete Freifrau sich zu ihnen . Es war mit Vittoria in den letzten Wochen eine große Veränderung vorgegangen , eine Veränderung , welche heute selbst den beiden Männern auffiel , die sie doch eben jetzt zum Oefteren gesehen hatten . Sie erschien ihnen älter , aber noch schöner , als sonst . Die langen , schleppenden Trauerkleider machten sie größer aussehen , ihre Züge , welche bisher meist einen weichen , spielenden Ausdruck zur Schau getragen hatten , zeigten sich stolz zusammengefaßt ; man meinte ihr anzumerken , daß sie auf einen Urtheilsspruch gefaßt sei , dem sie Stand zu halten denke . Als ob sie sich vor einer großen Versammlung darzustellen habe , so gemessen trat sie in das Zimmer , ließ sich ohne ein Wort zu sprechen auf dem Sopha nieder und forderte den Justitiarius nur mit einer Bewegung des Hauptes und der Hand zur Entsiegelung des Testamentes auf . Der Freiherr hatte dasselbe in Form eines Briefes an seinen Sohn Renatus gerichtet . Mit einer Umsicht , welche er , wie er sich ausdrückte , leider zu spät gewonnen habe , setzte er dem Sohne die Vermögensverhältnisse auseinander und ermahnte ihn , alle seine Kraft zu ihrer Hebung aufzuwenden und , wie der Freiherr es gethan , seine Ehre in der Aufrechterhaltung ihres alten Namens und Ansehens zu suchen . Von Valerio , von Vittoria war in dem ganzen Testamente bis zu dem letzten Abschnitte keine Rede , und in diesem hieß es : » Wenn die Baronin Vittoria von Arten mich überlebt , so sollen ihr die Zinsen von dem ihr gebührenden Pflichtantheile an meinem Vermögen durch Dich , meinen Sohn , den Freiherrn Renatus von Arten-Richten , in regelmäßigen Zahlungen zugewendet werden . Es soll ihr auch , falls es mit Deinen Wünschen und Absichten in Uebereinstimmung ist , der dauernde Aufenthalt in unserem Schlosse zu Richten nicht versagt werden , wenn sie es nicht ihrer Lage angemessener findet , in das Kloster zurückzukehren , in dem sie ihre erste Jugendzeit verlebte , um dort in Sammlung und in Einsamkeit für ihr Seelenheil zu sorgen . In jedem Falle aber wirst Du , mein Sohn , über die Erziehung ihres Sohnes Valerio zu wachen haben damit er dem Namen , den er führt , damit er unserem Namen keine Schande mache . Doch verpflichte ich Dich zu keiner Sorge für ihn , welche über die Zeit seiner Großjährigkeit hinausgeht , und vielleicht würde es auch für ihn das Entsprechendste sein , ihm in einem der oberitalienischen Klöster , in welchen die Giustiniani ' sche Familie noch von Einfluß ist , seine Bildung geben zu lassen , um ihm , dem Vermögenslosen , die Neigung für eine Laufbahn in dem Dienste der Kirche einzuflößen . - Wenn , was ich jedoch nicht erwarte , die Baronin Vittoria sich mit diesen meinen Anordnungen nicht einverstanden erklären und etwa für sich oder für ihren Sohn mehr beanspruchen sollte , als mein Wille ihnen zuerkennt , so ermächtige ich Dich , die Papiere , welche diesem Testamente beigefügt sind , zu eröffnen und von denselben gegen die Verlangnisse der Baronin den gebotenen Gebrauch zu machen . Im andern Falle sollen die Papiere uneröffnet und in ihrem Beisein sofort vernichtet werden . « Das Testament schloß danach mit einem Segenswunsche für den Sohn und für das Fortbestehen des Geschlechtes . Die Baronin hatte während der Verlesung des Schriftstückes keine Miene verändert ; aber sie war sehr blaß geworden , und es vergingen ein paar Minuten , ehe sie sich zum Sprechen sammeln konnte . Dann schien sie ihren Entschluß gefaßt zu haben , denn sie sagte mit Ruhe und Sicherheit : Melden Sie dem Freiherrn Renatus , meinem Stiefsohne , daß ich