Meisters Antisthenes und Plato sich an die Spitze dessen , was man jetzt die Sokratische Schule zu nennen anfing , stellten , und die Stifter zweier Secten wurden , welche , ihrer Verschiedenheit in andern Stücken ungeachtet , darin übereinkamen , daß sie gewisse Sokratische Grundbegriffe und Maximen weit über den Sinn des Meisters und bis auf die äußerste Spitze trieben : so mußte nun , wie Aristipp von seinen langen Wanderungen nach Athen zurückkam und ebenfalls eine Art von Sokratischer Schule eröffnete , nothwendig eine öffentliche Trennung erfolgen , wobei die Pflichten der Gerechtigkeit und Anständigkeit , wenigstens auf Einer Seite , ziemlich ins Gedränge kamen . Beide , Plato und Antisthenes , sprachen von allen Vergnügungen , woran der Körper Antheil nimmt , mit der tiefsten Verachtung : dieser , weil er » nichts bedürfen « für ein Vorrecht der Gottheit hielt , und also , nach ihm , der nächste Weg zur höchsten Vollkommenheit ist , sich , außer dem schlechterdings Unentbehrlichen , alles zu versagen was zum animalischen Leben gerechnet werden kann ; jener , weil er den Leib für den Kerker der Seele , und die Ertödtung aller sinnlichen Triebe für das kürzeste Mittel ansieht , das innere Leben des Geistes frei zu machen , und die Seele aus der Traumwelt wesenloser Erscheinungen zum unmittelbaren Anschauen des allein Wahren , der ewigen Ideen und des ursprünglichen Lichts , worin sie sichtbar werden , zu erheben . Aristipp , dem alles Uebertriebene , Angemaßte und über die Proportionen der menschlichen Natur Hinausschwellende lächerlich oder widrig ist , mochte sich , als er noch zu Athen lebte , bei Gelegenheit erlaubt haben , über diese philosophischen Solöcismen45 seiner ehemaligen Lehrgenossen in einem Tone zu scherzen , den der sauertöpfische Antisthenes so wenig als der feierliche Plato leiden konnte . Beide rächten sich ( jeder seinem Charakter gemäß , jener gallicht und plump , dieser fein und kaltblütig ) durch die Verachtung , womit sie von dem Manne und seiner Lehre sprachen . Aristippen hieß die Sinnenlust eben sowohl ein Gut als irgend ein anderes ; er sah keinen Grund , warum er es über diesen Punkt nicht mit dem ganzen menschlichen Geschlecht halten sollte , welches stillschweigend übereingekommen ist , alles gut zu nennen , was dem Menschen wohl bekommt ; ja er war so weit gegangen , zu behaupten : auch das geistigste Vergnügen sey im Grunde sinnlich , und theile den Organen des Gefühls eine Art angenehmer Bewegung mit , deren Aehnlichkeit und Verwandtschaft mit andern körperlichen Wollüsten von jedem sich selbst genau beobachtenden nicht verkannt werden könne . Diese Sätze wurden , ohne daß man sich auf ihre Beweise und genauere Erörterung einließ , in der Akademie und im Cynosarges für übeltönend und antisokratisch erklärt ; und so erzeugte sich unvermerkt bei allen , denen Aristipp nicht besser als von bloßem Ansehen oder Hörensagen bekannt war , jene ungereimte Meinung , die ihm und seinen Freunden von den Anhängern der beiden Tyrannen , die sich damals in die Beherrschung der philosophischen Republik theilten , den Spitznamen Wollüstler ( Hedoniker ) zugezogen haben . Das Mißverständniß wäre leicht zu heben gewesen , oder würde vielmehr gar nicht stattgefunden haben , wenn jene Herren nicht so einseitig und steifsinnig wären , ihre persönliche Vorstellungsart zum allgemeinen Kanon der Wahrheit zu machen . Die meisten Fehden über solche Dinge hörten von selbst auf , wenn die verschieden Redenden vor allen Dingen gelassen untersuchen wollten , ob sie auch wirklich verschieden denken ; und in zehn Fällen gegen einen würde sogleich Friede unter den Kämpfern werden , wenn sie anstatt um Worte zu fechten und in der Hitze der Rechthaberei sich selbst immer ärger zu verwickeln , die Begriffe kaltblütig auseinander setzen und , so weit es angeht , in ihre einfachsten Elemente auflösen wollten . Daher kommt es ohne Zweifel , daß Aristipp in solchen Fällen immer das allgemeine Wahrheitsgefühl der Zuhörer auf einer Seite hat . Wie stark auch das gegen ihn gefaßte Vorurtheil bei einer sonst unbefangenen Person seyn mag , sobald er sich erklärt hat , wird man entweder seiner Meinung , oder sieht , daß man es bereits gewesen war und sich die Sache nur nicht deutlich genug gemacht hatte ; oder man begreift wenigstens , wenn man gleich selbst nicht völlig überzeugt ist , wie es zugeht , daß andere verständige Leute seiner Meinung seyn können . Mit Plato und Antisthenes hat es nun freilich eine andere Bewandtniß . Ihre Philosophie ist von Aristipps zu sehr verschieden , um eine Vereinigung zuzulassen . Die seinige begnügt sich menschliche Thiere zu Menschen zu bilden - was jenen zu wenig ist ; die ihrige vermißt sich Menschen zu Göttern umzuschaffen , was ihm zu viel scheint . Sie gehen von Begriffen und Grundsätzen aus , die mit den seinigen in offenbarem Widerspruch stehen . Die Fehde zwischen ihnen kann also nur durch eine Unterwerfung aufhören , zu welcher wohl keine von den streitenden Mächten sich je verstehen wird . Ich verlange aber auch für meinen Lehrer und Freund sonst nichts von ihnen , als nur nicht unbilliger gegen ihn zu seyn , als er gegen sie ist . Mögen sie doch sein System mit stolzem Naserümpfen verhöhnen , oder mit gerunzelter Stirne verdammen ! Nur verfälschen sollen sie es nicht . Uebrigens ist bekannt genug , oder könnt ' es wenigstens seyn , daß Aristipp nie eine eigene philosophische Secte zu stiften begehrt , und so wenig als Xenophon oder Sokrates selbst , seine Lebensweisheit jemals schulmäßig gelehrt hat . Denn daß er vor vielen Jahren , während seines letzten Aufenthalts in Athen , die Philosophie des Sokrates einigen Liebhabern , die sich schlechterdings nicht abweisen lassen wollten , zu großem Aergerniß der übrigen Sokratiker , um baare Bezahlung , unverändert und ohne etwas von dem Seinigen hinzuzuthun , vorgetragen , gehört nicht hierher . Er that damit nichts anders , als was ein Maler thut , wenn er eine mit allem Fleiß gearbeitete