Wer kann es sagen , ob diese weißen Rosen , die Sie hier mit stillem Sinne pflanzten , mit stiller Liebe pflegen , Ihnen nicht mehr Befriedigung gewähren und länger dauern , als alles , was ich zu meines Hauses Ehre plante , hoffte und erschuf ! Die Lippen bebten ihm , seine Stimme zitterte leise , als er , diese Worte sprechend , von dem Baumstamme aufstand . Der Caplan war nicht weniger niedergeschlagen , als sein Freund . Der Trost , mit welchem sein gläubiger Sinn und sein gottvertrauendes Herz sich aufrecht hielten , war für den Freiherrn nicht vorhanden , denn er war keine religiöse Natur und sein Verhältniß zu der Kirche und zu ihren Lehren war immer nur ein äußerliches gewesen . Nur in Stunden höchster Rathlosigkeit hatte er sich ihr und seinem Beichtiger und Freunde in die Arme geworfen , und sein Zustand war in diesem Augenblicke von der Art , daß der Caplan vor allen Dingen daran denken mußte , ihm körperliche Hülfe zu leisten . Denn als der Freiherr sich erhoben hatte , schien ein Schwindel ihn zu befallen . Er schloß die Augen , griff mit der Hand tastend nach des Freundes Arm und sagte , während dieser ihn umschlang , um ihn zu unterstützen : Rufen Sie Jemanden herbei , ich befinde mich sehr übel ! Aber der Ruf des erschrockenen Greises verhallte ungehört . Die Feierstunde war angebrochen , die Handwerker hatten ihre Arbeit bereits verlassen , die Leute waren schon vom Felde nach ihren Wohnungen zurückgekehrt . Der Caplan und der Freiherr waren auf dem Kirchhofe ganz allein , und unfähig , den Zusammenbrechenden mit seinen Armen aufrecht zu erhalten , ließ der Caplan ihn langsam zur Erde niedergleiten , daß er mit dem Rücken gegen das Standbild lehnte , welches einst Anlaß zu dem Tode der Kammerjungfer gegeben hatte . Mein Freund , mein theurer Freund ! rief der Caplan , indem er die Hände des mühsam Athmenden erfaßte und ihm die Halsbinde zu lösen versuchte . Aber der Freiherr antwortete dem Rufe nicht mehr . Sein Auge hob sich schwer und suchend zu der Kirche empor , als wolle er sich noch mit dem letzten Blicke an dem Denkmale halten , das er sich und seinem Geschlechte aufgerichtet hatte , dann streifte es an dem Antlitze des alten Freundes hin und senkte sich , um sich nicht wieder zu erheben . So schnell seine wankenden Füße ihn trugen , eilte der Caplan nach seinem Hause , Beistand herbeizuholen ; aber alle Mittel , die man anzuwenden wußte , erwiesen sich als unfruchtbar . Der Freiherr Franz von Arten-Richten hatte zu leben aufgehört . Einsam , auf grünem Rasen , unter freiem Himmel war das stolze , müde Herz gebrochen , während das Kreuz auf dem Kirchthurme im Golde des Sonnenunterganges flammte und über der Margarethen-Höhe leicht und fröhlich die hellen , rosigen Sommerwölkchen , im Lichte schimmernd , vorüberzogen . Auf die Nachricht von dem Unglücksfalle strömten aus allen Häusern die Leute herbei . Es hat ihn hieher gezogen ! sagte eine der Frauen . Es hat ihm schon lange keine Ruhe mehr gelassen ! meinte eine andere . Niemand klagte um ihn . Schrecken und Neugier , das waren die Empfindungen , mit denen sie die Leiche des Gutsherrn umstanden . Er war ihnen lange fremd geworden , sie hatten nicht mehr die Liebe zu ihm , wie ihre Eltern und Großeltern sie für die Herrschaft einst gefühlt hatten . Kein Auge weinte über ihn . Nur von den greisen Wimpern des Caplans tropften die Thränen nieder , als er das Zeichen des Kreuzes über dem Entseelten machte . Einst war er des Jünglings Führer auf dem Lebenswege gewesen , nun hatte er ihn auf seinem letzten Gange zu geleiten , und rückblickend auf das geendete Dasein seines Freundes , wie in sein eigenes Herz , betete er : Herr , gehe nicht ins Gericht mit uns und vergib uns unsere Schuld ! Der Justitiarius fuhr eilig in das Schloß , dort die Todesbotschaft zu verkünden . Es dunkelte schon , als man die Leiche des Freiherrn auf einer Bahre nach Richten trug , und leise verhallend riefen die letzten Klänge des Ave Maria auch dem Gestorbenen ihr : » Ruhe in Frieden ! « nach . Siebentes Capitel Die Bestattung des Freiherrn fand in aller Stille und nur im Beisein der Edelleute Statt , welche sich von den benachbarten Gütern zu derselben eingestellt hatten . Da man in der Mitte des Sommers war , hatte man die Beerdigung nicht hinausschieben dürfen , bis man die nächsten Verwandten des Hauses herbeirufen können , und ihre Zahl war auch nicht eben groß . Es lebte außer Renatus und dem kleinen Valerio jetzt Niemand mehr , der den Namen von Arten-Richten trug . Die beiden alten Vettern , welche einst der Grundsteinlegung zur Kirche und der Geburt von Renatus beigewohnt hatten , waren lange todt . Auch der Schwiegervater des Freiherrn , der Graf von Berka , war gestorben . Der jetzige Majoratsherr des gräflichen Hauses stand noch bei dem Regimente , in das er für die Befreiungskriege eingetreten war , und Graf Gerhard , mit dem der verstorbene Freiherr , wie die Berka ' sche Familie selbst , in einem wenig vertrauten Verkehre gelebt hatte , befand sich immer noch in des Landes Hauptstadt , von wo man ihn der Entfernung wegen nicht zur Leichenfeier hatte einladen können . Niemals war das Schloß dem Caplan größer und würdiger , niemals so einsam erschienen , als an dem Mittage , an welchem er , von der Beerdigung seines Herrn und Freundes kommend , es vor sich auf der Terrasse liegen sah . Er konnte sich deutlich des Tages erinnern , an dem er vor vollen fünfzig Jahren in Richten eingetroffen war . Damals hatte der Freiherr neunzehn Jahre gezählt . In ihrer ganzen Schönheit hatte seine Schwester an des herrlichen Jünglings Seite gestanden , und vor ihnen allen