licht und hell ist wie heute Abend , gewiß , “ versicherte Gabriele . „ Am Tage finde ich das Schloß recht düster . Diese hohen Wölbungen , diese tiefen Nischen und breiten Pfeiler geben nichts als Schatten , und Dein Arbeitszimmer ist nun vollends der düsterste Ort , den ich kenne . Die schweren Vorhänge lassen ja auch nicht einen einzigen Sonnenstrahl hinein . “ „ Die Sonne stört mich beim Arbeiten , “ wandte der Freiherr ein . Die junge Dame warf ärgerlich das Köpfchen zurück . „ Aber mein Gott , man lebt doch nicht blos , um zu arbeiten . “ „ Es giebt aber Naturen , denen die Arbeit Nothwendigkeit und Bedürfniß ist , wie mir zum Beispiel . Ein Schmetterling , wie Du , begreift das freilich nicht . Der fliegt und flattert im Sonnenschein , glänzt in tausend Farben – und ist hin , sobald der bunte Staub von den Flügeln fällt . Es ist etwas Schönes , aber auch etwas Vergängliches um solch ein Schmetterlingsdasein . “ Es lag wieder etwas von dem alten Sarkasmus in den letzten Worten des Freiherrn . Gabriele nahm eine höchst beleidigte Miene an . „ Ah so , Du meinst , ich bin auch so ein buntes Nichts ? Nicht wahr , Onkel Arno ? “ „ Ich meine , daß es ein Unrecht wäre , von Dir zu verlangen , Du solltest Leiden oder Kämpfen gewachsen sein , “ sagte Raveu ernster . „ Wesen wie Du sind nun einmal nur für Glück und Sonnenschein geschaffen und können in keinem anderen Elemente leben . Die Arbeit und den Kampf überlasse mir und meines Gleichen ! Es ist auch eine Bestimmung , der Sonnenstrahl für seine Umgebung zu sein und alles Dunkle licht und hell zu machen ; Du hast ganz Recht , es ist töricht , ihn so streng zu verbannen , aus Furcht , man könne dadurch geblendet werden . Warum soll er nicht auch einmal den Herbst vergolden ? “ Er hatte sich zu dem jungen Mädchen niedergebeugt und sah ihr tief in ’ s Auge , als die Flügelthüren geräuschvoll geöffnet wurden und die Baronin Harder über die Schwelle rauschte . Der Freiherr richtete sich jäh empor und warf seiner Schwägerin einen nichts weniger als freundschaftlichen Blick zu , den sie zum Glück nicht gewahrte . Sie passirte gerade den großen Wandspiegel und prüfte darin den Effect ihrer Erscheinung . Die Dame hatte von der Freigebigkeit ihres Schwagers einen sehr ausgiebigen Gebrauch gemacht ; ihre reiche Toilette war nur etwas zu überladen , um schön zu sein . Die kostbare Atlasrobe verschwand fast unter all dem Sammet und den Spitzen , die sie bedeckten . Das Haar schmückte ein förmlicher Blumengarten , und die gleichfalls durch die Großmuth des Freiherrn aus dem Ruin geretteten Diamanten funkelten an Hals und Armen . Was Toilettenkünste nur leisten konnten , das war aufgeboten worden , und mit deren Hülfe wäre es der Baronin vielleicht auch gelungen , am heutigen Abende noch für eine schöne Frau zu gelten , wenn nicht die jugendlich blühende Gestalt der Tochter neben ihr gestanden hätte . Vor der Anmuth und Frische des siebenzehnjährigen Mädchens hielt keiner jener künstlichen Reize Stand , und daneben erschien die Mutter als das , was sie in der That war , als eine verblühte , alternde Frau . „ Verzeihung , wenn ich habe warten lassen ! “ sagte sie , sich mit gewohnter Liebenswürdigkeit ihrem Schwager nähernd . „ Ich wußte nicht , daß Sie bereits im Salon waren , Arno , und noch ist Niemand von den Gästen vorgefahren . Gabriele hat Sie hoffentlich während meiner Abwesenheit unterhalten . “ Raven erwiderte nichts . „ Unsere Gäste müssen sogleich erscheinen , “ äußerte er nach einer Weile , sichtlich verstimmt durch die Unterbrechung , und in der That hörte man gleich darauf den ersten Wagen vorfahren . Der Freiherr bot seiner Schwägerin [ 241 ] den Arm , um sie zu ihrem Platze am oberen Ende des Saales zu führen , dabei ging sein Blick prüfend von der Mutter zur Tochter . „ Gabriele gleicht Ihnen doch gar nicht , Mathilde , “ sagte er plötzlich , und der Ton verrieth eine geheime Befriedigung . „ Finden Sie das ? “ fragte die Baronin , die wahrscheinlich die entgegengesetzte Bemerkung lieber gehört hätte . „ Es mag sein , daß sie mehr ihrem Vater – “ „ Auch dem Baron gleicht sie nicht im Mindesten , “ fiel Raven ein . „ Sie hat auch nicht einen einzigen Zug von ihren Eltern geerbt – Gott sei Dank ! “ setzte er bei sich selber hinzu . Die Baronin schwieg mit empfindlicher Miene , obwohl sie den verletzenden Schluß der Bemerkung nicht vernehmen konnte . Es ließ sich freilich nicht leugnen , daß Gabriele weder die Harder ’ schen Familienzüge , noch die ihrer Mutter trug , sie war beiden Eltern so unähnlich , wie nur möglich . Den ersten Gästen , die jetzt eintraten , folgten bald mehrere . Wagen auf Wagen rollte in das Portal des Regierungsgebäudes , und die Säle begannen sich allmählich zu füllen . Die Einladungen waren diesmal in so ausgedehntem Maße ergangen , daß die weiten Festräume sich kaum ausreichend erwiesen für die glänzende Versammlung , die sich darin bewegte . Inmitten der Civiltracht , welche die meisten der Herren trugen , sah man auch zahlreiche Uniformen und die zum Theil prachtvollen Toiletten eines reichen Damenflors . Die Spitzen sämmtlicher Behörden , der Commandant und die Officiere der Garnison , wie die der nahegelegenen Festung waren vollzählig erschienen ; ebenso das ganze Beamtenpersonal des Freiherrn und überhaupt Alles , was in den Gesellschaftskreisen von R. nur irgendwie aus Stellung oder Bedeutung Anspruch machen konnte . Da die Veranlassung des Festes eine officielle war , so galt die Annahme der Einladungen als selbstverständlich , und aus diesem Grunde waren auch der Bürgermeister und die übrigen Vertreter der Stadt anwesend