fremd . Als fünf Wochen verflossen waren , reiste sie nach Haus zurück . Weißt Du , Agathe , wenn diese Woszenskis Dir so viel interessanter sind , als Deine eigenen Eltern , dann ist es am besten , wir treten Dich ihnen ganz ab . Dein Herz ist ja doch bei ihnen geblieben . ” “ Ach , Papa — so mein ' ich ' s ja nicht . . . ” “ Aber lieber Ernst , ” sagte die Regierungsrätin entschuldigend , “ es ist doch hübsch , daß unser Kind uns von der Reise erzählt . . . ” “ Das wollt ' ich mir auch ausgebeten haben , ” sagte Heidling verstimmt , “ vorläufig lasse ich sie nicht wieder fort , sonst findet sie uns nachher zu spießbürgerlich und langweilig . ” “ Glaube mir nur , mein Kind , ” redete der Regierungsrat weiter , “ was Dich da geblendet hat , ist ein Wesen , in das Du mit Deiner soliden Natur Gott sei Dank gar nicht hineinpaßt — es würde Dir bald genug zum Bewußtsein gekommen sein . So — nun gieb Deinem alten Papa einen Kuß , wenn er auch kein Künstler ist , er meint es doch besser mit Dir , als Deine Woszenskis und wie die Leute da alle heißen . ” Frau Heidling kam eines Abends in ihrer Tochter Schlafzimmer . Sie setzte sich und sah zu , wie Agathe ihr langes braunes Haar kämmte . “ Mama , steht es mir besser , wenn ich die Flechte nicht mehr über den Scheitel lege , sondern so im Nacken trage ? Eugenie sagt , es wäre viel moderner . ” Mutter und Tochter versuchten die neue Haartracht . Dabei sah die Rätin dem Mädchen in die Augen , wie sie es früher gethan , wenn sie herausbekommen wollte , ob Agathe oder Walter genascht hatten , und fragte scherzhaft obenhin : “ Sag mal — Du — war denn Herr von Woszenski so sehr interessant ? ” Agathe lachte . “ Sehr , Mama — wirklich — sehr — ach , er ist entzückend . Ich hab ' ihn zu gern ! ” “ Aber Kind — er ist doch ein verheirateter Mann . . . . ” Die liebe Mama seufzte und sah ganz sorgenvoll aus . “ Du bist so verändert , seit Du zurückgekommen bist . . . . ” “ Mama — nein ! ” Agathe lachte noch viel übermütiger . “ Du denkst , ich habe mich in Herrn von Woszenski verliebt ? ” “ Ein bißchen — natürlich nur ein bißchen ! ” Frau Heidling legte die Arme um ihre Tochter und zog sie an sich , um ihr das Geständnis zu erleichtern . “ Sag ' mir ' s , mein Kind ! ” Agathe wand sich lachend los . “ Wirklich , Mama , davon ist ja keine Spur ! Aber gewiß nicht ! Ich schwärme ja nur für sie alle beide . Es sind so liebe , liebe Menschen ! ” “ Wenn Du ' s sagst , glaube ich Dir ja — und — und — er hat sich doch nie eine Freiheit erlaubt ? ” “ Niemals , Mama , ” rief Agathe empört . “ Du machst Dir eine ganz falsche Vorstellung von ihm . Er ist ja so delikat . Nein — nein . ” Und nach einer Pause ganz leise , indem sie ihre Mutter küßte : “ Es war ein anderer , Mama — ich kann nicht . . . . verlange doch nicht , daß ich darüber reden soll . ” Mama streichelte schweigend ihr Haar und ging mit dem Licht hinaus . * * * Nachdem Agathe an Frau von Woszenski geschrieben hatte , wartete sie täglich in atemloser Spannung auf deren Antwort . Vielleicht würde sie irgend etwas über Lutz schreiben . Oder wenn auch das nicht — Agathe verlangte so sehr danach , von ihr zu hören — den Poststempel der lieben , merkwürdigen Stadt zu sehen , wo ein neues Leben für sie begonnen hätte . Endlich bekam sie einen Brief von Frau von Woszenski — sehr freundlich — aber viel zu kurz für ihre Wünsche . Und später schrieb sie nur noch einmal wieder : sie hätte zu viel zu thun — nach dem Malen wären ihre Augen zu angegriffen , um zu korrespondieren — Agathe wisse doch , daß sie sie trotzdem nicht vergessen werde , und daß sie bald wiederkommen müsse . Ja — ja — ja — . Agathe versuchte , sich mit der Hoffnung auf das Wiedersehen zu trösten . Gott im Himmel ! Warum gab sie nur immer gleich so viel von ihrem Herzen ? Die Leute wollten es ja gar nicht haben ! Wenn sie doch nur stolzer wäre ! * * * Am 5. September las Agathe frühmorgens in der Zeitung eine Notiz : Fräulein Daniel war als Naive für das Theater in M. engagiert worden . Sie hob das Blatt auf und barg es im Schreibtisch bei ihren Reliquien : einer Calicanthusblüte aus Bornau , die immer noch ein wenig duftete , der Manschette ihres Konfirmationsbouquets , Lord Byrons Photographie und einer Rezension über die Berliner Ausstellung , in der Lutz erwähnt wurde . Tausendmal hatte sie den gedruckten Namen schon geküßt . Ob Lutz am Ende seine Freundin bewogen habe , nach M. zu gehen , um sie hier zu besuchen und Agathe wiederzusehen ? Agathe hatte viel über das Verhältnis der beiden zu einander gegrübelt , daß zwei Menschen , die sich liebten , sich nicht schleunigst heirateten . Also liebte Lutz jedenfalls Fräulein Daniel nicht . Irgend etwas Besonderes mußte dahinterstecken — ein Geheimnis . Konnten sie nicht Geschwister sein ? Sie sahen sich doch wirklich ähnlich . — Wie schön — wie edel von Lutz , eine Schwester , die er aus Achtung vor der Ehre seines Vaters oder seiner Mutter nicht öffentlich anerkennen durfte