gerade nicht im Theater , aber einer von denen , die man in die Stadt gesandt hatte , traf nicht weit vom Theatergebäude zufälligerweise auf den Doktor Erichsen , der mit seinem Bruder im Begriffe war nach Hause zu gehen . Der Kreis theilte sich , als der Arzt die Stufen hinabstieg , und Todtenstille herrschte rings umher , als er den Kopf des leblosen Mädchens langsam aufrichtete , Hände und Arme befühlte und ihr in das halbgebrochene Auge schaute . Kein Laut wurde ringsum hörbar , ja alle hielten den Athem an und jedes Auge blickte auf den Arzt . - Als dieser nun leicht den Kopf schüttelte , die Achseln zuckte und mit ernster Miene dem Intendanten , der hinter ihm stand , einige Worte zuflüsterte , sahen wohl Alle , daß wenig oder gar keine Hoffnung sei . Die Tänzerinnen , die sich bis jetzt zurückgehalten , stürzten nun von allen Seiten laut weinend neben Marie nieder , küßten ihr die Hände , die aufgegangenen schwarzen Haarflechten , und ein paar steckten eifrig die Granatblüthen zu sich , die ihrem Haar entfallen waren . » Aber wie ist denn das Unglück gekommen ? « rief der Intendant , indem er bewegt seine Hände zusammen preßte . » Wer war unten bei dem Tau ? « Die ihn Umgebenden traten bei diesen Worten scheu vor dem jungen Zimmermann auf die Seite und Richard stand einen Augenblick allein , das Gesicht mit Todtesblässe bedeckt , die bläulichen Lippen halb geöffnet , die Augen starr aufgerissen . » Ich bin es , der das gethan , « sagte er nach einer Pause mit tiefem Athemzuge . - Darauf wurde sein Blick plötzlich unsicher , gläsern , seine Hände griffen um sich , als wollten sie irgend etwas erfassen ; seine Kniee knickten ein , und wenn nicht einige der Zimmerleute ihm beigesprungen wären und ihn gehalten hätten , so wäre er zu Boden gestürzt . So aber ließen ihn seine Kameraden langsam niedersinken , und legten ihm seinen Kopf auf eine der Treppenstufen . Doktor Erichsen verordnete nun , man solle das unglückliche Mädchen aufheben , und dann in einem Tragkorb in ihre Wohnung bringen . Er schrieb sich Nummer und Straße derselben auf und entfernte sich mit Arthur . Daß Letzterer Gelegenheit fand , der erschreckten Clara ein freundlich tröstendes Wort zuzuflüstern , brauchen wir dem geneigten Leser eigentlich nicht zu sagen . Man hob Marie auf , brachte sie sorgfältig auf die Bühne , und vier der Zimmerleute trugen den Körper des unglücklichen Mädchens in ihre Wohnung . Therese , entschlossen , wie sie immer war , hatte sich in der Eile nothdürftig angekleidet , einen warmen Mantel über das leichte Nymphenkleid geworfen und begleitete die arme Marie . Unterwegs hatte sie ihre herabhängenden Hände gefaßt , und wenn sie dieselben küßte , was oft geschah , so fielen ihre Thränen auf die erkalteten Finger . Das sah aber Niemand , als die Tausende von Sternen , die an dem klaren Himmel glänzten . Richard hatte sich langsam wieder erholt , Schwindelmann war bei ihm geblieben , hatte ihm seine Jacke aufgeknöpft und kaltes Wasser in das Gesicht gespritzt . - » Ist sie fort ? « fragte er , als er die Augen aufschlug ; » aber nicht wahr , Schwindelmann , sie lebt noch ? « Der Theaterdiener nickte mit dem Kopfe und dazu zuckten seine Augenlider . Seine alten Augen waren es seit lange nicht mehr gewohnt , von Thränen angefeuchtet zu werden . - » Ja , « antwortete er , » sie lebt noch ; aber sage mir , Richard , - « » Was denn ? « » Aber weißt du , Richard , du mußt dich nicht scheuen , es uns zu gestehen , - nicht wahr , die Marie war dein Schatz ? « » Sie war es , « sagte der junge Zimmermann mit bebenden Lippen , » und sollte sie sterben , dann bleibt sie es auch , dann lebt sie für mich fort ; sollte sie aber wieder frisch und gesund werden und leben bleiben , dann ist sie für mich gestorben . « - » Amen ! « sagte der Theaterdiener mit unsicherer Stimme . Darauf stiegen Beide langsam die Treppe hinauf , die zur Bühne führt , und nach all ' dem , was vorgefallen , war es unheimlich still unter dem Podium . Siebenundsechzigstes Kapitel . Im Fuchsbau . Im Fuchsbau war es in letzter Zeit ziemlich still und geräuschlos hergegangen ; Fremde gab es gar keine , und die Stammgäste waren auswärts so beschäftigt gewesen , daß sie nicht Zeit oder Lust hatten , sich hier häufig zusammen zu finden . Ueberhaupt war die Schenkstube nur belebt , wenn es nicht viel zu thun gab , mit andern Worten , wenn nicht viel Geld vorräthig war ; dann wurde hier in Erwartung besserer Zeiten auf Kredit gelebt . Klimperte aber Silber und Gold in den Taschen , so zog man es vor , andere Kneipen aufzusuchen , nicht weil dort der Wein besser war , sondern weil man unbeobachtet sein konnte , was im Fuchsbau nicht so ganz der Fall war . Da hatten die Wände der Schenkstube Ohren und die alte Pförtnerin scharfe Augen ; es schwebte selbst für diese harten Gemüther etwas Drückendes , durch die Räume , und wenn der Klang einer gewissen Klingel erscholl , so waren Wenige , die ihr Glas an die Lippen brachten , selbst wenn sie die Hand dazu schon erhoben hatten . Auch heute Abend war die Klingel ertönt ; da aber außer der Kellnerin sonst keine menschliche Seele im Zimmer war , so hatte sie nur auf diese ihre Wirkung ausgeübt . So hurtig es ihr die alten Beine erlaubten , war sie aufgesprungen , hatte nachgeschaut , ob die Drähte der Klingelzüge auch wirklich unverwirrt neben einander hingen , sie war auf einen Stuhl gestiegen und hatte ein kleines Kästchen betrachtet ,