hatte das Leben wie eine lachende Ebene sich in unendlicher Ferne ausgebreitet und ihnen Raum zu bieten geschienen für die kühnsten Hoffnungen , für den stolzesten Ehrgeiz . Nun waren sie alle dahin , die Eltern des Freiherrn und Fräulein Esther , die den jungen Geistlichen damals so vornehm freundlich willkommen geheißen hatte , der Freiherr und seine Schwester Amanda und die schöne Baronin Angelika . Sie alle hatte der Caplan zu Grabe geleitet , er war der einzig Uebrige von dem ganzen damaligen Geschlechte , und was hatte sich verwirklicht und erhalten von dem schönen und zuversichtlichen Erwarten und Wollen jener Jugendzeit ? Es stand noch da , das Schloß , aber die Selbstherrlichkeit seiner Bewohner war nicht mehr die alte . Die Zeit hatte sich gewandelt . Die Anerkennung der Menschenrechte , welche der Leibeigenschaft nothwendig früher oder später überall ein Ende machen mußte , hatte ihre Wirkung gegen die Vorrechte des Adels lange schon geübt . Er hatte manche derselben eingebüßt , er war in seinem Besitze angegriffen , seiner Reichsunmittelbarkeit , wo eine solche vorhanden gewesen war , fast überall beraubt , und wie er einerseits hauptsächlich noch durch den Glauben an sich selbst bestand , so mußte er sich stärker als zuvor an den Thron zu lehnen suchen , zu dessen vermeintlicher Stütze er sich machte , um sich mit jenem gemeinsam zu erhalten . Er mußte der Diener der Monarchen werden , weil er aufgehört hatte , der Herr seiner eigenen Leute und Unterthanen zu sein . Die Zeit seiner Freiheit , seiner Herrschaft war vorüber - und es verhielt sich nicht viel anders mit der Kirche . In seine ernsten Betrachtungen vertieft , betrat der Geistliche die Eingangshalle des Schlosses und schritt nach dem Ahnensaale , in welchem die Leiche des Freiherrn , der alten Familiensitte gemäß , aufgestellt gewesen war . Die Bilder sahen unter ihren Verzierungen von schwarzem Flor , die man in Trauerzeiten darüber anzubringen gewohnt war , schwermüthig auf den leeren Katafalk hernieder . Alle Thüren nach der Terrasse waren geöffnet , die Gärtnerburschen trugen die Pflanzen hinaus , welche man bei der feierlichen Ausschmückung des Saales verwendet hatte . Jeder war mit seiner Arbeit beschäftigt , man räumte emsig die Erinnerung an ein Menschendasein fort , das noch vor Kurzem , das so lange Jahre hindurch als bewegender Mittelpunkt alles Lebens in diesen Räumen gewaltet hatte ! - Mit einem Seufzer wollte der Caplan das Gemach verlassen , als er in einer Ecke desselben Valerio gewahrte . Die Schönheit des Knaben fiel ihm selbst in diesem Augenblicke wieder überraschend auf . Er saß in einem der alten Prachtsessel von vergoldetem Leder , hatte beide Füße auf den Stuhl gezogen , ein kleines Brett , das dem Sarge irgendwie zur Unterlage gedient haben mochte , gegen die Kniee gestützt und zeichnete , wie es seine Art war , ein Liedchen summend , mit einem Bleistifte auf das Holz . Was machst Du hier ? fragte ihn der Geistliche , indem er näher an ihn herantrat . Valerio hob den Kopf empor . Er hatte die Augen seiner Mutter , aber nicht ihren ernsten Blick . Eine Fülle von Lebenslust war über sein ganzes Antlitz ausgegossen ; seine vollen Lippen , seine offene Stirn waren der Sitz einer fortwährenden Heiterkeit . Die schwarzen Kleider , die man ihm angelegt hatte , bildeten für ihn nur einen Hintergrund , auf dem seine blühenden Farben sich noch glänzender hervorhoben . Was machst Du hier ? fragte der Caplan ihn noch einmal , da Valerio ihn anschaute , ohne ihm zu antworten . Sie sehen ' s ja , Hochwürden , ich zeichne mir die Ahnen ab ! Und das mußt Du gerade heute thun ? warf der Caplan , der sich bei dem Anblicke dieses fröhlichen Knaben einer schmerzlichen Empfindung nicht entziehen konnte , ihm tadelnd ein . Freilich , der Saal ist ja sonst stets zugeschlossen ! antwortete der Knabe gleichmüthig , während er seinen Bleistift wieder in Bewegung setzte . Er war schon gestern und vorgestern , als der gnädige Herr noch hier standen , gar nicht aus dem Saale fortzubringen , sagte der inzwischen herbeigekommene Diener . Der Junker ist kein Kind , wie andere Kinder . Nicht Eine Thräne hat er um den seligen gnädigen Herrn geweint . Wenn der Junker nur fingen und zeichnen kann , so kümmert ihn nichts weiter . Valerio hatte das alles mit angehört , ohne sich in seiner Arbeit stören zu lassen . Mit Einem Male sah er den Caplan mit seinen großen Augen zutraulich an und sagte : Hochwürden , wenn ich groß bin , werde ich den Vater malen , damit er auch ein Ahne wird ! Ich übe mich schon ein ! Sehen Sie , so werde ich ihn malen ! Er hielt dem Caplan die kleine Tafel hin ; das Bild des ersten Freiherrn war auf derselben von dem Knaben ähnlich genug abgezeichnet worden und , die Tafel umwendend , erblickte der Greis eine unverkennbare Darstellung des Katafalks mit den ihn umgebenden Leuchtern , Blumen und sonstigen Verzierungen . Valerio hing aufmerksam an dem Gesichte des Beschauers . Ist ' s so richtig ? fragte er gespannt . Der Caplan nannte es gut genug , und Valerio sagte : Ich hätte auch die Mutter gern gezeichnet , wie sie da stand und am Sarge weinte ! Es sah schön bei den Lichtern aus ! Aber sie blieb nicht stehen , und wie sie fortgegangen war , brachte ich es nicht heraus ! Da hören Sie es , Hochwürden ! rief der Diener , den Junker , den rührt nichts ! Er hat nur seine Spielerei im Sinne ! Da war der Freiherr Renatus doch ein anderes Kind ! Lassen Sie den Knaben gehen , bedeutete der Geistliche den treuen Diener ; Gott hat die Menschen nicht alle gleich gemacht , und wer will es sagen , was er mit diesem Kinde und mit dessen Zukunft vorhat . Lassen